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Wandel im Schulsystem:Lernort, nicht Sortieranlage

Die Schule muss ein Ort der Integration werden, nicht der Ausgrenzung. Eine Verlängerung der Grundschulzeit ist der richtige Anfang - alle Probleme löst sie nicht.

Tanjev Schultz

Die Zeit ist reif für einen deutschen Schulfrieden. Nach Jahrzehnten des Kampfes um die richtige Schulstruktur müssen Linke und Konservative aufeinander zugehen. Signale dafür gibt es. In mehreren Ländern ist die Union von der Hauptschule abgerückt, SPD und Grüne bekennen sich vielerorts zum Erhalt des Gymnasiums. In den Parteien kann die Einsicht wachsen, dass es ein großes gemeinsames Ziel gibt: die hohe Zahl der Bildungsverlierer zu reduzieren und zu verhindern, dass die soziale Herkunft weiterhin so massiv über den Schulerfolg entscheidet, wie das in Deutschland bisher der Fall ist. Das bedeutet nicht, dass in Zukunft alle das Abitur schaffen müssen. Es bedeutet aber, Kinder nicht schon im Alter von zehn Jahren auf einen Bildungsweg festzulegen, den sie nur noch schwer wieder verlassen können.

Die Schule muss ein Ort der Integration werden, nicht der Ausgrenzung.

(Foto: Foto: dpa)

Albtraum des Kinder-Sortier-Systems

Die Schule muss ein Ort der Integration werden, ein Ort des gemeinsamen Lernens, nicht der Ausgrenzung. So sieht es auch der schwarz-grüne Senat in Hamburg: Er will die Grundschule um zwei Jahre verlängern und neben dem Gymnasium nur noch eine Schulform anbieten, an der alle Abschlüsse möglich sind, auch das Abitur. Das Modell verwirklicht nicht den alten Traum von einer "Schule für alle" - aber es beendet den Albtraum eines rigiden Kinder-Sortier-Systems, an dem Länder wie Bayern noch immer festhalten.

Ein nervöses Bürgertum, das um die Privilegien seiner Kinder kämpft, probt nun in Hamburg den Aufstand. Es ist aber nicht mehr so wie in den siebziger Jahren, als es "Gesamtschule, nein danke!" rief. Damals waren die Roten die Bösen. Viele Gesamtschulfreunde neigten damals tatsächlich zu Verstiegenheiten; sie wollten den Klassenkampf ins Klassenzimmer tragen und die Gesellschaft durch die Schule revolutionieren. Die Kinder, um die es gehen sollte, gerieten dabei in den Hintergrund.

Von pädagogischen Allmachtsphantasien sind die meisten Linken jedoch längst geheilt. Und außerdem: In Hamburg regiert ja die CDU, gemeinsam mit einer grünen Partei, deren Klientel zu großen Teilen selbst zu den Arrivierten gehört. Nun müssten nur noch die konservativen Bildungsbürger ideologisch abrüsten und gelassen bleiben, wenn sie ihre Kinder nicht mehr auf schnellstem Weg ins Gymnasium schleusen können.

Schmuddelkinder aus dem Prekariat

In fast allen europäischen Ländern dauert die Grundschule länger als vier Jahre; EU und OECD sind verwundert über den deutschen Sonderweg des frühen Sortierens. Wenn Hamburg eine sechsjährige Primarschule einführt, ist das also keine lokale Spinnerei. Allerdings wäre es naiv, darin bereits den Durchbruch für ein gerechteres Schulsystem zu sehen. Längeres gemeinsames Lernen kann nur erfolgreich sein, wenn es genügend pädagogisch beseelte und fachlich versierte Lehrer gibt, denen es gelingt, die schwachen Schüler zu stärken, ohne die Starken zu schwächen. Selbst dann wird es aber "Problemschulen" geben. Die soziale Struktur hängt ja nicht zuletzt vom Einzugsgebiet ab. Und Eltern, die sich vor den Schmuddelkindern des Prekariats fürchten, wird niemand daran hindern können, notfalls auf exklusive Privatschulen auszuweichen.

Eine längere Grundschulzeit löst auch noch nicht die Probleme des Übertritts, sie verschiebt sie nur. Der Wechsel nach sechs Jahren ist nicht unbedingt weniger belastend für Kinder und Eltern als nach vier Jahren (zumal die Schüler dann in der Pubertät stecken). Wichtiger als die Dauer der Grundschule ist die Frage, wie es anschließend für die Jugendlichen weitergeht. Wenn sie nicht durch Zuweisung an eine Hauptschule entmutigt und stigmatisiert werden und ihnen auch jenseits des Gymnasiums noch alle Abschlüsse offenstehen, kann der Übertritt seinen Schrecken verlieren. Die Schule neben dem Gymnasium muss aber attraktiv, stark und stabil werden. Sonst wiederholt sich das Drama der Restschule, und das Abitur, das sie anbietet, wird zur Hochschulreife zweiter Klasse.

Die Nöte der Hauptschüler bleiben

Mit dem Ende der Hauptschule ist es also nicht getan; ihre Schüler und deren Nöte bleiben. Es ist auch nicht die Frage, ob Schulen nach Leistungen differenzieren sollen, sondern wann und wie. In einer modernen pädagogischen Kultur erfolgt die Differenzierung so weit wie möglich im Unterricht, nicht durch das Abschieben auf eine andere Schulart. Die pädagogische Herausforderung besteht dann darin, zu verhindern, dass starke Schüler ausgebremst werden oder Leistungsschwächere durch die Konfrontation mit den Stärkeren frustriert werden. Die Schule muss dabei auch das soziale Lernen fördern - sie muss mehr sein als eine Wissensvermittlungsbehörde mit angeschlossener Zeugnisvergabestelle.

Würde bei der Schulstruktur Ruhe einkehren, könnten Politiker und Pädagogen endlich alle Kraft darauf verwenden, die Schulen in echte Lebens- und Lernräume zu verwandeln: In Gemeinschaften, in denen nicht gestresste Unterrichtsfunktionäre die Schüler Wissen aufsagen lassen, sondern in denen gemeinsam gefragt, gezweifelt und geforscht wird. In eine Schule, die kein Angstbetrieb ist, sondern ein Atelier, in dem Kinder sich ausprobieren und in dem sie sich trauen, Fehler zu machen. Eine Schule, in der jedes Kind genügend Zeit und Hilfe bekommt, um aus seinen Fehlern zu lernen.

© SZ vom 26.01.2010/holz

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