Weniger Arbeit, mehr Leben "Das war: mein Job"

Der Begriff selbst wurde von dem irischstämmigen Wirtschaftswissenschaftler und Gesellschaftskritiker Charles B. Handy geprägt. Von ihm, Mitbegründer der berühmten London Business School, erschien zum Beispiel das Buch "Die Fortschrittsfalle. Der Zukunft neuen Sinn geben", worin er "die Möglichkeiten des modernen Menschen im Spannungsfeld zwischen Freiheit, Pflicht und der Sehnsucht nach Sinn" beschreibt. Vergleichbare Bücher heißen etwa "Downshifting" (John D. Drake) oder "Weniger arbeiten, mehr leben" (Hajo Neu). Das Publikumsinteresse ist groß.

Kein Wunder: Mit dem wachsenden Stress am Arbeitsplatz, der nicht zuletzt vom Downsizing-Trend am Ende des 20. Jahrhunderts verursacht wurde, gewann die Vorstellung von weniger Arbeit und mehr Leben immer mehr Anhänger. "Smidex", "Geronimo" und "Froschkoenig" streiten zum Beispiel im Internetforum darüber, ob man besser aufs Handy oder auf den Flachbildfernseher verzichten sollte. Froschkoenig meint: auf beides. Nur "Beast" ist etwas angewidert: "Downshifting fällt bei mir in die gleiche Kategorie wie ,Nordic Walking' oder ,Extreme Handwashing'. Das ist eh nur ein Trend, mit dem sich einige Extrovertierte profilieren wollen."

Völlig unverständlich ist dieser Einwand nicht. Denn einerseits ist der modisch gewordene Begriff wohlbekannt: Schon dem Philosophen Diogenes von Sinope verdanken wir die Gedankenfigur des Rückzugs von fragwürdigen Wertmaßstäben. "Diogenes in der Tonne" ist der besitzloseste aller Philosophen - gelebt hat er freilich selbst nie in einer. Und Sokrates soll beim Gang über den Markt von Athen gesagt haben: "Ich sehe mit Freude, wie viele Dinge es gibt, die ich nicht benötige." Das aktuelle Downshifting ist demnach mindestens zweieinhalb tausend Jahre alt.

Die Kunst der Balance

Zum anderen kritisiert "Beast" im Internetforum nicht zu Unrecht einen medial aufgeheizten Begriff. All die Geschichten, die von Ex-Topmanagern handeln, die jetzt unter der Brücke leben, oder von Ex-Topmodels, die seit Jahren nicht mehr geduscht haben, speisen sich aus einer Fallhöhe, die mit dem Alltag nichts zu tun hat: von ganz oben nach ganz unten.

Dem tatsächlich ernstzunehmenden Begriff freiwilliger Reduktion (von Arbeit und materiellen Ansprüchen) zugunsten einer geistvolleren und womöglich sinnhafteren - übrigens auch sehr viel ökologischeren - Lebensweise, der das tägliche Rattenrennen fremd ist, werden solche Fallbeispiele nicht gerecht.

Interessant wird das Phänomen dort, wo es um das Gegenteil solch schwarzweißmalender Klischees geht: um die Feinabstimmung. Denn darin liegt ja gerade die Bedeutung des Downshiftings. Es markiert keine radikale Abkehr von der Gesellschaft - wie sie etwa in der albernen Figur des "Aussteigers" bekannt wurde. Sondern eine viel realistischere Option: den behutsamen, klugen (Teil-) Rückzug in ausbalancierten Schritten.

In der Reduktion von der 60 Stunden-Woche zur 50-, 40-, 30-Stunden-Woche, vom Porsche-Leasingvertrag zum bezahlten, vielleicht sogar charmanteren Kleinwagen, vom Urlaub in exotischen Fernen zu den Ferien in der Uckermark - die uns ohnehin exotisch vorkommt: Darin liegt die wahre Bedeutung des Downshiftings. Es ist die Kunst der Balance. Vor allem aber: Wer rechtzeitig herunterschaltet, kann im Grunde viel besser Gas geben.