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Zukunft der Arbeit:Ringen mit dem gnadenlosen Markt

Mitunter ringen die jungen Akademiker dem angeblich so gnadenlosen Markt Geschäftserfolge ab, für die es in keiner etablierten Firma Stellen gab, weil dort niemand auf diese Produkte kam oder sich nicht traute, sie anzubieten. Da ist der selbsterfundene Galerist, der Kunst über das Netz verkauft. Die Band, die auf keinen Plattenkonzern wartet, sondern ihre Songs via MP3-Dateien direkt an den Zuhörer bringt. Der Technik-Nerd, dessen Servicenotizen über ein bestimmtes Smartphone genug Leser fasziniert, um Anzeigen anzuziehen. Und, skurril genug, der Statist, der so hingebungsvoll über seine Einsätze als Leiche an Drehorten bloggt, dass er immer mehr Aufträge bekommt.

Das alles kann man als Hoffnungszeichen für eine wachsende Bevölkerungsschicht verbuchen: Es gibt inzwischen 2,3 Millionen Freiberufler ohne eigene Beschäftigte, womit diese Gruppe die klassischen Selbständigen (Metzger, Handwerker) überflügelt. Man könnte manches wie den Leichendarsteller als lockere Variante auf das ewige Lied von der harten neuen Arbeitswelt hören. Im sehr grundsätzlichen Deutschland wurden Friebe/Lobo gleich sehr grundsätzlich diskutiert - und abqualifiziert.

Da verweigern Firmen Festjobs, und dann sollen unfreiwillig Freie das auch noch feiern? Für traurige Selbstausbeuter-Jobs ohne Kantinenrabatt und Weihnachtsgeld? Nur etwas mehr als 10.000 Euro im Jahr melden freie Kulturschaffende im Schnitt als Jahreseinkommen bei der Künstlersozialkasse, kaum genug zum Leben, falls sie keine anderen Einnahmen haben. So sah mancher Friebe/Lobo als nützliche Idioten des Neoliberalismus, die sich den Szeneberliner Latte Macchiato zu Kopf steigen ließen, bis sie genug steile Thesen für eine Buchauflage von inzwischen 30.000 zusammenhatten.

Das linke Wochenblatt Freitag entlockte dem Autor Peter Plöger die passende Verdammung: "Digitale Boheme ist nur ein schickes Label für das sichtbare obere Siebtel des Eisbergs. Bei den anderen sechs Siebtel sieht es zum Teil sehr bitter aus. Leute, seit Jahren selbständig und hoch qualifiziert, können sich keinen Zahnersatz leisten."

Inzwischen äußert sich Plöger differenzierter. Der Autor hat für Bücher im Hanser-Verlag über die neue Arbeitswelt vier Dutzend moderne Selbständige befragt: "Bei Friebe/Lobo kommt die Lage zu positiv rüber. Viele der Selbständigen fühlen sich von den Arbeitgebern verarscht und von den Politikern alleingelassen. Es gibt kein gutes und gerechtes Einkommen für alle." Plöger hat digitale Bohemiens getroffen, die sich keine 300 Euro Einstiegssatz für die Krankenkasse leisten können und sich deshalb illegal beim Ehepartner versichern - oder gleich auf Gesundheitsschutz verzichten.

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