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Universitätsabschluss:Der böse leere Bildschirm

Ratlosigkeit, Scham und unzählige Ausreden: Viele Studenten scheitern an ihrer Abschlussarbeit, weil sie nicht rechtzeitig um Rat fragen - obwohl es professionelle Hilfe gibt.

Eigentlich hatte Sebastian Jahn alles richtig gemacht: Die Daten aus der Fertigungsstraße steckten in Tabellen auf seinem Laptop, die Korrelationen zwischen Maschineneinsatz und den Kosten für die Umrüstung waren berechnet und auch die ersten Graphiken hatte er für seine Diplomarbeit schon erstellt. Im Praktikumsbetrieb in der badischen Provinz lief ebenfalls alles nach Plan: Sein Chef lobte den Vortrag des Studenten über die Optimierung der Fertigung, die Kollegen wiesen ihn auf eine Stelle hin, auf die sich Jahn bewerben sollte. Er hätte sie wohl bekommen - wären diese verflixten 80 Seiten nicht gewesen.

Die Angst vor dem leeren Bildschirm: Immer wieder scheitern Studenten kurz vor ihrem Abschluss.

(Foto: Foto: dpa)

Nun, acht Monate später, wohnt Sebastian Jahn in Hamburg und ärgert sich über sich selbst. Über die Angst, die er damals vor dem leeren Blatt hatte, über seine unzähligen Ausreden und am meisten darüber, dass er sich schämte, nach Hilfe zu fragen. Fast ein Jahr hat er für seine Diplomarbeit gebraucht - sechs Monate zu viel. Das kostete ihn einen sicheren Job und fast auch das Diplom als Wirtschaftsingenieur. Ein wenig ist ihm das noch immer peinlich, deshalb hat er darum gebeten, nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung zu stehen.

Immer wieder scheitern Studenten kurz vor ihrem Abschluss, auch solche, die wie Sebastian Jahn vorher gute Noten haben. Kai Stapelfeldt kennt viele, die nach zehn, zwölf oder vierzehn Semestern hinschmeißen und ohne Abschluss von der Uni gehen. Er kennt aber auch viele, die es in letzter Minute doch noch geschafft haben - und zwar mit seiner Hilfe. Stapelfeldt ist hauptamtlicher Koordinator von "Studi-Coach", einem gemeinnützigen Verein, der Studenten bei ihrer Abschlussarbeit unterstützt. 2008 berieten Stapelfeldt und seine nebenberuflichen Coachs mehr als 200 Studenten, vor allem in Hamburg und Berlin. Die meisten meldeten sich von selbst, etwa fünf Prozent werden von ihren Eltern geschickt. Und die Zahl derer, die Hilfe suchen, steigt.

"Studenten stehen heute unter mehr Druck", sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Bei den neuen Bachelor-Studiengängen sei zwar der Umfang der Abschlussarbeiten nicht gestiegen. Wegen der kürzeren Abgabefristen seien die Studenten aber unflexibler als früher. Das Studium sei konzentrierter und zügiger geworden, sagt Meyer auf der Heyde. "Man kann sich heute keinen verkorksten ersten Monat mehr leisten." Das Studentenwerk hat reagiert: mit zusätzlichen Beratungsangeboten, Seminaren zum Zeitmanagement und Kursen zur Methodenkompetenz, die viele Hochschulen kostenlos anbieten. "Anpacken statt Aufschieben" oder "Studienabschlusscoaching" heißen die Veranstaltungen.

Am Ende drohte die Exmatrikulation

Seiner Uni gibt Sebastian Jahn keine Schuld daran, dass er sich so schwertat: "Ich war gut vorbereitet." Doch als er sich vor den leeren Bildschirm setzte, fühlte er sich plötzlich überfordert. Er wusste nicht, wie er den bisher längsten Text seines Lebens beginnen sollte, feilte stundenlang an den ersten Absätzen. Erst verlängerte Jahn den Abgabetermin um zwei Monate, dann ließ er sich für zwei weitere Monate krankschreiben. In der Firma, in der er die Daten für seine Arbeit sammelte, meldete er sich einfach nicht mehr. "Mir einzugestehen, dass ich Rat benötigte, war der schwierigste Schritt."

Jahn war ein guter Student, er schrieb Zweier, nutzte die Semesterferien für Praktika. Erst als die Uni mit der Exmatrikulation drohte, sah er ein, dass er es alleine nicht schaffen würde. Verzweifelt tippte er "Coach + Diplomarbeit" in eine Suchmaschine und stieß auf den Hamburger Verein Studi-Coach.

Aufschub erbettelt

Anschließend erbettelte sich Jahn weitere acht Wochen Aufschub beim Prüfungsamt und ging zu Studi-Coach nach Hamburg. Jeden Morgen traf er sich dort mit seiner Betreuerin, um über die Fortschritte der Arbeit zu sprechen, die nächsten Kapitel zu planen oder fertige Seiten zu überprüfen. Einige Male gingen sie sogar gemeinsam zur Literatursuche in die Bibliothek. Jahn war gezwungen, täglich Fortschritte zu zeigen. Das hat ihm geholfen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, zu welchen unlauteren Methoden manche Studenten greifen.

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