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Was guten Schulunterricht auszeichnet:Lehrer als Lockvogel

Mir scheint, wir haben den Erwachsenen als Lockvogel ins Fremde und Schwierige vergessen - vielleicht eine Nachwehe der Antipädagogik. Wir brauchen eine Renaissance der Lehrerpersönlichkeit. Die Lehrerin, der Lehrer ist der Begleiter auf dem Lernweg, Brückenbauer in neue Wissenswelten, Antreiber in den Mühen des Lernens und nicht zuletzt Bändiger der Unlustanwandlungen.

Michael Felten

Michael Felten, 60, arbeitet als Gymnasiallehrer und pädagogischer Publizist in Köln. Im Januar erscheint sein Buch "Schluss mit dem Bildungsgerede!"

(Foto: Michael Euler-Ott)

"Der erste Schritt zum Lernen ist die Liebe zum Lehrer", das wusste Erasmus von Rotterdam schon vor 500 Jahren (er meinte natürlich die nicht-erotische Liebe). Der Neurobiologe Joachim Bauer formuliert das so: "Die stärkste Motivationsdroge für junge Menschen ist der andere Mensch!" Man braucht zum Lernen ein lebendiges Gegenüber, das zeigt, anregt, ermuntert, sich für Neigungen und Probleme interessiert, etwas erwartet und einfordert und auch Widerstand aushält.

Insofern darf dieser Lehrer kein Zauderer sein. Er muss den Lernprozess einer heterogenen Gruppe klar und differenziert steuern, Führungsfreude zeigen, ein verlässlicher Halt bei Lernproblemen sein. Und wenn Schüler einmal ausbüxen wollen, weil das Verstehen schwer, das Fach langweilig, der Nachbar doof oder eben der Lehrer blöd ist?

Dann erinnere man sich des Diktums von Royston Maldoom in "Rhythm is ist!": "Man kann so tun, als wäre Disziplin unwichtig im Leben, aber das wäre unfair, den Jugendlichen gegenüber. Man muss sie die Erfahrung machen lassen, dass sich durch harte Arbeit etwas erreichen lässt. Warum muss es denn immer lustig sein? Das Ernsthafte ist es, was Spaß macht!"

Allerdings sind nur solche Leitwölfe erfolgreich, die bei Lernproblemen mehr draufhaben, als dem Schüler auf die Füße zu treten. Schüler brauchen ein Dauerklima der Ermutigung, und das ist weit mehr als vordergründige Freundlichkeit oder das Lob im Erfolgsfall. Wirkliches Coaching umfasst eine weite Palette von Kontakt, Zutrauen, Echo, Fürsorge, Anerkennung, Wertschätzung, aber auch von Anspruch, Herausforderung und konstruktiver Kritik.

Lehrer müssen ermutigen

Der gute Lehrer vermag sich vorzustellen, wie sich Nichtwissen anfühlt - und kann gerade deshalb vermitteln, wie man durchhält. Mit der modernen Kognitionsforschung vertritt er eine dynamische Sicht von Intelligenz. Es kommt weniger darauf an, was einer mitbringt, sondern was er daraus macht.

Und aus "Sargnägeln" im Leben eines Lehrers können berufliche Krönungen werden, sobald er sich auf die Perspektive einlässt, dass hinter Begriffsstutzigkeit, Faulheit und Störfreude oftmals biographisch geronnene Entmutigung steckt, getarnt durch cleveres Ersatzverhalten. Die individualpsychologischen Fallgeschichten von Freuds frühem Kollegen Alfred Adler bieten jede Menge Anregungen für solche erstaunliche Bildungswenden, inklusive hilfreicher Elternarbeit.

Ich selbst bin immer noch gerne Lehrer, auch nach 30 Jahren Unterricht vorwiegend in den "schwierigen" Jahrgängen, in einem keineswegs bildungsnahen Einzugsgebiet. Was mich stets aufs Neue begeistert, sind die Kinder, in ihrer Neugier, mit ihren individuellen Schwierigkeiten, mit der ganzen Palette pubertärer Betriebsgeräusche.

Und anscheinend war ich leidlich immun dagegen, mir diese Faszination durch bildungspolitische Infektionskrankheiten nehmen zu lassen. Auch an solcher Resistenz interessiert? Es hilft: selbstbewusst zu sein, zugewandt, zutrauend und zumutend - sowie skeptisch gegenüber elfenbeinernem Bildungsgerede.

Vorurteile gegen Lehrer

Faule Säcke im Schlabberpulli