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Zukunft der Arbeit:Mehr Mensch

Die christliche Sozialethik hat eine unvergleichliche Stärke: Sie kann der globalisierten Wirtschaft eine globale Ethik zur Seite stellen

Die Welt schien aus den Fugen geraten zu sein. Millionen Menschen verließen ihre Dörfer. Sie zogen in die Städte, dorthin, wo die großen Fabriken standen, wo Kohlegruben sich in die Erde fraßen und das Meer der Mietskasernen das Ackerland überflutete. Sie arbeiteten am Tag und in der Nacht, sie atmeten Staub, bis sie Blut spuckten, in Lärm und Hitze. Der Lohn der Proles war gering, die Nachkommen waren das einzige Kapital dieser neuen Stadtmenschen, viele Kinder in zu engen Wohnungen, wo die Erwachsenen den Schmerz und die Monotonie des Tages mit Alkohol betäubten und die Gewalt am Küchentisch saß. Immer mehr Arbeiter glaubten, erst der Umsturz und die Enteignung der Fabrikanten würden ein neues Leben in Gerechtigkeit schaffen. Konnte dies Gottes Wille sein?

Es konnte Gottes Wille nicht sein, davon war Papst Leo XIII. überzeugt. Die Menschen sollten ihren natürlichen Platz im Leben haben. Sie sollten in ihren Familien leben, geleitet von der Lehre der katholischen Kirche - und nicht entwurzelt in der Anonymität der sittenlosen Großstadt. Sie sollten Wert und Würde aus einer Arbeit ziehen, die sie nicht krank macht, sollten für gute Arbeit fairen Lohn erhalten. Aber sich auch nicht auflehnen gegen die Obrigkeit. Und schon gar keinen Sozialismus wollen.

Ein antimodernes Weltbild leitete Papst Leo, als er 1891 das Rundschreiben "Rerum Novarum" verfasste, die erste katholische Sozialenzyklika. Damit die Schöpfung nicht aus den Fugen gerät, trat er für einen Ausgleich zwischen Arbeit und Kapital ein - und für die Würde des Arbeiters und seiner Arbeit. Es gehe nicht an, schrieb der Papst, dass hartherzige Arbeitgeber die Menschen "nicht wie Menschen, sondern als Sachen behandeln".

Die Arbeit ist für Papst Leo mehr als Gelderwerb. Sie ist Teil des Menschseins. Aus dem gleichen Grund hatte schon ein halbes Jahrhundert zuvor der evangelische Sozialreformer Johann Hinrich Wichern den Wert der Arbeit in seinem "Rauhen Haus" gepriesen: Sie "wurde der erste Ableiter der rohen Kräfte und führte bei den meisten dahin, dass die rohen verwüstenden Kräfte in heilsame verwandelt wurden." Die Arbeit erhebt den Menschen über das Tier.

Von Beginn an hatte im Christentum die Arbeit auch eine religiöse Dimension (obwohl Jesus den Berichten der Evangelisten zufolge keiner geregelten Erwerbsarbeit nachgegangen war). Die Arbeit erinnerte daran, dass das Paradies verloren war und der Schweiß im Angesicht zum Los des Menschen gehört. Sie verband die Gemeinschaft der aus dem Paradies Vertriebenen: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", heißt es beim Apostel Paulus, und es ist kein Zufall, dass der gleiche Satz auch bei Karl Marx steht: Arbeit ordnet ein in die Gemeinschaft, sie ist notwendig, um ins himmlische oder irdische Paradies zu gelangen. Faulheitsbewegungen waren den Christen wie den Sozialisten von jeher fremd. Ora et labora! Bete und arbeite! Das schrieb Benedikt von Nursia in die Regel seines Ordens - betend und arbeitend machten die Benediktiner Europa nach der Völkerwanderung wieder urbar. Im 16. Jahrhundert predigte der Reformator Johannes Calvin: Im Erfolg zeigt sich, ob jemand Gnade vor Gott gefunden hat. Er begründete jene calvinistische Arbeitsethik, in der Max Weber, der Soziologe, den Ursprung des Kapitalismus sah.

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