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Vorstellungsgespräch:Wo haben Sie studiert?

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Personalchefs haben eigene Vorstellungen davon, welche Hochschulen die besten Bewerber ausbilden. Doch sagt die Herkunft des Abschlusses wirklich etwas über die Eignung eines Kandidaten aus?

Von Miriam Hoffmeyer

Absolventen aus München sind bei Unternehmen besonders beliebt. Das kann man jedenfalls aus mehreren sogenannten Employability Rankings schließen. In denen stehen die Technische Universität München (TUM) und die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) weit vorne.

Im Unterschied zu anderen Hochschul-Ranglisten, für die Studenten befragt oder etwa die Zahl und Qualität wissenschaftlicher Veröffentlichungen ausgewertet werden, basieren Employability Rankings auf den Einschätzungen von Unternehmen. Im "Global Employability University Ranking", das im Londoner Magazin Times Higher Education veröffentlicht wird, stehen die TUM derzeit auf dem elften und die LMU auf dem 41. Platz.

Insgesamt schafften es nur acht deutsche Hochschulen auf die Rangliste mit insgesamt 150 Plätzen: Neben den beiden Münchnern sind dies die Universitäten in Heidelberg und Frankfurt am Main, die Humboldt-Universität Berlin, die Frankfurt School of Finance and Management, die Uni Göttingen und die Technische Universität Berlin. Auch im nationalen Ranking, das die Beratungsfirma Universum im Auftrag der Zeitschrift Wirtschaftswoche seit 2007 erstellt, schnitten die beiden Münchner Universitäten und auch die Hochschule München besonders gut ab.

Auf den ersten Blick sind diese Rankings ernster zu nehmen als viele andere. Denn inwieweit Studenten die wissenschaftliche Qualität ihrer Hochschule kompetent beurteilen können, ist fraglich. Und internationale Rankings, die sich am wissenschaftlichen Output orientieren, benachteiligen Hochschulen, deren Forscher nicht nur auf Englisch publizieren. Dagegen dürfte wohl niemand besser wissen, welche Hochschulen ihre Absolventen so ausbilden, dass sie diese gern einstellen, als die Unternehmen selbst.

Große Unis in den USA und Großbritannien liegen vorn

Das deutsche Marktforschungsunternehmen Trendence, das im Auftrag der französischen Personalberatung Emerging das Global Employability University Ranking anfertigt, hat dafür etwa 6400 Personaler und Manager in zwanzig Ländern befragt. Dabei wurde darauf geachtet, die verschiedenen Nationalitäten und Branchen entsprechend ihrem wirtschaftlichen Gewicht zu berücksichtigen.

Der Schwerpunkt der Befragung liegt auf großen Unternehmen mit mehr als tausend Mitarbeitern, die auch international rekrutieren. Das Ranking wurde inzwischen bereits fünf Mal erstellt. Dramatische Veränderungen auf der Liste gab es bisher nicht, auf den ersten Plätzen stehen wie zementiert die üblichen Verdächtigen: die großen amerikanischen und britischen Universitäten Harvard, Stanford, Yale, Oxford, Cambridge.

Das Ranking von Universum basiert auf der Befragung von etwa 540 Personalern aus Deutschland, neben den Dax-30-Unternehmen sind auch mittelständische Firmen vertreten. Auch sonst wird hier stärker differenziert als im internationalen Ranking. So gibt es nicht eine, sondern mehrere Ranglisten, getrennt nach Universitäten und Fachhochschulen und für neun verschiedene, aber ausschließlich wirtschaftsnahe Fachrichtungen.

Bei den Universitäten sind die ersten Plätze gleichmäßig aufgeteilt zwischen Technischer Hochschule München (Informatik, Wirtschaftsinformatik, Elektrotechnik), Ludwig-Maximilians-Universität München (BWL, VWL, Jura) und Rheinisch-Westfälischer Technischer Hochschule Aachen (Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen, Naturwissenschaften). Unter den Fachhochschulen nehmen die Hochschule München, die FH Aachen und die FH Köln Spitzenplätze ein. Weit vorn stehen auch mehrere baden-württembergische Hochschulen.

Diese regionalen Schwerpunkte sind natürlich kein Zufall. Employability Rankings sagten weniger über deutsche Hochschulen selbst aus als über die Wirtschaftsstärke der Region, in der sie angesiedelt seien, sagt Kolja Briedis. Er beschäftigt sich beim Deutschen Zentrum für Hochschulforschung (DZHW) in Hannover mit Absolventenforschung. "Personaler haben vor allem Erfahrung mit den Hochschulen in ihrer Region und herzlich wenig Überblick, ob Absolventen anderer Hochschulen nicht viel besser geeignet wären", sagt Briedis. "Dazu kommt, dass die Studiengänge an verschiedenen Universitäten, auch wenn sie gleich gut sind, unterschiedliche Schwerpunkte setzen, die zu bestimmten Unternehmen mehr oder weniger gut passen."

Zwar genießen die Hochschulen, die in den Rankings gut abschneiden, in der Regel auch sonst einen guten Ruf. Andererseits gibt es ebenso renommierte Hochschulen, die in den Ranglisten nicht auftauchen. Rückschlüsse auf die Studienqualität könne man aus Employability Rankings jedenfalls nicht ziehen, meint Briedis. "Die Qualitätsunterschiede zwischen einzelnen Hochschulen sind in Deutschland sowieso längst nicht so groß wie im angelsächsischen Raum."

Der Deutschland-Chef von Universum, Stefan Lake, bestätigt, dass die Befragten die Hochschulen ihrer Umgebung bevorzugen. "Personaler können nicht alle Hochschulen kennen. Darum verlassen sie sich oft auf bestehende Netzwerke, etwa Kooperationen mit regionalen Hochschulen", sagt Lake. "Und in Bayern und Baden-Württemberg gibt es nun mal mehr Industrie als in Mecklenburg-Vorpommern."

Münchner Hochschulen bringen also schon dank ihrer Lage beste Voraussetzungen für das Employability Ranking mit. Die TUM unterhält langjährige Kooperationen unter anderem mit Siemens, General Electric, BMW und Audi. Pro Jahr arbeitet sie in etwa tausend Kooperationsverträgen mit Unternehmen zusammen. Die Studierenden werden zudem intensiv beim Berufseinstieg unterstützt, fast jeden Monat werden Unternehmen zum "Speed Dating mit Talenten" eingeladen.

Auch viele Fachhochschulen ermöglichen ihren Absolventen durch Kooperationen mit der Wirtschaft einen reibungslosen Übergang in den Beruf. In das "Global Employability University Ranking" könnten sie es aber schon deshalb nie schaffen, weil sie viel mit mittelständischen Unternehmen zusammenarbeiten, deren Vertreter gar nicht erst befragt werden.

Vor allem für die internationale Liste könnte auch ein anderer Aspekt eine Rolle spielen: Die acht deutschen Hochschulen, die darin auftauchen, haben entweder eine jahrhundertealte Tradition (Heidelberg, Göttingen) oder sie liegen in Großstädten (München, Berlin, Frankfurt). Die Göttinger Wirtschaftspsychologin Margarete Boos, Expertin für die Markenbildung von Hochschulen, vermutet, dass die Vorlieben der Personaler auch vom Image der Standorte beeinflusst werden. Das Oktoberfest und das Heidelberger Schloss sind schließlich in der ganzen Welt bekannt.

Von Ranking-Einstufungen kompletter Hochschulen hält die Göttinger Professorin allgemein nichts. "Das ist viel zu grob", sagt Boos. "An jeder Uni gibt es gute und schlechte Fachbereiche und Schwerpunkte, das hängt auch von einzelnen Personen ab." Damit eine Hochschule eine Marke werden kann, braucht sie laut Boos etwas, das über die Grundvoraussetzungen guter Forschung, guter Lehre und Innovationskraft hinausgeht: "Es muss herausgearbeitet werden, welches der besondere Spirit, die besondere Umgebung, das besondere Leistungsportfolio ist, durch die begeisternde Studienbedingungen geschaffen und hervorragende Leistungen erzeugt werden." Die TUM hat sich unter ihrem langjährigen Rektor Wolfgang Herrmann beharrlich zur Marke aufgebaut, schon seit ihrem Erfolg in der Exzellenzinitiative 2006 führt sie den Beinamen "die unternehmerische Universität".

Trotz der Vorlieben der Personaler ist die Heimathochschule von Absolventen natürlich nur eines von mehreren Auswahlkriterien. Für die Befragten im internationalen Employability Ranking sind die Fachkenntnisse eines Bewerbers am wichtigsten, für die Befragten im nationalen Ranking seine Persönlichkeit. Übereinstimmend werden als zweit- und drittwichtigstes Kriterium Praxiserfahrung und Art des Abschlusses genannt. Wo der Abschluss erworben wurde, ist weniger wichtig. Trotzdem meint Stefan Lake von Universum, dass Studierwillige sich gut überlegen sollten, welche Hochschule die besten Berufschancen biete: "Auch weil Studenten heute seltener die Hochschule wechseln als früher, wird die Auswahl des Studienorts immer wichtiger."

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SZ vom 23.01.2016
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