Veränderung im Job:Neustart nach der Sinnkrise

Lesezeit: 4 min

Veränderung im Job: "Ich war ein Manager, perfekt, aalglatt", sagt Erwin Gegenbauer. Heute versteht er sich als Archäologe, der verschollene Genüsse aufspürt.

"Ich war ein Manager, perfekt, aalglatt", sagt Erwin Gegenbauer. Heute versteht er sich als Archäologe, der verschollene Genüsse aufspürt.

(Foto: Jean-Pierre Sylvestre)

Sie waren angekommen und hatten Erfolg im Beruf - doch irgendetwas fehlte immer. Wie Menschen sich verändert haben, um ihren Job wieder mit Leidenschaft und Herzblut auszuüben.

Von Ingrid Brunner

Ein Buchhalter würde ihm sicher raten, sich mehr um seine Zahlen zu kümmern. Und aus betriebswirtschaftlicher Sicht sollte man Erwin Gegenbauer wohl auch wünschen, er möge erst mal die bereits vorhandenen Geschäftsideen in die Gewinnzone bringen, ehe ihm ständig neue einfallen. Doch genau dieser Sicht der Dinge hat er radikal den Rücken gekehrt, seit er das Familienunternehmen, eine Konservenfabrik, verkauft hat.

Seither sind seine Projekte mit Krediten finanziert. Sprich, er muss ziemlich viele Bälle in der Luft halten und zusehen, dass er keinen davon aus den Augen verliert. Erst war da die Kaffeerösterei, dann kamen der Essig, das Öl, nun braut er auch noch Bier aus Urkorn und Emmer, die er mitten in Wien anbaut, bäckt Brot und vermietet Gästezimmer. Architekten haben raumgreifende Bettskulpturen für ihn gezimmert, die in schlichten Räumen mit nackten Backsteinwänden stehen.

Logisch und alternativlos

Sein jüngstes Projekt: eine Terrasse über dem Innenhof vor dem Hühnerstall, eine zweite für die Gäste, eine dritte für den Hochgarten. Der Gast begibt sich auf Stegen von einem Deck zum anderen, erntet Gemüse und Kräuter, holt sich sein Frühstücksei und bereitet es sich in der Gemeinschaftsküche zu. Eier mit Aroma: Die Hühner picken den Trester von der Himbeerölpressung.

All das findet Platz im elterlichen Wohn- und Geschäftshaus im Wiener Bezirk Favoriten, einem wenig idyllischen Arbeiterviertel. Nicht unbedingt der Ort, an dem man nach Spitzenessigen und hochwertigen Ölen in Bioqualität suchen würde, um die sich internationale Sterneköche reißen. "Wahnsinn" nennen das Berater, wenn einer aus erlesenen Früchten und seltenen Reben erst Wein macht, um ihn in einem jahrelangen Reifeprozess zu Essig werden zu lassen. Logisch und alternativlos, nennt Gegenbauer sein Verfahren. Im naturkühlen Kellergewölbe reifen seine Essige in Hunderten Glasballons.

Der unverfälschte Geschmack von Lebensmitteln ist Gegenbauers Benchmark: "Ich sehe mich als Aromenbewahrer." Überall nimmt er Geschmacksspuren auf - den Duft von frisch geschnittenem Gras im Leindotteröl, die Marzipansüße im Apfelkern. Sein Ehrgeiz ist es, alte Geschmäcker wie ein Archäologe wiederzuentdecken. Etwa die säuerliche Frische des Bohnapfels. Nebenher lässt er diese fast vergessene Sorte jetzt wieder anbauen und macht Saft daraus.

Er kämpft "gegen die Uniformierung des Geschmacks, wie ihn die Lebensmittelindustrie betreibt". Seine These: Je schlechter etwas schmecke, desto mehr Geld investiere man, um es unter die Leute zu bringen. "Ist Ihnen das noch nie aufgefallen?", fragt er. Der Grund, erklärt er, sei eine einfache Kostenrechnung: Entweder kümmere man sich permanent um die Qualität eines Produkts: "Das ist mühsam und kostenintensiv." Oder man investiert in die Schaffung einer Marke - wie Coca-Cola. Versteht sich von selbst, wofür Gegenbauer sich entschieden hat.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB