Süddeutsche Zeitung

Zahlen fürs Studium:Studiengebühren abschaffen? Eine Katastrophe!

Hochschulen kaufen endlich wieder Lehrbücher, Labore bestellen Mikroskope, neue Dozenten werden eingestellt: Die Universitäten profitieren enorm von den Studiengebühren. Trotzdem schaffen immer mehr Bundesländer die Mitfinanzierung durch die Studenten ab - eine kurzsichtige Entscheidung mit massiven Folgen.

Stephan Bierling

Den Studiengebühren, vor nicht langer Zeit noch ein Vorzeigeprojekt schwarz-gelber Regierungen, droht das Aus. Von den sieben Bundesländern, die ab 2007 Gebühren für das Erststudium einführten, sind ohnehin nur noch fünf übrig.

Wahlniederlagen von CDU und FDP und neue Parlamentsmehrheiten ließen Hessen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Baden-Württemberg die Studiengebühren wieder abschaffen. Nur Niedersachsen und Bayern haben sie noch, und selbst im Freistaat stellt CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer sie in Frage.

Das Ende der Gebühren wäre eine Katastrophe für die Universitäten und Fachhochschulen. Nichts hat die Lehre in den vergangenen 30 Jahren mehr verbessert als die 500 Euro pro Semester, mit denen die Studenten ihre Ausbildung mitfinanzieren. "Mitfinanzieren" ist das Schlüsselwort.

Die Bundesregierung veranschlagt die Kosten eines durchschnittlichen Studienplatzes mit 5500 Euro im Jahr, der Steuerzahler schultert nach wie vor 90 Prozent. Jeder Schreiner und Metzger wäre überglücklich, wenn der Staat für seine Meisterausbildung fast völlig aufkommen würde.

Natürlich ist das Studiengebühren-System nicht perfekt: Mehr als ein Drittel der Studenten in Bayern sind von der Gebühr befreit. Vor allem durch die Regel, nur ein Kind pro Familie bezahlen zu lassen, entgeht den deutschen Hochschulen viel Geld. Sozialpolitisch ist dies ebenfalls problematisch.

Studenten entscheiden mit

Einzelkinder von Arbeitern, die studieren, finanzieren auf diese Weise die Zweitkinder von Zahnärzten und Unternehmenschefs mit. Ab drei Geschwistern zahlt gar keines, Doktoranden studieren gratis, ebenso ausländische Austauschstudenten. Auch steigen die 500 Euro nicht mit der Inflation, real hat eine Hochschule also jedes Jahr zwei bis drei Prozent weniger zur Verfügung.

Oft wird der langsame Abfluss der Mittel kritisiert. Das liegt zum Teil daran, dass die Studiengebühren zweckgebunden sind und ausschließlich zur Verbesserung der Lehr- und Studienbedingungen eingesetzt werden dürfen.

Zu jedem Posten, den eine Hochschule aus Gebühren finanziert, werden die Vertreter der Studenten angehört, zum Teil mehrmals. Das ist ein langwieriger Abstimmungsprozess, obwohl am Ende meist Einvernehmen zwischen Studenten und Hochschulleitung erzielt wird.

Aber als Prorektor sind mir auch Studentenvertreter begegnet, die das ganze, von ihnen grundsätzlich abgelehnte Gebührenmodell aushebeln wollen, indem sie mit kleinlichen Auflagen den raschen Einsatz der Mittel verhindern. Ihre Logik: Je mehr Gebühren auf den Hochschulkonten lagern, desto leichter lässt sich argumentieren, die Hochschulen wüssten damit doch gar nichts anzufangen.

Trotz dieser Systemschwächen haben die Universitäten und Fachhochschulen in den vergangenen vier Jahren enorm von den Studiengebühren profitiert, vor allem in den Massenfächern. Während Medizin, Pharmazie und andere Disziplinen über den Numerus clausus zulassungsbeschränkt sind und viele Naturwissenschaften nur so viele Bewerber aufnehmen müssen, wie sie Laborplätze haben, werden die Geistes-, Kultur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften von Studenten überrannt.

Massenfächer profitieren von Studiengebühren

Bisher hatten die Länder kaum etwas getan, um diese Fächer personell ordentlich auszustatten. Die Studiengebühren bewirkten hier eine kleine Revolution. Da die Hochschulleitungen sie den Fakultäten nach Zahl der dort eingeschriebenen Studenten zuteilen, gewinnen die Massenfächer am meisten.

Neue Dozenten können eingestellt, Tutoren angeheuert, Klassengrößen reduziert werden - genau da, wo es am nötigsten ist. Jeder, der selbst einmal unterrichtet hat, weiß, welch gewaltigen Unterschied es macht, ob in einem Kurs 20 oder 40 Studenten sitzen.

Individuelle Förderung und Beratung ist der wichtigste Faktor für den Studienerfolg. Die Spitzenuniversitäten der Welt bilden vor allem deshalb so gut aus, weil sie eine viel bessere Betreuungsrelation haben, als es in Deutschland der Fall ist.

Die Liste der durch die Studiengebühren erzielten Verbesserungen ist endlos: Die über Jahrzehnte ausgehungerten Hochschul-Bibliotheken können Lehrbücher kaufen, Fachzeitschriften abonnieren, elektronische Semesterapparate zusammenstellen und ihre Öffnungszeiten ausweiten; betreuungsintensive Lehrformen wie Planspiele und Exkursionen werden möglich; Lehrbeauftragte und Gastreferenten kommen wieder an die Hochschulen, weil sie Fahrt- und Hotelkosten und ein kleines Salär erhalten, Labore bestellen neue Mikroskope, die Musikpädagogik kann ihre verschlissenen Instrumente ersetzen.

Ohne die Studiengebühren wäre die Umstellung auf die Bachelor- und Masterprogramme kaum je gelungen, weil diese weit mehr Beratung erfordern als die alten Studiengänge. Auch ist die verschultere und praxisnähere Bologna-Ausbildung nur realisierbar, wenn sich eigene Studienberater um Stipendien, Praktika und Wirtschaftskontakte kümmern.

Die Studiengebühren sind ein Erfolgsmodell, erstmals sind die Hochschulen etwas unabhängiger von den kurzatmigen Finanzplanungen der Bundesländer. Angesichts deren massiver Haushaltsprobleme ist es ohnehin illusorisch zu erwarten, dass die staatlichen Mittel für die Bildung in den kommenden Jahren steigen werden.

Standortvorteil Studiengebühren

Zwar haben einige Länder, die die Studiengebühren abgeschafft haben, den Hochschulen eine Kompensation für ihre Einnahmenverluste zugesagt. Aber das ist Augenwischerei. Denn die Extra-Gelder sind "kapazitätsrelevant", das heißt, sie sind an die Mehraufnahme von Studenten gekoppelt. Bessere Lehr- und Lernbedingungen bringen sie nicht.

Letzten Endes sind die Studiengebühren ein Standortvorteil. Die motiviertesten Studenten und Dozenten werden sich Hochschulen in Bundesländern suchen, die ihnen bessere Lehr- und Lernbedingungen bieten als die Konkurrenten. Die Studiengebühren spielen dabei schon heute eine wichtige Rolle.

Da die Hochschul-Absolventen meist in der Region Arbeit finden, gewinnt das Land immens. Bayern und Niedersachsen sollten deshalb ihrer Entscheidung für die Studiengebühren treu bleiben. Die Hochschulen, Dozenten wie Studenten, die Wirtschaft und die Gesellschaft werden es ihnen danken.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2011/gal
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