Süddeutsche Zeitung

Verhaltensökonomie:Lügen ist ansteckend

Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigt: Menschen in Teams sagen häufiger die Unwahrheit als Menschen, die alleine arbeiten.

Wenn Kollegen in einem Team zusammenarbeiten, verhalten sie sich häufiger unehrlich als Menschen, die alleine arbeiten. Dieses Ergebnis hat eine Studie von Verhaltensökonomen der Ludwig-Maximilians-Universität in München erbracht. Für das Experiment haben die Forscher insgesamt 273 Studienteilnehmer gebeten, das Video eines Würfelwurfs zu beobachten und anschließend die gewürfelte Zahl zu nennen. Je höher die genannte Augenzahl, desto höher war die versprochene Gratifikation. Lügen wurden nicht bestraft. Es bestand also für die Teilnehmer ein gewisser Anreiz, eine möglichst hohe Zahl zu nennen und zu lügen. Die Aufgabe wurde sowohl Probanden, die alleine entschieden, als auch Probanden, die sich über ihr Ergebnis in einem anonymen Gruppenchat abstimmten, gestellt.

Zwei verschiedene Gruppenkonditionen wurden dabei untersucht: Gruppen, in denen nach dem Chat alle Mitglieder dieselbe Zahl nennen müssen, damit sie die Vergütung erhalten. Und Gruppen, die zwar chatten können, aber in denen die genannte Zahl nur für die eigene Vergütung ausschlaggebend war. Letztere mussten sich also nicht einigen und koordinieren.

Bewusst haben die Ökonomen zwei Aspekte ausgeschlossen, nämlich besseres Verständnis und geteilte Verantwortung. In früheren Untersuchungen wurde bereits gezeigt, dass Individuen in Gruppen komplexer Strukturen und Systeme eher unehrlich handeln, weil sie diese besser ausnutzen können. In der neuen Studie war die Aufgabe so einfach, dass es keine Verständnisunterschiede zwischen Individuen und Gruppen geben konnte. Auch dass sich Individuen durch die Verantwortungsteilung in Gruppen hinter der Gemeinschaft verstecken, ist bereits bekannt und wurde deshalb nicht noch einmal untersucht. Trotz dieser beiden ausgeschlossenen Aspekte gab es viel mehr Unehrlichkeit in den Gruppen.

So haben der Studie zufolge 61,5 Prozent der Teilnehmer gelogen, als sie alleine entscheiden sollten. 86,3 Prozent der Teilnehmer von Gruppen, die sich absprechen konnten, aber in denen jeder für sich entschied, sagten die Unwahrheit. Und sogar 89,7 Prozent der Teilnehmer in Gruppen, die sich zwecks einer Gratifikation koordinieren müssen, täuschten.

"Teilnehmer in Gruppen verhalten sich häufiger unehrlich", sagt Lisa Spantig, Laborleiterin und Doktorandin am Lehrstuhl Verhaltensökonomie und experimentelle Wirtschaftsforschung. Der Grund für diesen "dishonesty shift", wie die Forscher das Phänomen nennen, ist, dass sich die Mitglieder einer Gruppe über ihre Normvorstellungen und die Argumente dafür austauschen. "Es liegt am Feedback. In Gruppen stimmen die Mitglieder ihre Vorstellungen, was richtig ist und was nicht, aufeinander ab. Dadurch gelingt es den einzelnen Beteiligten eher, die Norm umzuinterpretieren, als wenn sie allein entscheiden müssten", erläutert Spantig.

Wie die Untersuchung auch zeigt, gehen die Teilnehmer nach solchen Gruppenprozessen eher davon aus, dass andere auch lügen, und verhalten sich dann entsprechend. Die Zusammensetzung der Gruppe im Hinblick auf die Anzahl Lügner spielt kaum eine Rolle: Sogar in Gruppen, in denen vorher alle ehrlich waren, kommt es zum Lügen.

Sind die Gruppen einfach "kreativer", was die Argumente für Unehrlichkeit angeht? "Bei der Analyse der Chats finden wir, dass den Gruppen ähnliche und ähnlich viele Argumente einfallen wie Einzelpersonen, die fünf Minuten Zeit haben, um ihre Gedanken niederzuschreiben", sagt Spantig. "Der Unterschied ist, dass es innerhalb einer Gruppe Feedback zu den Argumenten geben kann, sodass die Argumente letztlich überzeugender sind." Gleichzeitig könne man sich in der Diskussion ein Bild von den Moralvorstellungen anderer machen, "man lernt sozusagen, was genau die Norm ist und wie stark sie ist". Dies führe dann zu vermehrter Unehrlichkeit, wenn die Norm innerhalb der Gruppe Unehrlichkeit zulässt.

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SZ vom 31.03.2018/mkoh
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