Unruhige Kinder:ADHS ist überall

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In der Schule können sich Kinder nicht auf eine Aufgabe konzentrieren, im Job klicken sich Arbeitnehemr von einer E-Mail zu nächsten: Was die tägliche Unruhe mit dem "Aufmerksamkeitsdefizit" zu tun hat. Der Philosoph Christoph Türcke gibt eine Antwort.

Thomas Steinfeld

Wenn besonnene Menschen über Kinder reden, die man "hyperaktiv" nennt oder denen man einen prinzipiellen Mangel an Konzentrationsvermögen zuschreibt, sagen sie manchmal, solche aufgeregten kleinen Wesen habe es immer schon gegeben. Es sei heute, da Familie, Schule und Freunde einiges von ihrer sozialen Kraft verloren hätten, nur sehr viel schwieriger, sie zu binden. Daran ist so viel Wahres, als dass sich mit ADHS ("Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung") kein scharf abgegrenztes Krankheitsbild verbindet. Das "Syndrom" gehört vielmehr, seitdem es vor dreißig Jahren seinen Namen erhielt, zu den Krankheiten, die sich, wie etwa die "Hysterie" im neunzehnten Jahrhundert, mit ihrer Diagnose zu verbreiten scheinen - was nicht heißt, dass es sie nicht gibt, sondern nur, dass sie diffuse und schwer oder gar nicht erklärbare Symptome bündeln. Tragen sie dann Namen, können Medizin und Patienten mit ihnen umgehen, und das schließt die pharmazeutische Behandlung (und deren gemischte Resultate) ein.

Themendienst Gesundheit: ADHS bei Erwachsenen

Nicht nur Kinder leiden unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom.

(Foto: ddp)

Die Ratlosigkeit, die sich schon im Wort "Syndrom" verbirgt und manchmal auch "multifaktoriell bedingtes Störungsbild" heißt, bleibt allerdings bestehen, und sie gilt, mehr noch als den Symptomen der Krankheit, deren Gründen. Gewiss, eines kann als gesichert gelten, eine erbliche Disposition in manchen Fällen etwa. Und selbstverständlich gibt es physiologisch manifeste Störungen oder traumatische Erfahrungen, die eine klare Diagnose erlauben. Aber beim übergroßen Rest dieser pathologischen Erscheinungen, die sich seit einigen Jahrzehnten in allen industrialisierten Ländern, quer durch alle Volksgruppen und Schichten verbreiten, greifen solche diagnostischen Muster nicht. Das mag daran liegen, dass es keine medizinischen Antworten auf die Fragen nach dem Grund dieses "Syndroms" gibt.

In der jüngsten Ausgabe des Jahrbuchs der Psychoanalyse (Heft 62/2011) wird eine Auseinandersetzung dokumentiert, in deren Mitte der Leipziger Philosoph Christoph Türcke und dessen Thesen zur "Aufmerksamkeitsdefizitkultur" stehen. Vorausgesetzt ist ihr der Gedanke, dass medizinische Diagnosen trennen - zwischen einer Welt, die eigentlich gesund ist, und pathologischen Erscheinungen, die als Abweichung von dieser Norm verstanden werden.

Diese Scheidung aber kann es im Fall des "Aufmerksamkeitsdefizits" nicht geben: Denn unter gegenwärtigen Verhältnissen sind nicht nur Kinder aufgeregt. Tatsächlich unterliegt die gesamte Gesellschaft einem "Aufmerksamkeitsregime", einer Dauererregung durch immer schneller aufeinanderfolgende und immer heftiger werdende Bildschocks. Diese Erregung regiert etwa ein Fernsehen, in dem keine Sendung mehr von Anfang bis Ende verfolgt, sondern jeder Spannungsabfall innerhalb einer Sendung mit Umschalten quittiert wird. Sie regiert das Arbeitsleben, mit ständig neu hereindrängenden E-Mails, die jede für sich nicht nur Unterbrechung, sondern Neuorientierung verlangen. Kein Bereich des Lebens mehr ist von dieser Unruhe ausgenommen.

Unfähig zur Freundschaft

"Dies alles", sagt Christoph Türcke, "sind manifeste Aufmerksamkeitsdefizitsymptome." Das Kind, dem es nicht gelinge, sich auf irgendetwas konzentrieren, bei irgendetwas zu verweilen, eine Freundschaft aufzubauen oder ein Spiel zu seinem Ende zu bringen, das Rumpelstilzchen, das, von ständiger Unruhe getrieben, überall stört, in der Schule, in der Familie, auf dem Spielplatz, sei nur der extreme Ausdruck der Erregung, die sich überall finde, in allen Teilen der Gesellschaft.

Und wenn das Kind zur Ruhe komme, wenn es sein Kopf auf einen Gegenstand fixieren könne, dann geschehe das am Computer. Dort reichten nämlich, wie der Kinderanalytiker Wolfgang Bergmann das Verhalten beschreibt, "wenige Handbewegungen aus, um ein gewünschtes Objekt in den Bereich der Verfügbarkeit zur holen, oder einen Kommunikationspartner für den Austausch dieser oder jener Phantasie, dieser oder jener Kontakte anzurufen." Alles stehe bereit, jetzt, in diesem Augenblick, und im nächsten sei es verschwunden. Der Computer, so Christoph Türcke, sei das Medium der "konzentrierten Zerstreuung" schlechthin, und wenn das Kind sich ihm zuwende, so wie es sich keinem Menschen, keinem anderen Gegenstand widmen könne, dann geschehe dies, weil es in ihm bei sich selbst ankomme; weil der Unruhestifter nur im Angesicht der Unruhemaschine zur Ruhe kommen könne.

Ist das Fernsehen schuld?

Dass das Fernsehen oder der Computer am Elend der Kinder schuld sein könne, dass am Grunde allen Übels "Reizüberflutung" oder "Entfremdung" lägen - das sind kulturkritische Theorien, die so lange als haltlos (und reaktionär) gelten müssen, wie sie im Ungefähren bleiben und also über das, was tatsächlich zwischen Bildschirm und Betrachter geschieht, nichts zu sagen wissen.

Kultur der Wiederholungen

Bei Christoph Türcke ist das anders. Alle Kultur, sagt er, beruhe auf Wiederholungen, auf Ritualen, Sitten und Gebräuchen, deren elementarer Zweck es gewesen sei, eine von allen Seiten bedrohlich hereindrängende Außenwelt durch Nachahmung zu bannen. Im Laufe der Jahrtausende sei dieses Verfahren so verfeinert und entwickelt worden, dass die modernen Gesellschaften mit ihren Gesetzen, ihren Traditionen, Grammatiken und mit ihrem Wissen daraus entstanden seien - bis die Maschinen aufkamen.

Zuerst hätten sie den Menschen von mechanischen Wiederholungen befreit, dann, in den Bildmaschinen, von der eigenen Wahrnehmung: Seitdem zieht der Bildschock "durch seine abrupten Bildwechsel das Auge magnetisch an; er verspricht ständig neue, noch ungesehene Bilder; er übt in die Allgegenwart des Marktes ein: sein ,Hierhergesehen' preist die nächste Szene an wie ein Marktschreier seine Ware."

In einer Kritik, die das Jahrbuch der Psychoanalyse dem Essay Christoph Türckes beigesellt, moniert die Psychoanalytikern Elfriede Löchel, es walte hinter dieser Theorie ein analogisches Denken, das im Aufmerksamkeitsdefizit den "Sozialcharakter der flüchtigen Moderne" dingfest zu machen glaube. So einfach lägen die Dinge in der Regel nicht. So einfach macht sie sich indessen auch Christoph Türcke nicht. Denn zum einen insistiert er darauf, dass die Unruhe der Medien sich nicht schlicht in der kindlichen Unruhe spiegele. Man komme mit empirischer Forschung zwar nur unter Schwierigkeiten an solche Phänomene heran. Aber man müsse davon ausgehen, dass ein Defizit an Aufmerksamkeit zuerst einmal erlebt werde, bevor es im Kind wiederholt werde, in Gestalt ein Umwelt, die ihrerseits von einer tiefen Unruhe geprägt werde, von ständigen Springen zwischen den Medien und den Ereignissen: "Fände nicht ein vitaler Entzug statt, gäbe es nicht die motorische Dauerunruhe, die unablässige Suche nach etwas, was die Gestalt eines verlorenen Objekts noch gar nicht angenommen hat."

Die Leiden der Seele

Zum anderen versucht Christoph Türcke zu erklären, was in einem Bewusstsein geschieht, dessen innerstes Bewegungsgesetz die Unruhe selbst ist. Dazu greift er zurück auf einen Gedanken der französischen Philosophin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva, die von den "neuen Leiden der Seele" spricht, die in den "Schwierigkeiten der Repräsentation" begründet seien - also darin, dass keine Vorstellung mehr die feste Form annehme, die sie brauche, um einem anderen Menschen vermittelt zu werden (um von der festen Form, die man braucht, um zu denken, ganz zu schweigen). So entstehe dieses flackernde Bewusstsein, diese vagabundierende Intelligenz, in deren mentalen Innenraum keiner zu schauen vermöge. Gewiss, am Ende dieser Theorie wird noch mehr spekuliert als an ihren kulturanthropologischen Anfängen. Aber klüger als Ritalin ist dieser erste Versuch allemal, einem grassierenden "Defizit" der modernen Gesellschaften mit den Mittel der Philosophie beizukommen.

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