Unternehmenskultur Es kommt immer mehr auf die Chefs an

Dabei sei "Diversity Management" das Erfolgsrezept für die kommenden Jahre. Vielfalt müsse als Bereicherung gesehen werden, denn die Welt sei nicht mehr nur schwarz und weiß. "Hinzu kommt, dass einer in seinem Kopf gar nicht mehr all das abbilden kann, was in der Welt passiert." Daher sei es essentiell für den Erfolg von Unternehmen, nicht nur das Chef-Ego zu betrachten sondern eher "die Intelligenz des Umfelds". Das sei "postheorisch", findet Frank Appel, Chef der Deutschen Post DHL, es bestimmt nicht mehr einer mit dicker Zigarre, wo es lang geht, sondern einer, der Teams steuert. Doch der Normalfall ist das nicht - trotz all der Seminare und Ratgeber, die es zum Chefthema gibt.

Hans Ochmann, Mitglied der Geschäftsführung bei Kienbaum Consultants, betont, dass sich zwar die Rahmenbedingungen für Führungskräfte geändert haben, nicht aber unbedingt deren Kompetenz: "Gerade im Internet gibt es vielerlei Kanäle, in denen sich Angestellte trefflich über ihre Vorgesetzten auslassen können". Problematisch sei, dass man sich da sehr allgemein zu einer Sache äußere, die Differenziertes erfordere. Die Führungskräfte von heute haben es mit viel mehr Dynamik und Komplexität in den Unternehmen zu tun, die Anforderungen an sie seien mittlerweile sehr hoch: "Früher haben sie Spielzüge gelernt, heute müssen sie das ganze Spielfeld überblicken."

In einer Zeit, in der deutsche Firmen noch volle Auftragsbücher haben, stößt das Verhalten der Chefs intern bitter auf, sagt Erfolgsautor Wehrle. "Die Vorgesetzten preisen nach außen die Erfolge des Unternehmens und nach innen geben sie Spardivisen aus: Das ist Kommunikation mit zwei Zungen." Andererseits sind Mitarbeiter nicht ganz unschuldig an der Misere, denn "deutsche Arbeitnehmer leben in einer Untertanenkultur", so Wehrle.

Eine Studie der Universität Harvard gibt den Wutmitarbeitern recht: Forscher haben herausgefunden, dass einfache Angestellte oft gestresster sind als ihre Vorgesetzten. Das, so begründen die Wissenschaftler, hänge damit zusammen, dass Führungskräfte Entscheidungsspielräume haben, die Untergebenen aber fehlten. Die Medizinerin Dagmar Ruhwandl kommt noch zu einem anderen Schluss. Das Verhältnis von Chefs zum Personal sei häufig wegen Minderleistungen stressig: "Wenn etwas nicht läuft, versuchen wir, die Dinge nach oben zu projizieren." Es treffe meist einen der Chefs, allerdings nicht unbedingt den direkten Vorgesetzten. Der Mitarbeiter fühle sich dann zum "Nichtstun verdammt", eine Ursache für Burn-out. Und durch das Lästern über Chefs, und das Reden darüber, fühlten sich die Lästerer bestätigt. Kurzzeitig entsteht ein Gefühl von Überlegenheit.

Deutschland, sagt Autor Wehrle, brauche eine neue Führungskultur - und eine neue Art von Persönlichkeiten in den Chefetagen. "Eigenschaften wie Charisma erleben in dieser unsicheren Zeit eine Renaissance", sagt Kienbaum-Partner Ochmann. Ein Mensch mit Ausstrahlung vermittle Sicherheit, Machismo aber schreckt ab. Solche Eigenschaften könne man nicht lernen, das sei "Typ-Sache." Doch er weiß auch: "Führung ist auch Handwerk."