Xing: Online-Spiel zur Krise Spring mit Xing

Arbeitslose springen aus dem Fenster - so funktionierte das neue Online-Spiel von Xing. Nach heftigen Protesten hat die Business-Plattform die Geschmacklosigkeit aus dem Netz genommen.

Von J. Bönisch

VM ist eigentlich die Abkürzung für "virales Marketing" - eine Werbeform für soziale Netzwerke: Eine Kampagne soll sich allein via Mundpropaganda unter den Usern verbreiten, die im Idealfall gar nicht durchschauen, wer hier für was wirbt oder Aufmerksamkeit wecken will.

Das Xing-Spiel zur Krise: "Harvard, Hedge Fund, obdachlos" - und selbstmordgefährdet.

(Foto: Screenshot: werbeblogger.de)

Im Fall der jüngsten Kampagne des Social Networks Xing allerdings könnte die Abkürzung VM auch für "völlig verunglücktes Marketing" stehen. Das Online-Spiel "Save the sacked" - zu deutsch "Rette die Gefeuerten" - hat im Internet einen Proteststurm ausgelöst. Blogger empören sich über die Geschmacklosigkeit, Xing-Mitglieder wundern sich über den Missgriff.

"Du bist gefeuert!"

Zur Vorgeschichte: Auf der Seite savethesacked.com konnten sich Internet-Nutzer in den vergangenen Wochen mit einem Spiel zur Wirtschaftskrise die Zeit vertreiben. Aus dem Fenster eines Hochhauses rufen Chefs "You're fired" ("Du bist gefeuert"). Daraufhin springen die nun arbeitslosen Untergebenen deprimiert aus dem Fenster und stürzen in die Tiefe. Der Spieler kann die Selbstmörder retten, indem er sie mit einem per Maus gesteuerten Fallschirm auffängt. Bei Youtube kursiert inzwischen eine abgewandelte Version des Spiels: "Powered by Suicide Marketing" lautet passenderweise die Eingangsformel. Xing versucht derzeit nach eigenen Angaben, diese Version löschen zu lassen.

Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeitslosigkeit und Jobabbau ist. "Wir nehmen natürlich wahr, was um uns herum und in der Wirtschaft passiert", sagt Xing-Sprecher Thorsten Verspermann. Da sei ihnen das Spiel als Add-on einer Online-Banner-Kampagne passend erschienen.

Die Internetgemeinde sieht das anders: Beim Micro-Blogging-Twitter reichten die Kommentare von "am Rande des guten Geschmacks" über "Das kann ja wohl nicht wahr sein" bis hin zu "peinlichste Werbung". Zudem wunderte man sich, ob der durchschnittliche Xing-Nutzer überhaupt in der Lage sei, den Namen des Spiels zu verstehen: "Wäre auch mal eine gute Umfrage wert, was das bedeutet. Sichert die Säcke?"

Vier Wochen bis zu den ersten Protesten

"Online-Spiele sind sehr häufig plakativ und provokant", verteidigt Xing-Sprecher Verspermann die Aktion. Er glaube nicht, dass diese Meinungen repräsentativ für alle User des Spiels seien. Dafür spricht seiner Meinung nach auch, dass "savethesacked.com" bereits vier Wochen online stand, bevor sich die ersten Proteste formierten. "Nichtsdestotrotz haben wir nun auf die Irritationen reagiert und das Spiel vom Netz genommen." Gibt ein User die Adresse ein, landete er zunächst automatisch auf der Homepage von Xing. Mittlerweile hat das Unternehmen dort jedoch eine Seite mit folgender Erklärung veröffentlicht: "Das (Gewinn-)Spiel "savethesacked" hat bei einigen Internet-Nutzern zu negativen Assoziationen geführt. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, das Spiel offline zu nehmen."

Das Ziel der Marketing-Kampagne - Xing im Netz bekannter zu machen - dürfte das Unternehmen nach der Aufregung erreicht haben. Dort ist man der Ansicht, Arbeitnehmer bräuchten in der Wirtschaftskrise nichts dringender als Xing-Kontakte, die ihnen neue Karrierechancen eröffnen könnten. Wie heißt es so schön in der offiziellen Pressemitteilung: "'Papa, deine Firma ist in der Zeitung. Papa, was heißt Insolvenzantrag?' Diese und ähnliche provokante Aufmacher zeigen Berufstätigen den Nutzen von Xing gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten auf."

"Mama, der Papa springt gerade aus dem Fenster" - diesen Satz haben sich die Verantwortlichen in der Pressemitteilung gespart.