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Video statt Bewerbungsmappe:Selbstgedreht und ohne Filter

Immer mehr Anbieter empfehlen, dass Bewerber ein persönliches Video einschicken statt der herkömmlichen Bewerbungsmappe. Was man dabei beachten muss und ob so etwas tatsächlich bei Personalchefs ankommt, erfahren Sie hier.

Der Mann trägt eine Strumpfhose über dem Kopf und Brille, seine Mundpartie ist gepixelt. Der 25-jährige Grafikdesigner aus Hamburg spricht hastig in die Kamera: "Ich habe Mittagspause, muss aber unerkannt bleiben. (...) Also schreiben Sie mir eine E-Mail, dann sehen wir uns auch mal unvermummt." Das ist kein Erpresservideo, sondern eine Bewerbung um eine neue Arbeitsstelle. Kurz und knackig in 19 Sekunden. Und so papiersparend!

Immer mehr solcher Videos kursieren mittlerweile im Internet, auf Jobportalen und bei YouTube. Manche leider als reine Lachnummer, andere durchaus seriös. Bewerbungsvideos entwickeln sich seit einigen Jahren vor allem in den USA zum Trend. In Deutschland wurden sie bislang vorwiegend bei Castings für TV-Shows wie "Deutschland sucht den Superstar" oder "Germany's next Topmodel" verwendet. Bislang.

Man soll sich mit seiner Bewerbung von der Masse abheben, mit einem Hingucker Aufmerksamkeit erzielen und seiner Bewerbung eine persönliche Note verleihen, ist immer wieder von Karriereberatern zu hören. Das scheinen sich nun auch zahlreiche professionelle Video-Produzenten zu denken, die Job-Aspiranten bei ihren Bewegtbild-Bewerbungen unterstützen wollen. In einer Zeit, in der Businessportale wie Xing erste Anlaufstelle für Personaler sind, könnte ein individuell gestaltetes Bewerbungsvideo die Lücke in der grauen Bewerbungsmappe füllen. Kostenpunkt: ab einigen hundert Euro aufwärts. Bei dem kreativen Mittel zur Eigen-PR sollte man aber auf einige Stolpersteine achten.

Vorsicht bei den Profis

Sucht man nach dem Begriff "Bewerbungsvideo" im Internet, erscheint eine lange Liste mit Anbietern, die die eigene Vermarktung "emotional und persönlich" vorantreiben wollen. In Workshops oder bei Einzelterminen helfen professionelle Trainer, die persönlichen Vorzüge des Bewerbers ins rechte Licht zu rücken.

Wer sich lieber selbst inszeniert statt von einem Profi helfen zu lassen, kann sich eine Selfmade-Version auf den eigenen Computer laden. Ein Programm namens "CV-One" etwa kostet lediglich 19 Euro. Von dieser Variante raten Experten allerdings dringend ab. "Die Gefahr, mit übertriebenen Gesten oder künstlich wirkender Mimik komisch oder lächerlich zu wirken, ist nicht zu unterschätzen", warnt Steffen Westermann vom Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader in Berlin. Besonders schüchterne Menschen könnten dagegen vor der Kamera schnell verkrampft und ängstlich wirken, so der Experte.

Aber auch bei den Profis ist Vorsicht geboten. "Viele wollen jetzt auf den Zug aufspringen und schnelles Geld machen", meint Karriereberaterin Svenja Hofert, Autorin des Buches "Jobsuche und Bewerben im Web 2.0" angesichts der Flut von Anbietern für Bewerbungsvideos im Internet. Man sollte den Anbieter genau prüfen. Auch Fotografen, die nebenbei Filme produzieren, gehören zu dieser fragwürdigen Gruppe, meint Hofert.

Ein Videoauftritt ist längst nicht für jeden Bewerber geeignet. Schüchterne Menschen haben es schwer, vor der Kamera aus sich herauszugehen. Und bei der Videobewerbung für einen seriösen Posten könne man schnell übers Ziel hinausschießen. Nur in bestimmten Fällen kann Karriereberaterin Hofert eine Videobewerbung empfehlen: "Auszubildende, BWL-Absolventen mit Note 4 und Ältere können damit auf ihre persönlichen Vorzüge aufmerksam machen, weil hier die Ausstrahlung mehr zählt." Zudem könnten alle, die in Vertrieb, Verkauf und Beratung arbeiten möchten, mit einem persönlichen Video punkten. Bei den anderen spiele es keine große Rolle, so die Expertin.

Wer ist der Mann?

Egal, ob es sich um einen kreativen Beruf oder einen Bürojob handelt: Die Kleidung sollte, wie bei einem Vorstellungsgespräch, dem Adressaten angepasst sein, rät Westermann: "Eher gediegen, klassisch, Männer im Anzug, Frauen in zurückhaltenden Farben und im Kostüm oder Hosenanzug sind auf der sicheren Seite."

Auch die Kulisse sollte zum jeweiligen Job passen. Ein Beispiel aus der Praxis des Berufsberaters: Ein Bewerber für die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters ließ sich vor einer Bücherwand in schwerem dunklen Holz filmen und wollte sich damit für die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters bewerben. Der Schuss ging nach hinten los: "Gewöhnlich sind solche Kulissen die Domäne der Professoren. Also nicht zu dick auftragen", rät Westermann.

In Deutschland reagieren Unternehmen noch sehr zögerlich auf das neue Bewerbungselement. Zum einen findet die Auswahl nach strikten, meist sachlichen Kriterien statt, erklärt Hofert. Zum anderen sei es ihren Nachforschungen zufolge für viele auch technisch zu aufwendig. Ihr Tipp: Anstatt der Bewerbung ein Videoband oder eine gebrannte CD beizulegen, sollte man die Videobewerbung lieber auf einer eigenen Website im Internet platzieren und die Verlinkung darauf in der Bewerbung anführen. Denn ein Bewerbungsvideo ist meist nur als Ergänzung zu einer Standard-Bewerbungsmappe sinnvoll, sozusagen als "zusätzlicher Appetizer", sagt auch Berufsberater Westermann.

Bewerbungsvideos werden den Markt vermutlich nicht revolutionieren. Aber eine zündende Idee im passenden Jobumfeld kann den Betrachter durchaus neugierig machen. Wer will denn nicht wissen, wie der Herr mit Strumpfhose tatsächlich aussieht?