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Typologie der kranken Kollegen:"Ich geb' mir drei Monate. Optimistisch geschätzt"

Kolumne #endlichfreitag

Wenn der Kollege "Hatschi" macht: Im Herbst gleicht manches Büro einer Krankenstation.

(Foto: SZ.de/Katharina Bitzl)

Draußen wird es kalt und dunkel. Im Büro glüht das Fieber und rote Flecken leuchten auf blasser Haut. Eine Typologie der (eingebildeten) Kranken im Job. Vom "Ach-das-ist-doch-nichts" bis zur "Schnupfen-Hysterikerin".

Job-Kolumne #endlichfreitag

Endlich Freitag. Hochgefühl! Ein letzter Gedanke an die verpatzte Präsentation am Montag, ein Erschauern im Rückblick auf das Get-together am Mittwochabend, schnell noch ein Papierkügelchen in Richtung des Kollegen im Polohemd geschnippt: Was Arbeitnehmer im Büro erleben und warum es immer wieder schön ist, wenn die Arbeitswoche rum ist - darum geht es in der Kolumne #endlichfreitag.

In keiner anderen Jahreszeit ähneln sich die Farben und Gerüche draußen und drinnen so sehr wie im Herbst. Vor dem Fenster: eine rot-orangene Blätterwelt, die zwangsläufig irgendwann als brauner modriger Rutschfilm am Boden endet. Im Büro: Kollegen mit roten Schnupfnasen und orangefarbenen Strickschal-Würgeschlangen - und aus dem Papierkorb steigt Verwesungsgeruch. Dort haben gebrauchte Tempos und Teebeutel sowie Obstreste eine gemeinsame letzte Ruhestätte gefunden.

Die Leidenden allerdings könnten unterschiedlicher nicht sein. Eine Typologie der Büro-Patienten.

Die Schnupfen-Hysterikerin

Äußerliche Symptome: gerötete Körperstellen, vor allem im Gesicht und Dekolleté, beschleunigte Atmung, sich überschlagende Stimme.

Verlauf: Das Leiden ist chronisch. Auslöser kann eine im Großraumbüro grassierende Magen/Darm-Geschichte ebenso sein wie die Warnung von Medizinern, sich doch bitteschön gegen Grippe impfen zu lassen. Dann bekommt die Betroffene hektische rote Flecken, obwohl sie selbst meist nichts Schlimmeres hat als eine laufende Nase. Die wird jedoch todernst genommen: "Ich fürchte, diesmal hat's mich erwischt, so richtig. Ich geb' mir noch drei Monate. Optimistisch geschätzt." Nährboden der Hysterie sind Medizin-Foren im Netz (Username: KleineBakterie74), Ärzte boykottiert die Betroffene ("Alles Scharlatane!").

Prognose: Manche Schnupfen-Hysterikerin wird mit dem Eintritt in die Mutterschaft geheilt (Stichwort: Schocktherapie). Grundsätzlich ist das Leiden aber kaum behandelbar und nimmt manchmal einen fortschreitenden Verlauf (Betroffene sprechen von Kollegen mit Kindern dann nur als "Bazillenschleudern").

Der Abo-Erkältete

Äußerliches Symptom: eine ganzjährig rote Nase. Weitere Erkennungszeichen sind ein Schal sowie ein Großfamilien-Vorrat an Tempos im Büro des Betroffenen.

Verlauf: Das Leiden ist chronisch, aber nicht progressiv.

Prognose: Der Abo-Erkältete hat schon Sämtliches zur Stärkung seines Immunsystems ausprobiert: Sport, Kneippbäder, Sauna, Diät. Die Nase läuft weiter. Doch eine vollständige Genesung ist möglich - wenn die Kinder der Betroffenen aus dem Gröbsten raus sind.

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Der Ach-das-ist-doch-nichts

Äußerliche Symptome: blutunterlaufene Augen, kalkige Hautfarbe, Schweißausbrüche, Zittern, Heiserkeit (bis zum vollständigen Verlust der Stimme).

Verlauf: Es fängt ganz harmlos an, mit einer laufenden Nase und Husten. Eine wohlmeinende Kollegin bietet dem Betroffenen diverse Chemiekeulen aus ihrer Hausapotheke an. Er lehnt dankend ab: "Ach, das ist doch nichts." Zwei Tage später sieht der Betroffene aus, als gehöre er ins Bett - was ihm der Chef auch mit einem väterlichen Schulterklopfen mitteilt. Doch der Kranke beschwichtigt: "Ach, das ist doch nichts. Ich geh' heut einfach mal früher ins Bett. Bis wann wollten Sie noch mal die Power Point zu den Quartalszahlen?" Am dritten Tag nach Auftreten der ersten Symptome hängt er mit letzter Kraft im Bürostuhl, immer wieder wird sein ausgezehrter Körper von Schüttelfrostattacken geplagt. "Du gehst jetzt zum Arzt, auf der Stelle", bestimmt die besorgte Bürobelegschaft. "Ach ...", sagt der Betroffene - und bricht zusammen.

Prognose: gut. Der Zusammenbruch wirkt Wunder (Stichwort: Schocktherapie). Allerdings geht die Erkenntnis der eigenen Verwundbarkeit nicht selten mit einer neuen Ansteckung einher. Kollegen erkennen dies an Sätzen wie: "Dein wievielter Kaffee ist das heute? Weißt du, was das mit deinem Magen macht? Ich sag immer: Mein Körper ist mein Tempel!"