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Zahl der Niedriglöhne steigt:Gleiche Arbeit, weniger Geld

Arbeitnehmer in Deutschland müssen sich immer häufiger mit Niedriglöhnen zufrieden geben, die in anderen europäischen Ländern unzulässig wären. Auch Akademiker sind betroffen.

In Deutschland müssen immer mehr Menschen für einen Hungerlohn arbeiten. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. Demnach haben 2008 rund 6,55 Millionen Beschäftigte eine Vergütung unterhalb der Niedriglohnschwelle erhalten - das waren rund 162.000 mehr als 2007.

Streit um Mindestlohn

Geringverdiener in Deutschland bekommen heute weniger Gehalt als noch vor zehn Jahren.

(Foto: dpa)

Seit 1998 ist die Zahl der Geringverdiener damit sogar um fast 2,3 Millionen gestiegen. Jeder fünfte Beschäftigte (20,7 Prozent) erhielt 2008 einen Niedriglohn. Nach einer OECD-Definition heißt das: Betroffene in Westdeutschland bekamen weniger als 9,50 Euro, in Ostdeutschland weniger als 6,87 Euro brutto pro Stunde.

Im Untersuchungszeitraum von 1995 bis 2008 habe sich der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland von 14,7 Prozent auf 20,7 Prozent erhöht, teilte das IAQ mit. Seit 2006 stagniere der Niedriglohnanteil zwar bei knapp einem Fünftel aller Beschäftigten. Die Zahl der Niedriglöhner sei zuletzt jedoch trotzdem weiter gewachsen, weil der Beschäftigungsgrad insgesamt zugenommen habe. Etwa jeder dritte Geringverdiener (gut 2,1 Millionen) arbeitete 2008 für Stundenlöhne unter 6 Euro brutto. Rund 1,15 Millionen mussten sich sogar mit weniger als 5 Euro begnügen.

In den meisten EU-Ländern wären solchen Vergütungen den Wissenschaftlern zufolge im Verhältnis zum jeweiligen mittleren Stundenlohn "unzulässig". Grund dafür sei, dass die gesetzlichen Mindestlöhne in den Staaten zwischen 40,5 Prozent und 62,7 Prozent des Vollzeitstundenlohns betrügen. So lägen in den Niederlanden, Belgien, Irland, Frankreich und Luxemburg etwa die Lohnuntergrenzen zwischen 8,41 Euro und 9,73 Euro. Würde sich Deutschland an dieser Spanne orientieren, müsse hierzulande ein Mindestlohn zwischen 5,93 Euro und 9,18 Euro eingeführt werden, urteilten die Wissenschaftler.

Der Studie zufolge gehören längst nicht nur Geringqualifizierte zu den Geringverdienern. So ist der Anteil der Betroffenen mit abgeschlossener Berufsausbildung zwischen 1995 und 2008 von 63,4 auf 71,9 Prozent gestiegen. Werden Erwerbstätige mit Hochschulabschluss dazugerechnet, sind aktuell vier von fünf Niedriglöhnern formal ausreichend ausgebildet. "Das zeigt, dass eine Ausbildung nicht mehr davor schützt, im Niedriglohnsektor zu landen", sagte IAQ-Forscherin Claudia Weinkopf. Es bedeute im Umkehrschluss aber nicht, dass sich eine Ausbildung nicht mehr lohne. "Ohne Ausbildung ist das Risiko noch höher, in diesem Sektor zu landen."

Generell sind auch Frauen deutlich stärker von dem Problem betroffen als Männer: Sieben von zehn Niedriglöhnern (69,2 Prozent) sind den jüngsten Angaben zufolge weiblich. Die ausgewerteten Daten stammen aus dem Sozio-oekonomischen Panel, einer jährlichen repräsentativen Befragung von Privathaushalten in Deutschland.

In europäischen Nachbarländern sei der Niedriglohnanteil in den vergangenen Jahren deutlich niedriger gewesen, teilte das IAQ mit. In Frankreich hätten im Jahr 2005 rund 11,1 Prozent der Beschäftigten einen Niedriglohn bekommen. In Dänemark läge der Niedriglohnanteil bei 8,5 Prozent.

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