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Wohnungsmarkt:Türöffner  gesucht

Thema: Wohnungssuche, Anzeigentafel an der Uni in Bonn. Bonn Deutschland *** Subject Housing search, notice board at the

Ein Dach über dem Kopf: Ohne fremde Hilfe ist es für Migranten nahezu aussichtslos, eine Wohnung zu finden.

(Foto: imago images/photothek)

Zuwanderer und Geflüchtete haben es schwerer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Doch einige Projekte zeigen, wie sich Vorurteile aus dem Weg räumen lassen und die Integration besser gelingen kann.

Von Ingrid Weidner

Manchmal reicht Vermietern schon ein fremd klingender Name oder ein Kopftuch, um Bewerber von einem Besichtigungstermin auszuladen, wie eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt. Doch es gibt Projekte, die solche Vorurteile aus dem Weg räumen sollen. In Lübeck entwickelten Akteure aus der Wohnungswirtschaft, Stadt und Diakonie das Projekt "Probewohnen". Geflüchtete mit einer guten Bleibeperspektive sollen möglichst bald aus der Erstunterkunft in eine eigene Wohnung umziehen, so der Plan. Damit sich beide Seiten besser kennenlernen, wird der Mietvertrag zunächst für ein Jahr auf Probe ausgestellt, die Miete übernimmt die Stadt. Ausgewählt werden die Interessenten von der Diakonie. Sozialarbeiter betreuen in dem Jahr die Menschen, helfen ihnen, sich im neuen Umfeld einzuleben und unterstützen sie im Alltag.

Matthias Rasch, Geschäftsführer der Grundstücks-Gesellschaft Trave, mit etwa 8400 Wohnungen im Bestand, zählt zu den Vätern des Konzepts. "Unser Ziel ist es, diesen Vertrag auf Probe in einen unbefristeten Mietvertrag umzuwandeln", sagt Rasch. Das gelinge in 95 Prozent der Fälle. Seit 2015 läuft das Modell in Lübeck und in dieser Zeit schloss Trave mehr als 250 Mietverträge auf Probe ab, insgesamt konnten mehr als 400 Wohnungen über das Probewohnen an Geflüchtete vermietet werden, weil sich auch andere, etwa Genossenschaften und private Vermieter, beteiligen.

Die Mietgarantie für das erste Jahr hilf, Geflüchteten, Türen zu öffnen. André Weidmann, Abteilungsleiter Obdach und Asyl der Gemeindediakonie Lübeck, versucht, mehr private Eigentümer zu überzeugen. Ein Team der Diakonie durchforstet regelmäßig Wohnungsannoncen, telefoniert mit den Vermietern und wirbt dafür, Geflüchteten eine Chance zu geben. "Wir putzen viele Klinken, rufen an und sind viel unterwegs", erzählt Weidmann über die mühsame Arbeit. Noch sind die Erfolge bescheiden, denn etwa 85 Prozent der Wohnungen zur Probe steuern Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften bei, nur 15 Prozent kommen von privaten Vermietern. Weidmann erzählt, dass es einfacher sei, bei privaten Vermietern eine Wohnung für Familien zu finden. Doch auch in Lübeck mit seinen rund 220 000 Einwohnern steigen die Mieten, es entstehe eine Konkurrenz unter denjenigen, die auf eine günstige Mietwohnung angewiesen sind.

Ingrid Breckner, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der Hafen City Universität Hamburg (HCU), begleitet das Lübecker Projekt wissenschaftlich. Zwar gibt es noch keinen Abschlussbericht, doch Breckner lobt das Probewohnen als "gute Sache". Besonders die Betreuung helfe, kleine Probleme schnell zu lösen. Skeptisch äußerten sich aber einige der privaten Vermieter in der Studie: "Manchen wäre es lieber, immer nur ein Jahr auf Probe zu vermieten, anstatt den befristeten in einen unbefristeten Mietvertrag umzuwandeln", sagt Breckner.

Kritisch sieht Breckner, dass die künftigen Mieter handverlesen sind. André Weidmann von der Diakonie Lübeck kennt diese Diskussion, argumentiert aber, dass 95 Prozent derjenigen, die für das Probewohnen ausgewählt werden, anschließend einen eigenen Mietvertrag abschließen. "Wichtige Kriterien für das Probewohnen sind für uns eine gesicherte Bleibeperspektive, Sprachkenntnisse und Selbständigkeit", nennt Weidmann einige Beispiele der Checkliste.

Private Vermieter spricht auch die "Wohnbrücke Hamburg" an, die 2015 von ehrenamtlichen Helfern gegründet wurde, um Geflüchteten die Wohnungssuche zu erleichtern. Träger des Projekts ist die Lawaetz-wohnen&leben gGmbH. Das besondere am Modell sind die sogenannten Wohnungslotsen. Diese ehrenamtlichen Helfer werden von der Wohnbrücke Hamburg geschult; später begleiten sie Wohnungssuchende zu Besichtigungen, unterstützen sie in Fragen zum Wohnen und Mieten. "Die Wohnungslotsen sind Türöffner gegenüber privaten Vermietern und helfen beiden Seiten bei Fragen", sagt Alena Thiem von der Wohnbrücke Hamburg.

"Arbeit finden Geflüchtete meistens leicht, doch eine Wohnung zu finden, ist viel schwieriger"

"Alle Wohnungssuchenden kommen zum Kennenlern- und Beratungsgespräch zu uns, bevor wir sie bei der Wohnungssuche aktiv unterstützen können", sagt Thiem. Die Mitarbeiter des Projekts besichtigen die Wohnungen und lernen die Vermieter kennen, um möglichst passgenau zu vermitteln. Erklärungsbedürftig sei auch der hiesige Mietmarkt, Grundrisse oder Dachschrägen. Manche Vermieter wünschten sich ganz bestimmte Mieter, "andere sagen, wir können die Person schicken, die es besonders schwer hat, eine Wohnung zu finden", sagt Thiem.

Die Wohnungslotsen agieren auch als Kulturvermittler, können Vorurteile und Missverständnisse ausräumen oder Tipps geben. "In Syrien bereiten die neuen Mieter Gebäck und Essen vor und warten, dass die Nachbarn vorbeikommen und läuten. Dagegen klingeln in Deutschland die Neuen bei den Nachbarn", nennt Thiem ein Beispiel. Wissen beide Seiten nichts von den Bräuchen der anderen, sitzen sie schmollend in ihren Wohnungen und ärgern sich. Seit Projektbeginn im November 2015 hat das Team der Wohnbrücke Hamburg 939 Ehrenamtliche zu Wohnungslotsen geschult und mit dem Unterstützungsangebot rund 827 Wohnungen für Geflüchtete gefunden.

Fehlt eine bezahlbare Bleibe, erschwert das auch die Integration. "Arbeit finden Geflüchtete meistens leicht, doch eine Wohnung zu finden, ist viel schwieriger", sagt Hazal Budak-Kim, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hafen City Universität Hamburg. Sie beschäftigt sich in ihren Forschungsprojekten mit Fragen von Migration und Wohnen. In Interviews zum laufenden Projekt "Fluchtort Stadt" befragte die Soziologin Geflüchtete und Migranten, die ihr von korrupten Vermietern berichteten. "Mehrere Geflüchtete haben uns erzählt, dass sie Geld auf den Tisch legen müssen, wenn sie eine Wohnung wollen. Es war von Bestechungsgeldern von 5000 Euro die Rede", sagt Hazal Budak-Kim. Auch überteuerte Schrottimmobilien wollten einige Vermieter so noch gewinnbringend vermarkten. "Bei Wohnungsbaugesellschaften klappt es für viele oft besser, eine Wohnung zu finden", so ihre Erfahrung.

Mehr Geld in qualitätsvollen und bezahlbaren Wohnungsbau zu investieren, fordert Ingrid Breckner, denn das zeige den Menschen Wertschätzung. Überhaupt wünscht sich Breckner mehr Offenheit und Toleranz gegenüber Migranten. "Sprache ist natürlich wichtig, sollte aber bei der Wohnungssuche kein Ausschlusskriterium sein", so Breckner. Um Hausregeln wie Mülltrennung zu vermitteln, helfen mehrsprachige Aushänge.

In Wolfsburg sitzt ein Arabisch sprechender Mitarbeiter am Empfang von VW Immobilien und erleichtert Wohnungssuchenden so den Erstkontakt. Eine einfache, pragmatische Lösung, das Wohnungsangebot für möglichst viele Menschen zu öffnen. Denn eine fehlende Wohnung erschwere Startchancen und verfestige Armutsrisiken, sagt Breckner. Und das sei langfristig besonders teuer für eine Gesellschaft.

© SZ vom 09.12.2020
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