Wissenschaftliche Plagiate Das Google-Diplom

"Copy-Paste" gehört zum wissenschaftlichen Alltag: Viele Studenten schreiben Arbeiten aus dem Internet ab. Wie Universitäten dagegen vorgehen.

Von Helmut Martin-Jung

Die Vorwürfe waren einerseits ungeheuerlich, andererseits aber nachprüfbar. Zu großen Teilen abgeschrieben sei die Magisterarbeit einer Studentin der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, hatte der Salzburger Medienwissenschaftler Stefan Weber angeklagt. Doch die Reaktion auf diese Entdeckung folgte nicht etwa dem Schema prüfen - handeln. Die Arbeit, stellte sich der verantwortliche Professor vielmehr schützend vor seine Studentin, sei "sehr gut und methodisch innovativ." Dabei hätte er nur ein paar zentrale Begriffe aus der Arbeit in Google eingeben müssen, und die Suchmaschine hätte ihm, genauso wie Stefan Weber, ausgespuckt, woher die Studentin einen großen Teil ihrer Erkenntnisse bezog: aus einer Reihe verschiedener Quellen im Internet und einer Doktorarbeit.

"Textkultur ohne Hirn": Viele Abschlussarbeiten sind im Auge der Professoren nichts wert.

(Foto: Foto: iStockphoto)

Der Fall, aufgedeckt vor knapp einem Jahr, ist wegen des besonders dreisten Vorgehens bizarr, aber kein Einzelereignis. Seit Jahren heißt es an den Universitäten, etwa 30 Prozent aller Arbeiten könnten Plagiate sein. Weber diskutiert die These in seinem Buch "Das Google-Copy-Paste-Syndrom". Sein Ergebnis: Große Umfragen zeigen, dass in der Tat zahlreiche Studenten schon einmal Erkenntnisse, die sie im Netz oder anderswo gefunden haben, einfach als ihre eigenen ausgegeben haben. Stichproben weisen in eine ähnliche Richtung. Belastbare Zahlen sind aber schwer zu ermitteln, weil es keine verbindlichen Regeln dafür gibt, wann eine Arbeit als Plagiat zu betrachten ist.

Irgendwie seltsam

Während man das Problem an vielen Hochschulen zwar kennt, aber eher unter den Teppich kehrt, gehen andere in die Offensive. An den Unis Wien oder Bielefeld beispielsweise reichen Studenten ihre Arbeiten nicht bei ihrem Betreuer ein, sondern müssen sie per E-Mail an ein Computersystem schicken. Hinter dem Service, für den die Universitäten bezahlen müssen, steckt eine Datenbank, die eingereichte Arbeiten mit bereits früher veröffentlichten vergleicht. Wer ohne Quellenangabe kopiert oder wortwörtlich abschreibt, fällt dabei ziemlich schnell auf.

Doch das Verfahren hat auch Schwachpunkte. So sind viele Studenten nicht erbaut darüber, dass ihre mühsam erarbeiteten Erkenntnisse bei einer privaten Firma gespeichert werden. In den USA haben sich Studierende bereits gegen das Verfahren gewandt und sich dabei auf ihre Grundrechte berufen.

Das System kann auch nur so gut sein wie seine Datenbasis - was es nicht kennt, ist neu und damit des Plagiates unverdächtig. Aber auch eine Reihe von Programmen für normale Computer versprechen, Plagiate ausfindig zu machen, in dem sie eine ganze Reihe von Quellen anhand von Satzteilen der eingespeisten Arbeit durchforsten. Doch Plagiate - Stefan Weber liefert dafür eine ganze Typologie - sind vielfältig. Mancher Plagiator beispielsweise übernimmt von seinem Vorbild nicht den Text, sondern nur die Struktur. Sehr beliebt, weil nur sehr schwer nachweisbar, sind auch Übernahmen von fremdsprachigen Arbeiten.

Debora Weber-Wulff, Professorin an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, rät dazu, Recherchesoftware zu nutzen, weiß aber auch: ". . . noch gibt es nichts, was besser ist als der gesunde Menschenverstand: Ist der Text irgendwie seltsam, sollte man dem nachgehen", heißt es in einem Online-Test, den sie ins Netz gestellt hat, um das Bewusstsein für fremde Federn zu schärfen. Er zeigt anhand einiger Beispiele, worauf es ankommt. "Wenn ein Aufsatz Fremdwörter verwendet, die Sie selbst im Wörterbuch nachschlagen müssen, ist es vielleicht ratsam, vorsorglich eine Recherche zu starten. Entweder entlarven Sie einen Plagiator, oder Sie lernen ein neues Wort!"