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WG-Leben:Eine Kommune für Jobnomaden

In Deutschlands größter Wohngemeinschaft leben 49 Berufsstarter unter einem Dach. Ihr Zuhause ist eine ehemalige Bank.

Berit Schmiedendorf

Es ist das Hundefutter. Und die dampfende Espressomaschine. Auch der üppige Vorrat an haltbarer Milch in Tetra-Paks passen nicht so richtig in diese riesige, dunkel gebeizte Schrankwand, die bis vor kurzem schwere Aktenordner barg.

Hier, in der Elisabethstraße 39 im Düsseldorfer Stadtteil Bilk, residierte bis vor wenigen Jahren die Westdeutsche Landesbank. Das große Zimmer im Erdgeschoss mit der noblen Schrankwand und dem edlen Parkettboden war sicher einmal das vornehm knarzende Büro eines Bankdirektors. Heute ist es das Wohnzimmer von Klaus.

Und von Schnappi, für den das Hundefutter gebunkert ist. Klaus und der Jack-Russell-Terrier bewohnen die ehemaligen Bürofluchten mit einer Lässigkeit, die spießbürgerliche Etagenmieter nach Luft ringen lässt: Klaus hat keine Küche, kein eigenes Badezimmer, wenig Privatsphäre, dafür aber jede Menge Nachbarn. Schnappi und sein Herrchen teilen sich die 1500 Quadratmeter mit 49 Mitbewohnern.

49? Korrekt, denn Klaus Moskob ist der Erfinder und Verwalter von "WGnow", dem organisatorischen Dach von Deutschlands größter Wohngemeinschaft. Die Idee dahinter ist so simpel wie genial: Man nehme eine leerstehende Gewerbeimmobilie in interessanter Innenstadtlage, widme sie in Wohngemeinschafts-Raum um, baue ein paar Duschen und Gemeinschaftsküchen ein, lege einen Pool mit Ikea-Möbeln an - und fertig ist das Wohnkonzept für Jobnomaden.

Simulation einer Großfamilie

"Wir simulieren hier eine Großfamilienstruktur", sagt Klaus, der nach zwölf Jahren Ehe geschieden wurde, höchst reflektiert beim gemeinsamen Abendessen in der Augustastraße, der zweiten Düsseldorfer Riesen-WG mit 30 Zimmern, wo er an diesem Abend zu Besuch ist. Es gibt Köttbullar, schwedische Fleischbällchen, dazu Preiselbeerkompott, Kartoffelpüree und Sahnesauce, alles gestiftet von Mitbewohner Markus. Markus arbeitet bei Ikea, daher die schwedische Kost.

15 junge Leute sitzen im Gemeinschaftswohnzimmer rund um den riesigen Designer-Esstisch. Eine Tischdecke oder Servietten gibt es nicht, dafür aber Rotwein und Hintergrundmusik, die leise aus der WG-Stereoanlage rieselt.

"Ich werde hier wohnen, bis die WG abgerissen wird", antwortet Noel auf die Frage, wie lange er denn in dieser Einrichtung zu bleiben gedenke. Er lädt sich eine zweite Portion Fleischbällchen auf den Teller und erzählt in dezentem Schweizer Dialekt, dass er aus Zürich stammt.

Dort und in Sankt Gallen hat der 28-jährige Betriebswirtschaft studiert; nun arbeitet er als Geschäftsführer einer Internetfirma, die Fotos aus dem Club-Nachtleben ins Netz stellt, mit Sitz in Köln. Bevor Noel im November in die Riesen-WG zog, ist er ein Jahr lang durch Deutschland getourt; von Berlin nach Köln, von Köln nach Hamburg, von Hamburg nach Düsseldorf.

"Ich habe in dieser Zeit immer in kleinen WGs oder in Business-Appartements gewohnt. Das Wohnen im Appartement war das Schlimmste: Wenn du von der Arbeit nach Hause kommst und so alleine bist. Hier zu wohnen ist dagegen ideal: Auch nachts um eins ist immer noch jemand wach", erläutert Noel die Vorteile der Riesen-WG.

Lesen Sie, wie sich das WG-Leben auf die Beziehungen der Bewohnder auswirkt.

Eine Kommune für Jobnomaden

"Außerdem kannst du bei so vielen Leuten auswählen, mit wem du dich abgibst." Bis auf wenige Studenten und das ein oder andere schon länger im Job stehende Trennungsopfer wohnen in den beiden Düsseldorfer WGs ausschließlich Berufsstarter: Praktikanten, Auszubildende, Unternehmensberater, Controller, Blumenhändler, Ärzte, Staatsanwälte, Gastronomen.

Der jüngste Mieter ist 19, der Älteste 79. Das Durchschnittsalter der WG-Bewohner liegt bei 23, eine eigene Familie hat fast noch niemand oder eben nicht mehr. Die Arbeit ist daher ein wichtiges, vielleicht sogar das wichtigste Thema für die meisten WGNow-Bewohner.

"Durch die vielfältigen Kontakte hat man hier einfach mehr Berufschancen als ein normal arbeitender Mieter, der abends nach Hause geht und niemanden mehr trifft", hat WG-Gründer Klaus in den vergangenen drei Jahren, seitdem er das Post-Kommunardenleben aus der Taufe hob, beobachtet: "Das ist hier einfach eine unglaubliche Job-Community."

Uneingeschränkte Euphorie der Neuzugänge

Wer sich etwa gerade bewirbt, lässt sein Anschreiben nicht nur von einem, sondern gleich von fünf Mitbewohnern, die oft selbst erst kürzlich eine Bewerbung verfasst haben, gegenlesen und kommentieren - das gibt Sicherheit.

Die durchschnittliche Verweildauer in den beiden Groß-WGs beträgt sechs Monate. Die meisten Mieter räumen ihr Zimmer aber nicht aus Verdruss, sondern wegen des Studiums oder Jobs. Mit fast einem Jahr Aufenthalt in der Augustastraße gilt Noel bereits als Langzeitbewohner.

Er weiß, dass die große Schicksalsgemeinschaft um ihn herum nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile mit sich bringt. "Man wird Beziehungsaufbaumüde", sagt er. Die WG sei ein eigener Kosmos, in dem "man Gefahr läuft, andere Freundschaften und Beziehungen zu vernachlässigen". Die Partnerschaft mit seiner Zürcher Freundin hat der WG-Konkurrenz jedenfalls nicht standgehalten.

Tobi dagegen befindet sich noch ganz in der uneingeschränkten Euphorie der Neuzugänge. "Mir gefällt es sehr gut hier", schwärmt der 28-jährige Münsteraner, der vor zwei Wochen seine erste Stelle angetreten hat, als Wirtschaftsprüfungsassistent bei KPMG in Düsseldorf.

Schon jetzt arbeitet er, obwohl er noch gar keinen eigenen Fall hat, von acht bis 22 Uhr. Ein bisschen komisch hätten manche Kollegen zwar schon geschaut, als er im Büro berichtete, er lebe in einer Wohngemeinschaft. Doch die Vorteile, die das Leben in so einer großen Ersatzfamilie bringt, schätzt Tobi wie alle anderen WG-Bewohner als hohes Gut ein. "Das soziale Gefüge ist unbezahlbar."

© SZ vom 29.9.2007
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