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Universität Göttingen:Exzellent und brachial

Die ruhmreiche Göttinger Uni steckt in einer schweren Krise: Wissenschaftler sollen sich Fördergelder erschlichen haben. Jetzt gerät der Uni-Präsident in die Kritik: Hat er zu viel Druck auf die Forscher ausgeübt?

So ein Mann hat Feinde, das ist klar. Als Präsident der Universität Göttingen ist Kurt von Figura Kritik gewohnt, auch Neid und Missgunst muss er aushalten. Für den Chef einer Hochschule ist das normal, zumal wenn sich die Universität mit dem Exzellenz-Status schmückt. Diesen Titel gewann Göttingen vor anderthalb Jahren.

Kurt von Figura: Der Präsident der Universität Göttingen muss eine der schwersten Krisen in der Geschichte der ruhmreichen Göttinger Universität meistern.

(Foto: Foto: dpa)

Für den Biochemiker und Mediziner Figura war es der bisher größte Triumph seiner Amtszeit; der Sieg wurde ordentlich gefeiert. Doch nun muss Figura eine der schwersten Krisen in der Geschichte der ruhmreichen Göttinger Universität meistern. Und er wird wissen, dass ihm so mancher diese Krise von Herzen gönnt.

Die Feierlaune des Präsidenten, der am Samstag 65 Jahre alt wird, dürfte sich gegenwärtig in engen Grenzen halten. Zwei Affären belasten die Uni: 16 Wissenschaftlern wird vorgeworfen, in Publikationslisten falsche Angaben gemacht zu haben, um sich Geld der DFG, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, zu erschleichen.

Unangenehmes Protokoll

Gutachtern der DFG waren Ungereimtheiten aufgefallen; die Forscher hatten Aufsätze genannt, die sie gar nicht geschrieben hatten. Außerdem besteht der Verdacht, dass Geld falsch verbucht und unrechtmäßig verwendet wurde. Beide Vorwürfe beziehen sich auf einen Sonderforschungsbereich (SFB), der den indonesischen Regenwald erforscht. Das alles ist für Figura schon unangenehm genug.

Noch unangenehmer für ihn ist ein an die Öffentlichkeit gelangtes Protokoll einer SFB-Mitarbeiterin, das suggeriert, Figura könnte seit langem von finanziellen Unregelmäßigkeiten gewusst, aber darüber hinweggesehen haben. Er bestreitet das vehement.

Figura kennt die Spielregeln der DFG, lange Zeit gehörte er ihren Gremien an. Geboren im baden-württembergischen Heiningen, hatte er in Tübingen Medizin studiert. In Münster wurde er Professor, 1986 kam er nach Göttingen. Dort leitete er das Zentrum für Biochemie; als Sprecher eines zellbiologischen SFB ist dem Vater von vier Kindern auch die Verwaltung von Großprojekten vertraut.

Eine Quittung für den Druck

In seiner Antrittsrede als Präsident sagte Figura vor vier Jahren, "universitäre Exzellenz war und wird nie die direkte Folge von Lenkung sein". Manche Geistes- und Sozialwissenschaftler werfen ihm aber vor, die Universität brachial auf "Exzellenz" getrimmt zu haben. Gute Bücher würden für ihn kaum zählen, er habe die Professoren vor allem zu Drittmittel-Anträgen angetrieben. Der Skandal um Fälschungen und Fehlbuchungen erscheint den Kritikern wie eine Quittung für den Druck, den Figura auf seine Forscher ausübte.

Schon bald nach Amtsantritt überwarf sich Figura öffentlichkeitswirksam mit den Göttinger Parteienforschern Franz Walter und Peter Lösche, die er als "Feuilletonpolitologen" bezeichnete, was Figura nicht freundlich meinte. Die Wissenschaftler wehrten sich heftig und recht erfolgreich; Studenten verlangten damals den Rücktritt des Präsidenten. Figura dachte nicht daran. Auch jetzt versichert er, er werde seine Amtszeit bis Ende 2010 ausfüllen. An der Universität laufen Ermittlungen der internen Revision, der DFG und der Staatsanwaltschaft. Figura sagt, die Affäre werde "umfassend" aufgeklärt.

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