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Wissenschaftliche Aufsätze:Schreibt Euch das hinter die Ohren!

Die Deutschen wissen sozusagen nicht, dass sie wissen - mit dem fatalen Ergebnis, dass bei einfacher Übersetzung des Textes in ansonsten makelloses Englisch dennoch Verwirrung und Unmut resultieren. Thielmanns Rat: Übersetzen Sie nicht, sondern schreiben Sie die Einleitung komplett neu! Wie das allerdings gehen soll, ohne dass man geradezu ein anderer Mensch und Wissenschaftler würde, weiß er auch nicht.

Brief

Deutsche Wissenschaftler meinen sie können Englisch - ihre Aufsätze werden trotzdem nicht immer verstanden.

(Foto: iStock)

Überhaupt Übersetzungen: Einem Angelsachsen wird das übertragene Deutsch immer ein bisschen zu steif und pompös klingen, wo das Original doch nur gewissenhafteste Begriffsbildung betrieben hat. Umgekehrt aber merkt der deutsche Leser, außer wenn er zur community gehört, gar nicht, dass die scheinbaren Allerweltswörter in Wirklichkeit als Fachtermini auftreten. So neigt die englische Wissenschaftssprache (diese Erkenntnis kann man gar nicht anders als paradox formulieren) gerade in ihrer täuschenden Leichtigkeit dazu, alle Leser außerhalb des engsten Fachzirkels auszuschließen, ohne dass diese es auch bloß merkten.

Deutsche Texte hingegen lohnen die Mühsal der Dechiffrierung, indem auch der Fachfremde eine Chance zum Begreifen erhält. Hier bietet die deutsche Wissenschaftskultur also, trotz des gegenteiligen Anscheins, den universaleren Ansatz; und schon deswegen wäre es schade, wenn sie völlig vom Englischen kassiert würde. Wie sich diese Differenz produktiv machen ließe, wenn ein Molekularbiologe in Berkeley sich doch schwerlich bereit finden wird, aus fachlichen Gründen Deutsch zu lernen? Das ist eine gute Frage.

So ergeben sich die fruchtbarsten Aporien. Nicht die geringste davon dürfte sein, wie Informationen von generellem Interesse aus ihrer Verkapselung in die harte Nussschale einer akademischen Qualifikationsschrift herausgeholt werden können, damit alle etwas davon haben. Denn es betrifft nicht nur die Linguistik, sondern sämtliche Fächer, nicht zuletzt die naturwissenschaftlichen, wenn Winfried Thielmann resümiert: "Es ist davon auszugehen, dass Wissenschaftler, die das Englische für - im obigen Sinne - ,einfach' und problemlos hantierbar erachten, Texte produzieren, die im angelsächsischen Sprachraum aufgrund ihrer Hermetik ebenso problemlos ignoriert werden können."

Diese Warnung besagt nicht weniger, als dass die komplette deutsche Wissenschaftsliteratur aus eitel Ahnungslosigkeit in Gefahr schwebt, der Irrelevanz zu verfallen. Formuliert freilich ist sie mit geradezu angelsächsischem Understatement und für das auf deutsche Deutlichkeit geeichte Gehör leicht zu überhören. Für ein solches Publikum erscheint der Zusatz angebracht: Lest es zweimal, schreibt es euch hinter die Ohren und zieht eure praktischen Schlüsse!

© SZ vom 11.08.2010/holz

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