USA: Kamera in Schul-Laptops Per Webcam direkt ins Kinderzimmer

In Pennsylvania haben Lehrer mit ferngesteuerten Webcams heimlich ihre Schüler ausspioniert. Und das ist nur der Anfang.

Von Martin Zips

Sicher haben es die Pädagogen der Harriton High School nur gut gemeint, als sie Laptops mit winzigen Kameras an ihre Schüler verteilten. Genauso wie es Eltern gut meinen, die ihren Nachwuchs in Strampelanzüge mit Textil-Elektroden und leitfähigen Garnen stecken, um jederzeit am Computerbildschirm über die Körperfunktionen ihres Neugeborenen informiert zu sein. GPS-Geräte an den Körpern etwas älterer Kinder schlagen Alarm, wenn der Nachwuchs unverhofft einen anderen Weg zur Schule nimmt.

Kontrollierendes Plüschmännchen

Am Nachmittag kann Mutti dann vom Büro aus überwachen, ob die Hausaufgaben tatsächlich schon gemacht worden sind. Sie bedient sich dafür der unauffällig in einem lustigen Plüschmännchen integrierten Kamera, welche live Bilder aus dem Kinderzimmer auf ihr Handy sendet. So ein Plüschmännchen wurde erst vor wenigen Tagen auf der Messe "E-world" in Essen als großartige IT-Neuerung vorgestellt. Natürlich funktioniert die Überwachung theoretisch auch mit einem internetfähigen Babyphon oder über die Webcam im Schul-Laptop. Ganz so, wie an der Harriton High.

Dort, im US-Bundesstaat Pennsylvania, hat sich die stellvertretende Direktorin bestimmt nichts Böses dabei gedacht, als sie den Schüler Blake Robbins, 15, zu sich ins Zimmer bat. Die Lehrerin warf Blake "unangemessenes Verhalten" vor. Über eine von der Schule aus der Ferne aktivierte Laptop-Webcam habe sie nämlich erfahren, dass Blake mit Drogen handele, berichtete die Pädagogin.

Bespitzelte Eltern

Die Eltern des Schülers waren entsetzt. Weniger wegen des Drogenvorwurfs - bei den Tabletten in Blakes Zimmer soll es sich um harmlose Bonbons gehandelt haben. Vielmehr entsetzte seine Eltern die Bespitzelung durch das Lehrpersonal. Insgesamt 2300 Lern-Laptops hatte diese Schule - und noch eine andere - an Schüler verteilt.

Da konnten die Lehrer noch so sehr darauf verweisen, sie hätten durch die Webcam-Fernsteuerung verschollene Laptops wieder aufspüren wollen. Auch seien in 14 Monaten lediglich 42 Mal Webcams heimlich aktiviert worden, betonten sie. Holly und Michael Robbins, die Eltern von Blake, beeindruckte das nicht. Sie verklagten die Schule. Auch das FBI und diverse Staatsanwälte ermitteln nun - schließlich hatte die Lehranstalt die Eltern über eine derartige technische Finesse zuvor nicht informiert.

Knipser lauern überall

US-Datenschützer sprechen von einem "unerhörten Fall von Verletzung der Privatsphäre." Der berühmte Satz des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, wonach der "David Microchip" auf Dauer den "Goliath Totalitarismus" besiegen werde, hatte in den Privatgemächern der Eltern von Harriton High eine unerwartete Wendung genommen. Ihr Leben war jetzt das Leben der anderen.

Andererseits dürfte ein Vorfall wie der in Pennsylvania heutzutage niemanden wirklich überraschen. In fast jedem Handy steckt eine Kamera, für deren Bedienung man kein Stasispitzel sein muss. Besonders gelungene Bilder werden im Internet veröffentlicht oder an die Boulevardpresse verhökert. Auch Firmen stellen Fotos ihrer Mitarbeiter gerne mal ungefragt ins Intra- oder Internet, die Knipser vom Google-Street-View lauern sowieso an jeder Straßenecke. Klar: Von Ürümqui bis Teheran hat die Omnipräsenz digitaler Speichermedien auch ihr Gutes.

Bedrohliches Eigenleben der Computer

Dass aber Computer dabei manchmal ein Eigenleben entwickeln, das an den Rechner HAL in Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" erinnert, überrascht nicht. Selten ahnt man, ob sie dabei a) von Lehrern der Harriton High, b) von Michael Endes grauen Herren oder c) einem Zauberlehrling gesteuert werden. "Das ganze Leben ist ein Quiz", sang der Komödiant Hape Kerkeling vor 20Jahren, "und wir sind nur die Kandidaten". Heute wirbt der Computerspielehersteller Nitendo mit dem Spruch "Life's a game", das Leben ist ein Spiel.

Komisch, dass das im Jahr 2010 so bedrohlich klingt.