Wutausbruch im Büro:"Es herrscht eine Cowboy-Mentalität"

Lesezeit: 2 min

Der Stress wächst, der Ton wird rauer, es häufen sich Fälle von "Desk rage": unkontrollierte Wutausbrüche im Büro. Eine Psychologin erklärt das Phänomen.

J. Lutz

Emotionale Explosionen am Arbeitsplatz - in den USA gibt es dafür bereits einen Begriff: Desk rage. Nach aktuellen Studien hat jeder zehnte Berufstätige schon einmal Gewalt im Job erlebt. Jeder zweite muss sich häufig anschreien und beleidigen lassen. Bonny Beuret, Psychologin aus Savannah im US-Bundesstaat Georgia, hilft Menschen, die ihre Wut im Job nicht mehr unter Kontrolle haben.

Wutausbruch im Büro: Emotionale Explosionen am Arbeitsplatz: In der Wirtschaftskrise wird der Ton in vielen Unternehmen rauer.

Emotionale Explosionen am Arbeitsplatz: In der Wirtschaftskrise wird der Ton in vielen Unternehmen rauer.

(Foto: Foto: iStock)

SZ: Sie arbeiten als Therapeutin und müssen sich immer öfter mit dem Phänomen "Desk rage" auseinandersetzen. Was ist das genau?

Beuret: Wenn Leute am Arbeitsplatz plötzlich in Tränen ausbrechen, einen Schreianfall bekommen, andere beleidigen, schlagen oder Firmeneigentum zerstören - all das sind Fälle von Desk rage.

SZ: Vermuten Sie hinter der Häufung der Fälle die Wirtschaftskrise?

Beuret: Ich habe viel mit Führungskräften zu tun und höre immer wieder, dass ihre Mitarbeiter dünnhäutiger geworden sind und entsprechend reagieren. Die meisten haben Angst um ihre Jobs - das erhöht natürlich den Stresslevel. Aus diesem Grund rasten manche schneller aus, der Umgangston wird rauer. Beispielsweise kenne ich einen Quality Control Manager in einer größeren Firma hier in Savannah, in der bereits viele entlassen wurden. Er sagt, dass es derzeit viel schwieriger sei, mit seinen Leuten zu arbeiten. Damit sie überhaupt noch seine Anweisungen befolgen, muss er jetzt sehr bestimmt auftreten. Je mehr Stress auf den Leuten lastet, umso weniger gehen sie zivilisiert miteinander um.

SZ: Wird es auch in Deutschland zu solchen Vorfällen kommen? Oder ist es ein USA-typisches Phänomen?

Beuret: In Deutschland gibt es ein viel besseres soziales Netz als in den USA, wo man nach dem Jobverlust höchstens zwei Wochen Arbeitslosenunterstützung erhält. Das verstärkt in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit den Stress. Außerdem herrscht in den USA eine gewisse Cowboy-Mentalität. Wer hier früher überleben wollte, musste auch schon mal rau reagieren. Diese Haltung hat sich wohl bis heute gehalten. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass es eher in Deutschland zu Fällen von Desk rage kommen wird als beispielsweise in der Schweiz. In Europa habe ich mit Firmengruppen aus beiden Ländern gearbeitet und dabei habe ich die deutschen Teilnehmer angespannter und härter im Umgang miteinander erlebt als die Schweizer.

SZ: Wie geht man als Vorgesetzter am besten mit einer solchen Situation um?

"Wenn jemand am Schreibtisch explodiert, ist es schon zu spät

Beuret: Wenn jemand am Schreibtisch förmlich explodiert, dann ist es eigentlich schon zu spät. Dann hat der Chef oder hat die Firma versagt. Ein respektvoller Umgang miteinander und eine offene Kommunikation dagegen helfen, solche Situationen zu verhindern.

SZ: Und wenn es doch einmal so weit kommen sollte...

Beuret: Dann kann man nur versuchen - selbst in diesem Moment - respektvoll mit dem Mitarbeiter umzugehen und ihn zu beruhigen. Man könnte eingestehen, dass tatsächlich vieles nicht gut läuft und ihm anbieten, darüber zu reden. Auf der anderen Seite sollte ein Chef dem Mitarbeiter auch signalisieren, dass sein Verhalten nicht akzeptabel ist und dass er Hilfe benötigt. Jedem Vorgesetzten, aber auch jedem Mitarbeiter würde ich heute raten, ein paar gute Stressmanagementtechniken zu erlernen.

SZ: Welche denn?

Beuret: Zum Beispiel die "Emotional Freedom Technique", die sich leicht erlernen lässt. Man setzt sich in einen bequemen Sessel und denkt intensiv an das Problem und die Person, die einen belasten. Dabei drückt man bestimmte Punkte an Augen, Nase, Mund, Brustkorb und den Händen. Das Klopfen dieser Meridiane beseitigt natürlich nicht die Umstände, die den Stress auslösen. Es ist aber ein Instrument, mit dem man Überreaktionen auf diese Umstände reduzieren kann.

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