Whistleblower im Büro:Bloß nicht an die Presse damit

Heikel wird es vor allem, wenn sich die Vorwürfe als falsch herausstellen sollten. "Dann besteht das Risiko, dass der Arbeitgeber Schadenersatz fordert", warnt Perreng. Das dürften Gerichte vor allem dann für gerechtfertigt halten, wenn der Arbeitnehmer den Eindruck macht, er habe keine lauteren Absichten gehabt.

"Fälle, in denen Arbeitnehmer leichtfertig folgenreiche Anschuldigungen erheben, sind allerdings selten", sagt Perreng. Die Hemmschwelle, die Staatsanwaltschaft oder eine Aufsichtsbehörde zu informieren, sei hoch: "Das machen Mitarbeiter nur, wenn sie Angst haben, dass jemand zu Schaden kommt - zum Beispiel bei Pfusch am Bau, Umweltstraftaten oder wie beim Gammelfleischskandal."

Wer von illegalen Vorgängen in seinem Unternehmen erfährt, ist nicht gesetzlich verpflichtet, sie zu melden. "Das gilt mit wenigen Einschränkungen", sagt die Arbeitsrechtlerin Nathalie Oberthür aus Köln - nur die Planung besonders schwerwiegender Straftaten wie Raub oder räuberische Erpressung muss den Behörden gemeldet werden. Insofern muss auch niemand befürchten, belangt zu werden, weil er mögliche Hinweise auf eine Straftat im Betrieb nicht angezeigt hat.

Etwas anders sieht es bei Mitarbeitern aus, die im Betrieb für Compliance, also die interne Kontrolle für das Einhalten von Gesetzen und Regeln, zuständig sind. "Sie sind in der Handlungspflicht und dürfen nicht verschweigen, wenn sie entsprechende Kenntnisse haben." Andererseits hat jeder das staatsbürgerliche Recht dazu, auf Straftaten aufmerksam zu machen. "Allerdings hat man gegenüber dem Arbeitgeber auch eine Treuepflicht", betont Oberthür. Und das schließt ein, nicht gleich die Staatsanwaltschaft anzurufen - und schon gar nicht die Presse: "Man muss zunächst intern Abhilfe suchen und den Arbeitgeber informieren", erläutert die Fachanwältin. Nur wenn das nicht geht oder nicht erfolgversprechend erscheint, beispielsweise weil die Unternehmensspitze involviert ist, sei es zulässig, den direkten Weg nach außen zu wählen. Arbeitnehmern, die das nicht beherzigen, drohen Konsequenzen, bis hin zur außerordentlichen Kündigung.

Petzen beim Vorgesetzten

Wer von kriminellen Machenschaften erfährt, sollte daher überlegen, ob es im Betrieb einen Ansprechpartner gibt. "Das ist bei Delikten von Kollegen in der Regel der Vorgesetzte", sagt Nathalie Oberthür, bei schwerer zu überschaubaren Vergehen ist es die Geschäftsführung. Wer keinem davon traut, ist in einem Dilemma: "Es gibt dafür leider keinen festen externen Ansprechpartner, ähnlich wie die Datenschutzbeauftragten", kritisiert Martina Perreng. Zumindest bleibe die Möglichkeit, sich mit einem Anwalt zu beraten. Stehen Straftaten zweifelsfrei fest, sei Zögern aber falsch: "Wenn irgendwo Gift verklappt wird, gibt es keinen Entscheidungsspielraum."

Einen Königsweg für Whistleblower gibt es nicht, betont Guido Strack. Geht es um solche schweren Fälle, empfiehlt er: "Suchen Sie sich einen anderen Arbeitsplatz und machen Sie ihre Kenntnisse dann öffentlich oder suchen Sie einen Verbündeten, der so viel Einfluss hat, dass er Sie schützen kann." Vorsicht ist sicher geboten, auch wenn die Konsequenzen nicht so drastisch sein sollten wie im Fall des derzeit bekanntesten Whistleblowers: Bradley Manning, der US-Soldat, der der Enthüllungsplattform Wikileaks Geheimdokumente in großem Stil zugespielt haben soll, wird von der Militärstaatsanwaltschaft angeklagt - zumindest theoretisch wäre die Todesstrafe möglich.

© sueddeutsche.de/dpa/Andreas Heimann/holz
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