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Typologie der Pendler:Leseratten, Opportunisten und Workaholics

Die eine schläft bis zur Ankunft im Büro, für den anderen beginnt die Arbeit schon unterwegs. Millionen Pendler bevölkern täglich Züge und Straßen. Wen man auf dem Weg zur Arbeit auf jeden Fall trifft.

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Der Workaholic

Typologie der Pendler

Quelle: Katharina Bitzl

Das macht ihn aus: Man hört ihn meistens schon, bevor er das Abteil mit Mobilfunkempfang im ICE betritt. "Ich habe Ihnen eben die Präsentation noch einmal zugeschickt, ein paar Folien können wir uns sparen, die hab ich gern noch in der Hinterhand. Können Sie jetzt alles schon mal so fertig machen. Bin wahrscheinlich 8.09 Uhr in der Firma." Der Workaholic hat jetzt seinen Platz eingenommen, Trench und Sakko an den Haken gehängt, die Aktentasche aufschnippen lassen und zerrt sein Notebook zwischen Aktenheftern und einem sauber gewickelten Schlips hervor. Während er seinen Rechner auf dem Tisch im Großraumabteil hochfährt, wählt er sich in die nächste Telefonkonferenz ein. Ganz klar: der Workaholic will keine Zeit verlieren, schon gar nicht mit unproduktivem Aus-dem-Fenster-Gucken und verträumtem Brötchenkauen. Bis er im Büro ankommt, hat er schon die dringendsten Mails beantwortet und selbst den Fuzzi vom Controlling telefonisch besänftigt.

Das wichtigste Utensil: Alles, was das mobile Büro ausmacht: Handy mit geladenem Akku, Freisprech-Kopfhörer, Laptop und Ladegerät für die Steckdosen im IC und ICE.

Der erste Satz im Büro: "Frau Schulze, wenn ich Sie nicht hätte! Könnten Sie bitte gleich mal nachschauen, wann meine Lufthansa-Vielflieger-Karte ausläuft?"

Das würde er nie zugeben: Ganz selten und nur, wenn er alleine ist, zelebriert er Ziellosigkeit und Null-Optimierung. Dann kauft er sich eine Tüte Chips und eine Flasche Bier und läutet den Feierabend mit einer Partie Minecraft auf dem Smartphone ein. Dabei versaut er sich meistens das bügelfreie Hemd mit fettigen Krümeln.

Dorothea Grass

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Der Smartphonejunkie

Typologie der Pendler

Quelle: Katharina Bitzl

Das macht ihn aus: Er ist überall und er vermehrt sich rasend: der Mensch, der während jeder auch noch so langen Bahn- oder Busfahrt den Blick kein einziges Mal von Smartphone oder Tablet losreißen kann. Vor Smartphone-Nacken und bleibenden Haltungsschäden hat er dabei keine Angst, sein Interesse gilt einzig und allein den Neuigkeiten des Tages, seinen Timelines, seinen Spielen, seinen Fotos, Chats und Mails. Trotz gewöhnlich bester Gesundheit steht er nie für bedürftige Mitreisende auf - weil er die ältere Dame/den Rentner mit Gehstock/die Hochschwangere wegen seines sehr eingeschränkten Blickfeldes schlicht nicht sieht.

Das wichtigste Utensil: Geladene Akkus auf sämtlichen Endgeräten.

Der erste Satz im Büro: "Ich hab vorhin mal überlegt, wann ich mir zuletzt eine Zeitung oder Zeitschrift gekauft hab. Und echt jetzt: Ich weiß es nicht mehr."

Das würde er nie zugeben: Dass er trotz starrem Blick aufs Display manchmal amüsiert die Plaudereien der -> Freundinnen belauscht. Und dass, auch nur manchmal, versteht sich, sein Nacken ein wenig schmerzt.

Matthias Kohlmaier

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Die Freundinnen

Typologie der Pendler

Quelle: Katharina Bitzl

Das macht sie aus: Niemand kann ihnen entkommen. Sie kennen sich aus der U-Bahn oder aus dem Bus und fahren jeden Morgen zur gleichen Zeit gemeinsam zur Arbeit. Wenn eine mal fehlt, ist es gleich viel ruhiger, besonders auffallend ist, wenn die eine mit dem Schnarchreflex beim Lachen nicht dabei ist. Hemmungslos bringen sie alle Themen vor, die sie beschäftigen: Ehemänner, Niedriggarmethoden, Sehnenscheidenentzündungen, Hausmittel für bettnässende Enkel und die Befindlichkeiten der ganzen Nation. Fehlt nur noch Kaffee und Kuchen auf der Sitzbank. Die Mitfahrer sind ab und zu genervt, dank der Mädels aber auch immer auf dem Laufenden und manchmal dankbar für Inspiration in der Küche.

Das wichtigste Utensil: Gute Laune und Tempotaschentücher.

Der erste Satz im Büro: "Und, wie läuft's?"

Das würden sie nie zugeben: So ganz kalt lässt es die Freundinnen nicht, wenn sie mitkriegen, was andere Mitfahrer an scheinbar spannendem Zeitvertreib dabei haben. Zum nächsten Weihnachtsfest wär so ein Kindle ja mal was. Aber wie nur den anderen beibringen?

Dorothea Grass

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Der Allwetterradler

Typologie der Pendler

Quelle: Katharina Bitzl

Das macht ihn aus: Regen? Eisregen? Hagel? Orkanböen? Können den Allwetterradler nicht schockieren, denn er weiß: es gibt kein Wetter, für das die Outdoor-Industrie keine Spezialklamotte entwickelt hätte. Also wirft er sich morgens in die passende Funktionskleidung, überprüft noch einmal den Reifendruck, dann schwingt er sich aufs Fahrrad und zischt los. Zehn Kilometer einfach sind für ihn ein Klacks, denn nur auf dem Rad kann er sich mental auf den kommenden Arbeitstag vorbereiten und körperlich auspowern, bevor sein Hintern die kommenden acht Stunden auf dem Bürostuhl festgetackert ist. Auch nach Feierabend ist die Heimfahrt auf dem Fahrrad für ihn weniger Last als vielmehr willkommener Übergang in den Feierabendmodus.

Das wichtigste Utensil: Sein Fahrrad.

Der erste Satz im Büro: "Bin ich an dir nicht vorhin im Stau vorbeigeradelt?"

Das würde er nie zugeben: Bisweilen, wenn ihm die Finger vor Kälte abfallen wollen oder er fast von einem rechtsabbiegenden Laster überfahren worden wäre, kommt er ins Grübeln. Wie es sich wohl anfühlt, in einem dieser Sprit saufenden SUVs zu sitzen und sich einen Dreck um Umwelt und andere Verkehrsteilnehmer zu kümmern?

Christina Waechter

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Die Leseratte

Typologie der Pendler

Quelle: Katharina Bitzl

Das macht sie aus: Dieser Phänotyp ist im öffentlichen Nahverkehr in mehreren Abstufungen anzutreffen. Da gibt es den älteren Herren in beigem Gore-Tex, der jedem Morgen bei Abfahrt um 6.12 Uhr den Schinken mit dem abgegriffenen roten Einband und dem Titel "Der KGB: Was wirklich hinter den Mauern des Kreml geschieht" aufschlägt und während seiner halbstündigen Fahrt zur Arbeit kein einziges Mal aufblickt. Ihm gegenüber sitzt die gepflegte Mittvierzigerin, die gerade in Seite 312 des Mommy-Porn-Schmökers "Fifty Shades Of Grey" vertieft ist. Dass die extragroße Schrift auf ihrem Kindle den Sitznachbarn zum Mitlesen einlädt, quittiert sie mit einem verbindlichen Lächeln. Als abgeschwächte Form ihrer Gattung blättert die Regenbogenpresse-Abonnentin eifrig in News aus dem Bereich Kochinspiration und Adel, um meistens bei der Sudoku-Seite hängen zu bleiben.

Das wichtigste Utensil: Buch, Kindle oder Zeitschrift - manchmal zusätzlich Bleistift oder Kuli für Notizen.

Der erste Satz im Büro: "Ich brauch erstmal ´nen Kaffee."

Das würde sie nie zugeben: Die Leseratte kennt ihr Nahverkehrsnetz so gut, dass sie manchmal Umwege fährt, um länger im Warmen zu sitzen und ungestört schmökern zu können.

Dorothea Grass

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Die Schläferin

Typologie der Pendler

Quelle: Katharina Bitzl

Das macht sie aus: So schnell wie der -> Workaholic im Zug Laptop und Handy zur Hand hat, so schnell gleitet die Schläferin hinüber ins Land der Träume. Wobei es freilich zweierlei Typen von Schlafpendlern gibt: die einen, die regelmäßig vor dem Fernseher oder in der Lieblingskneipe versumpfen und den Schlaf einfach brauchen und die anderen, die das Nickerchen auf der Reise fest in ihrem Tagesablauf eingeplant haben. Zu ersteren kann jeder Pendler gelegentlich werden, letztere aber sind eine ganz eigene Spezies. Eine, der die Neuigkeiten des Tages (-> Smartphonejunkie) und Plaudereien (-> Freundinnen) wurscht sind und die Bus und Bahn als direkte Verlängerung des heimischen Bettes betrachtet.

Das wichtigste Utensil: Schal, Kapuzenpulli - oder alle sonstigen Accessoires, mit denen man den Kopf gemütlicher an die kalte Glasscheibe lehnen kann.

Der erste Satz im Büro: "Gib mir noch ne halbe Stunde, bin noch in der Aufwachphase."

Das würde sie nie zugeben: Dass sie sich einmal im Schlaf versehentlich an diesen Typen gekuschelt hat, der ihr später beim Rausgehen eklig zweideutig zugezwinkert hat.

Matthias Kohlmaier

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Der Autofahrer

Typologie der Pendler

Quelle: Katharina Bitzl

Das macht ihn aus: Erst kürzlich kam eine Studie zu dem Ergebnis: Mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, reduziert das Wohlbefinden; Radfahrer und Fußgänger kommen dagegen entspannter im Büro an. Der Autofahrer hat die Studie zur Kenntnis genommen, die Zeitung in seine Aktentasche gestopft und sich auf den Weg zur Arbeit gemacht - mit dem Auto. Denn Stau hin oder her, er würde sich nie, nie, nie zu den ganzen anderen Reisenden in die Sardinenbüchse namens Bahn quetschen. Er bezahlt den Komfort von Sitzheizung und Klimaanlage lieber mit dem obligatorischen Wutanfall, wenn ihm aufgeht, dass der stockende Verkehr doch ein veritabler Stau ist.

Das wichtigste Utensil: Sonnenbrille und Käppi ("Vielleicht mache ich bei der Heimfahrt ja das Verdeck auf") sowie Freisprecheinrichtung ("Nein, ich schaffe es nicht pünktlich zum Meeting, ja, genau, der verdammte Verkehr!")

Der erste Satz im Büro: "Warum können die ganzen Idioten nicht einfach mit der Bahn fahren?"

Das würde er nie zugeben: Dass die Sache mit dem Autofahren weder der Umwelt noch seiner Pünktlichkeit gut tut, und die zu Fuß oder per Rad/Bahn zur Arbeit kommenden Kollegen tatsächlich meist entspannter als er im Büro eintreffen.

Matthias Kohlmaier

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Der Asoziale

Typologie der Pendler

Quelle: Katharina Bitzl

Das macht ihn aus: Der Asi hat eins schon mal gefressen: Alle anderen im Abteil. Die gehen im so unfassbar auf die Nerven, wie sie ihn anstieren aus ihren tranigen Kuhaugen, wie sie dastehen ohne einen Funken Leben in sich, diese Zombies. Aber weil es sich nun mal weder Helikopter noch Stretch-Limo leisten kann, sucht er andere Möglichkeiten, sich die Meute auch zur größten Rush-Hour vom Hals zu halten. Seine stärkste Waffe dabei: der Geruchssinn der anderen.

Das wichtigste Utensil: Die Bierflasche in der einen, den in Altfett frittierten Döner in der anderen Hand gewähren ihm ein sicheres Maß an Privatsphäre.

Der erste Satz im Büro: "Börp!"

Das würde er nie zugeben: Manchmal fühlt sich selbst der größte Asi einsam und wäre gerne Teil der angepassten Anzugmeute. Aber nur in seinen ganz schwachen Momenten.

Christina Waechter

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Der Opportunist

Typologie der Pendler

Quelle: Katharina Bitzl

Das macht ihn aus: Kurzer Blick aus dem Fenster, dann wird entschieden: ab 17 Grad und Sonnenschein schwingt sich der Opportunist aufs Fahrrad und gondelt im Wohlfühltempo durch die Stadt. Bevorzugt an stauverstopften Ausfallstraßen entlang, wo er demonstrativ den Kopf schüttelt angesichts der verbohrten Autofahrer in ihren Metallkäfigen. Sinkt das Thermometer unter die magischen 17 Grad oder fällt auch nur ein Regentropfen vom Himmel, steigt der Opportunist sofort ins Auto, stellt sich brav in ebenjene Ausfallstraßen-Kolonne und schüttelt seinerseits den Kopf über hirnverbrannte Radler, die im Regen an ihm vorbeizischen.

Das wichtigste Utensil: Die Wetter-App auf dem Smartphone

Der erste Satz im Büro: "Herrlicher Tag, oder?! Laut einer amerikanischen Studie sind ja Pendler, die auf dem Fahrrad unterwegs sind, am ausgeglichensten. Und ich kann nur sagen: das stimmt voll und ganz."

Das würde er nie zugeben: Insgeheim schämt sich der Opportunist für seine Wehleidigkeit und seinen Wankelmut, beneidet den -> Allwetterradler um seine Tapferkeit und den -> Autofahrer um dessen ruhiges Gewissen.

Christina Waechter

© SZ.de/mkoh

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