Von der Katastrophenschule zur Vorzeigeanstalt Das Wunder von Moabit

Und sie erzählt selbstbewusst von den strengen Gepflogenheiten: keine Handys, keine Kaugummis, keine Mützen im Unterricht. Immer zwei Lehrer in der Klasse. Immer schön "bitte" und "danke" sagen.

Jede Woche ein Gedicht auswendig lernen. Jede Woche ein Elternblatt mit Beurteilungen nach Hause bringen und unterschreiben lassen. Immerzu Tests und Kontrollen, Leistungskontrollen, Materialkontrollen, Taschenkontrollen. Und das funktioniert? Offenbar: Seit vier Jahren ist die Heinrich-von-Stephan-Schule sogar eine "Integrierte Haupt- und Realschule". Jeder Schüler kann sich durch Leistung in einen Realschüler verwandeln. Und bleibt doch in seiner Klasse.

"Man kann hier in Ruhe etwas lernen", sagt Jennifer. "Und man bekommt viel mehr Aufmerksamkeit von den Lehrern." Sie jedenfalls wird in einem halben Jahr einen qualifizierten Hauptschulabschluss machen. Dann möchte sie gerne Familienpflegerin werden.

Dass an dieser Schule einiges anders läuft als anderswo, merkt man sofort, wenn sich die grüne Holztür in dem alten, dicken Backsteingemäuer wieder hinter einem geschlossen hat: keine Graffiti, nirgends, kein Lärm, niemand rast herum, niemand schreit, keine Rempeleien.

Am Treppenaufgang stehen drei Mädchen von etwa 15 Jahren, eine trägt Kopftuch. Alle drei sagen: "Guten Tag." Eine fragt höflich: "Können wir Ihnen helfen? Wohin möchten Sie bitte?" Und dann geht sie voran zum Klassenzimmer der 8.2.

"Schauen Sie sich den Sozialatlas von Berlin an, und dann kommen Sie einfach zu uns in den Unterricht", hatte Direktor Jens Großpietsch am Telefon gesagt.

Wedding/Moabit ist einer der Problemkieze, die Berlins glitzerndes Regierungsviertel wie ein Ghetto-Ring umschließen: hoher Ausländeranteil, überdurchschnittlich viele Menschen, die von Sozialhilfe leben, oft schon in der dritten Generation.

Die Menschen hier sterben früher als der Durchschnitt, ihre Kinder sind schlecht ernährt und zu dick, sie haben schlechtere Zähne. Und sie haben im normalen deutschen Schulsystem überhaupt keine Chance, wie begabt und intelligent sie auch immer sein mögen.

Das ist ja der eigentliche Bildungsskandal, den auch die zweite Pisa-Studie jetzt noch einmal bestätigt hat: In keinem anderen Land ist Schulerfolg so sehr vom sozialen Status der Eltern abhängig.

280 Mädchen und Jungen aus 30 Nationen besuchen die Heinrich-von-Stephan-Schule. Jeder zweite Schüler ist nicht deutscher Herkunft, es sind Türken, Libanesen, Polen und Russlanddeutsche. Die deutschen Kinder stammen vor allem aus Arbeiter-, Arbeitslosen- und Sozialhilfefamilien.

Polizeiakte statt Bücher

Manche der Kinder kennen keinen Menschen, der arbeitet. Bücher gibt es nicht zu Hause, dafür haben einige von ihnen eine stattliche Polizeiakte.

Sie erfahren von ihren Eltern fast nichts über ihre eigene Kultur, ihre Geschichte, ihre Religion, ob sie nun Christen sind oder Muslime. "Diese Eltern sind erziehungsohnmächtig", hatte Direktor Großpietsch am Telefon erzählt. "Drohen immense Strafen an. Nach drei Stunden aber ist der Vater besoffen, und die Strafe ist vergessen."

Die Kinder sind zwei Kilometer Luftlinie vom Berliner Regierungsviertel aufgewachsen. Aber sie sehen beim Ausflug mit der 7. Klasse zum ersten Mal in ihrem Leben den Reichstag und das Brandenburger Tor.

Und wenn es im Vorbereitungs-Referat geheißen hat, das Brandenburger Tor steht auf 10-Cent-Stücken, dann denken einige, dass das Fundament so alter, bedeutender Gebäude offenbar auf Geldmünzen gebaut wurde.

Wenn man ihnen sagt, du wirst nie einen Job finden, wenn du dich nicht ein bisschen anstrengst, du wirst dein Leben lang auf Sozialhilfe angewiesen sein, sagen sie: Wo ist das Problem? Weil sie längst die anderen als Parallelgesellschaft empfinden.

"Aber man darf sie nicht kränken. Sie wehren sich nicht durch Kommunikation, sondern durch Zerstörung." Das hatte Jens Großpietsch auch noch gesagt.

Und dann sitzt man also pünktlich zur Mathematikstunde mitten unter ihnen in der 8.2. Jungs und Mädchen, Deutsche, Türken, Libanesen, Polen, Russen, Haupt- und Realschüler, zwei Mädchen mit Kopftüchern, der große Johnny mit seiner dunklen Haut, ein blasser, schmaler Junge, der Heinrich heißt und Russlanddeutscher ist.

Und es fühlt sich überhaupt nicht wie eine Mathestunde an: Eher wie stilles Arbeiten mit hilfreichen Geistern und Reise nach Jerusalem. In der Mitte des Klassenzimmers steht ein Kasten mit Hängeregistraturen.

Die Schüler holen sich nahezu geräuschlos aus diesem Kasten ihre Aufgaben, gehen zurück zu ihrem Platz und fangen an zu rechnen. Eine junge und zwei ältere Frauen wandern von Schüler zu Schüler und bieten Hilfe an.

Wer seine Aufgabe erledigt hat, geht wieder zu dem Karteikasten und holt sich eine neue. Außerdem verlässt ein Schüler nach dem anderen das Klassenzimmer, kommt nach ein paar Minuten zurück und sagt den Namen des nächsten Schülers, der hinausgehen soll.

Und dann sind da noch drei Schüler, die sich an alledem nicht beteiligen. Sie hantieren besonders ernst und konzentriert mit Geodreieck und Zirkel: Sie schreiben ihre Klassenarbeit. Und jeder von ihnen hat ganz andere Aufgaben.

Jeder weiß, wo er steht

Jasin, ein gut aussehender Junge mit türkischem Akzent, setzt sich neben die Reporterin und sagt: "Frau Jaeger schlägt vor, dass ich Ihnen erkläre, wie unser Unterricht funktioniert."

Jeder Schüler weiß offenbar genau, wo er in Mathematik steht. Jeder hat ein Blatt mit bunten Kästchen, die er abarbeiten muss. Die bunten Kästchen stehen für verschiedene mathematische Disziplinen, Aufgaben und Schwierigkeitsgrade.

Die Farbe der Kästchen findet sich wieder auf den Reitern der Ordner, aus denen sich die Schüler die zu ihrem Leistungsniveau passende Aufgabe fischen. "Und wer die Kästchen erledigt hat und die Hausaufgaben dazu, der darf seine Klassenarbeit schreiben."

Michael zum Beispiel, der große, sympathische Pole mit dem roten Haar, der gerade seine Arbeit schreibt, ist das Mathegenie. Er ist dem Schlechtesten in der Klasse um eineinhalb Schuljahre voraus.

Hilfe ist willkommen

Karin Jaeger, die jüngere Frau mit den dunklen Augen, ist eine der beiden Klassenlehrer. Die beiden anderen Frauen, das sind die Oma eines Ex-Schülers und deren Freundin, eine Bibliothekarin und eine Zahnarzthelferin, die den Lehrern im Unterricht helfen. Jede Hilfe von außen ist an dieser Schule willkommen. Und warum läuft immer einer raus? Weil der zweite Klassenlehrer, Direktor Jens Großpietsch, mit seinem Laptop in einem winzigen, fensterlosen Kabuff nebenan sitzt und das Wochen-Gedicht abhört. Heute ist es Brechts "Der Schneider von Ulm".

Abstürzende Fehlersäulen

Jens Großpietsch sieht aus, wie der Lehrer in einer Schulgeschichte aussehen muss: humorvoll, gemütliches Gesicht, blanke Augen hinter der Brille, Schnauzbart.

Und er ist zufrieden. Für Mert zum Beispiel ist dieses Gedicht "vom Bertolt", wie er sagt, eine wirkliche Herausforderung. Die Schule ist der einzige Ort, an der Mert überhaupt Deutsch sprechen muss. Aber er hat die seltsamen Wörter gut gelernt: "Seine Flügel sind zerspellet- Und er lag zerschellet - Auf dem harten, harten Kirchenplatz..."

Im Klassenzimmer müssen die Schüler inzwischen mit ihren Fingern, Händen und Armen Maße anzeigen: Wie viel ist ein Meter? Und wie viel sind 20 Dezimeter? Aber nicht den Nachbarn verletzen!"