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Wandel der Arbeit:Frustrierte Beamte

Wer Arbeit hat, hat zu viel davon: Die Sozialwissenschaftlerin Pamela Meil spricht über die Veränderungen des Berufsalltags und diejenigen, die auf der Strecke bleiben.

Schneller, dichter, mehr: Im Rahmen des EU-Projekts "Work Organisation and Restructuring in the Knowledge Society" (WORKS) haben Wissenschaftler aus 17 Forschungseinrichtungen vier Jahre lang den Wandel der Arbeit in Europa untersucht. Pamela Meil vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München fasst einige Ergebnisse zusammen.

Nicht jeder in Europa ist mit seinen Arbeitsbedingungen zufrieden.

(Foto: Foto: iStock)

SZ: Die Zukunft der Wissensgesellschaft sah mal rosig aus: eine bessere Lebensqualität, größere Autonomie, die Chance, kreativ zu arbeiten und immer wieder neue Fähigkeiten zu erwerben. Was ist daraus geworden?

Pamela Meil: Insgesamt ist zu beobachten, dass eine immer stärkere Arbeitsteilung stattfindet. Die Unternehmen koppeln einzelne Bereiche konsequent vom Kerngeschäft ab und übergeben sie spezialisierten Firmen, die oft in anderen Regionen der Welt sitzen. Dabei bleibt - zumindest in manchen Sektoren - die Arbeit für besser Qualifizierte eher in den westlichen Ländern, die für gering Qualifizierte wie die industrielle Fertigung wandert zum Beispiel nach Asien ab. In der Textilbranche kennen wir das ja schon seit den siebziger Jahren. Da wurde die Produktion zuerst in ärmere europäische Staaten verlegt. Heute lassen Länder wie Portugal und Ungarn in Asien produzieren.

SZ: Wie wirkt sich das auf die Beschäftigten in Europa aus?

Meil: Grundsätzlich gilt: Je mehr outgesourct wird, desto standardisierter und codifizierter werden die Arbeitsvorgänge. Schließlich muss weltweit ein perfekter Workflow garantiert sein. Das bedeutet aber, dass die Beschäftigten weniger Einfluss auf das haben, was sie tun. Sie müssen Formblätter abarbeiten, Verbesserungsvorschläge versickern. Und das führt zu Frustration. Allerdings sind nicht alle Branchen davon betroffen. Software-Entwickler zum Beispiel beschreiben ihren Job als kreativ und relativ autonom. Dafür geraten sie immer dann, wenn sie an einem Projekt arbeiten, unter Hochdruck. Alles ist durchgetaktet und dem Kosten-Nutzen-Effekt untergeordnet. In diesen Phasen gibt es keine Freiräume, man muss ständig erreichbar sein und das Projekt komplett zum Lebensmittelpunkt machen. Das heißt, die Arbeit der IT-Leute ist überaus stressig und intensiv. Dafür gibt es danach zum Ausgleich eine Ruhephase.

SZ: Aber nur für Festangestellte.

Meil: Ja. Wer einen zeitlich begrenzten Vertrag hat und sich von Projekt zu Projekt hangelt, dem fehlt dieser Ausgleich.

SZ: Wer sind die Frustrierten?

Meil: Das sind zum Beispiel Menschen, die im öffentlichen Sektor arbeiten, in Ämtern oder bei ehemals staatlichen, jetzt privatisierten Firmen wie der Post. Ihre Arbeit ist simplifiziert worden, so dass sich viele überqualifiziert fühlen für das, was sie tun. Nehmen Sie die Kundenbetreuung: Der Anteil an direkter und individueller Beratung ist heute stark reduziert. Kunden werden von Callcentern aus bedient, wo Mitarbeiter standardisierte Prozeduren abarbeiten.

SZ: Einer Studie der OECD zufolge macht die Arbeit immer mehr Menschen krank. Hat das mit dieser Reduzierung auf quasi maschinelles Arbeiten zu tun?

Meil: Sicher belastet das. Krank werden die Menschen aber wegen der hohen Belastung: Sie arbeiten zu viel.

SZ: Wie lassen sich EU-Richtlinien etwa zur Verbesserung der Arbeitsqualität in den einzelnen Staaten durchsetzen?

Meil: Gesetzliche Vorgaben sind immer nur so wirkungsvoll wie es die Akteure in einer Gesellschaft zulassen. Da sind zum Beispiel die Sozialpartner gefragt.

SZ: Wie stark sind denn die Gewerkschaften in den einzelnen EU-Staaten?

Meil: Da gibt es große Unterschiede, sowohl auf die Länder als auch auf die Sektoren bezogen. In Norwegen und Schweden sind die Gewerkschaften gesetzlich am besten gestellt und etwa in Restrukturierungsprozesse stark eingebunden. Und wenn man nach Branchen geht: In der Automobilbranche und im Maschinenbau sind die Gewerkschaften - übrigens auch im europäischen Zusammenwirken - besser aufgestellt als etwa in der IT und der Nahrungsmittelindustrie. Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass die Gewerkschaften eher reagieren als die Probleme aktiv anzugehen.