Typologie der Kollegen:"Wärst du so lieb?"

Sie laden einem Arbeit auf, brechen Praktikanten-Herzen und verwandeln das Büro in eine schmuddelige Studenten-WG. Welche Nervensägen einem im Job begegnen - und wie man am besten mit ihnen umgeht. Eine Typologie der Kollegen.

Von Johanna Bruckner und Zoe Frey

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(Foto: iStock)

Sie halsen einem Arbeit auf und verwandeln das Büro in eine schmuddelige Studenten-WG: Kollegen sind was Schönes - wären da nicht diese Macken. Wem Sie im Arbeitsleben begegnen und wie sie mit Nervensägen fertig werden. Eine Typologie. Die Erste! Woran man sie erkennt: Morgens ist sie vor allen anderen im Büro. Längst sitzt sie an ihrem penibel aufgeräumten Schreibtisch - PC ist startklar, die erste Kanne Tee aufgebrüht - wenn die Kollegen nacheinander eintrudeln. Von ihrem Tisch aus beobachtet sie genau die Ankunftszeit ihrer Kollegen. Je später die Stunde, desto kritischer ihr Blick zur Begrüßung. Ausreden wie "Ich war noch beim Arzt" gelten für sie nicht. Von flexiblen Arbeitszeiten hält die disziplinierte Erste! so viel wie von antiautoritärer Erziehung: gar nichts. Triumphgefühle empfindet sie bei regelmäßig eingeworfenen Bemerkungen wie "Ich bin ja morgens immer die Erste hier". Warum sie nervt: Der verächtliche Blick, mit dem sie Kritik am "Langschläfer" übt, bringt selbst ein ausgewogenes Naturell aus der morgendlichen Ruhe. Wie man ihr begegnet: Nicht in einen Konkurrenzkampf verfallen. Der Körper von Erste!  ist seit Jahren auf Frühaufstehen konditioniert. Lieber versuchen, sie mit Ratgebern (Endlich Zeit für mich, Der Weg zur Work-Life-Balance) auf den rechten Weg zu bringen.

Typologie der Kollegen

Das Küchenferkel

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(Foto: Mirko Raatz - Fotolia)

Woran man es erkennt: Hinweisschilder à la "Küche bitte sauber halten" lassen es kalt. Angebrochene Jogurtbecher, halbleere Wurstpackungen und längst gärende Fruchtsäfte sind Hinterlassenschaften des Küchenferkels im Gemeinschaftskühlschrank. Vor dem Mittagessen stellt das Küchenferkel seine erste Tasse - Kaffeesatz und Milchschaum sind bereits angetrocknet - in die Küche. Je nach Tagesform wird die Tasse wahlweise in die Spüle oder auf der Küchenplatte oberhalb der Spülmaschine, keinesfalls jedoch direkt in der Spülmaschine platziert. Warum es nervt: Weil es das Büro in eine schmuddelige Studenten-WG verwandelt: Bringt das Küchenferkel zu Mittag etwas von zu Hause mit, vergisst es beim Aufwärmen in der Mikrowelle die Abdeckhaube. Noch Tage später zeugen Spritzer im Inneren der Mikrowelle von seinem Speiseplan. Wie man ihm begegnet: Hat man eine eigene Lieblingstasse im Büro, sollte man diese außer Reichweite des Ferkels halten. Es könnte sonst sein, dass man sie eines Tages völlig verschmutzt hinter dem Drucker findet.

Typologie der Kollegen

Der Toiletten-Zwilling

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Woran man ihn erkennt: Richtigerweise muss es heißen: Wo man ihn trifft. Dort nämlich, wo es einen bei jedem dringenden Bedürfnis hintreibt. Das kann auch die Zigarette nach dem Feedback-Gespräch mit dem Chef (Taschen-Raumspray für danach nicht vergessen!) oder ein akuter Müdigkeitsanfall sein (empfehlenswert: Klodeckel runterklappen und Nasenklammer parat haben). Tritt man nach Befriedung seines Bedürfnisses ans Waschbecken, steht dort garantiert schon der Toiletten-Zwilling - den es auf mysteriöse Weise immer zur selben Zeit in Richtung Waschraum zu ziehen scheint. Warum er nervt: Erstens, weil beim Händewaschen die immer gleiche, schweigsame Interaktion folgt: Im Spiegel wird kurz Blickkontakt aufgenommen, man lächelt sich verschämt zu und wendet sich mit einem kurzen Kopfnicken wieder dem Reinigungsritual zu. Und zweitens, weil man sich - unabhängig vom Bedürfnis - irgendwie ertappt fühlt. Ist der Toiletten-Zwilling am Ende gar ein Spitzel des Chefs? Wie man ihm begegnet: Indem man möglichst souverän aus der Toilette tritt und ein unverfängliches Small-Talk-Thema anschneidet. Gut geeignet: das Wetter; weniger gut geeignet: die Qualität des Kantinenessens. Im Zweifelsfall ist aber alles besser als die peinliche Stille.

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Die Wärst-du-so-lieb

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(Foto: olly - Fotolia)

Woran man sie erkennt: Ganz einfach: an der namensgebenden Frage. Die endet wahlweise mit: "... und nimmst mir diese Präsentation mit zum Kopierer? Wär super, wenn du vier Folien auf eine Seite ausdrucken könntest." Oder: "... und gießt meinen Büro-Kaktus, während ich im Urlaub bin? Und dann wären da auch noch die Pflanzen in meiner Wohnung ..." Oder: "... und schmeißt auf dem Heimweg die Glückwunschkarte an meine Oma in den Briefkasten? Ach ja, sie müsste noch frankiert werden." Vorgetragen wird der vermeintlich kleine Gefallen - der eigentlich ein großer ist - stets mit einem treuherzigen Augenaufschlag. Warum sie nervt: Weil ihr Trick selbst nach dem 103. Mal noch zieht. Seine Zusage bereut man spätestens, wenn das Wörtchen "Papierstau" am Kopierer blinkt, allein die Zwergdattelpalme im Wintergarten von Wärst-du-so-lieb drei Gießkannen schluckt oder im Kiosk Kartenzahlungen erst ab einem Euro möglich sind. Wie man ihr begegnet: Am effektivsten schlägt man Wärst-du-so-lieb mit ihren eigenen Waffen: "Wärst du so lieb und nimmst meine Kaffeetasse mit zur Spülmaschine? Ach ja, wir haben diese Woche Küchendienst ..." (Diese Lektion ist besonders wirkungsvoll, wenn zuvor das -> Küchenferkel dort gewütet hat.)

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Das Küken

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(Foto: iStock)

Woran man es erkennt: Jeden Morgen um Punkt zehn Uhr packt das Küken seine Brotdose aus und macht Große (Vesper-) Pause. Im Meeting meldet es sich per Handzeichen und wartet darauf, aufgerufen zu werden. Es spricht mit leiser Stimme und zittert, wenn es angesprochen wird. Gleichzeitig ist es aber auch fleißig, wissbegierig - und vor allem begierig darauf, zu gefallen. Dementsprechend schlecht kann es mit Kritik umgehen: Fallen strenge Worte, kullern beim Küken Tränen. Warum es nervt: Das Küken ist extrem pflegebedürftig: Neben dem Tränentrocknen geht die meiste Zeit für Erklärungen (zum Beispiel, warum Große Pause jetzt Mittagspause heißt und frühestens um zwölf Uhr beginnt) und Lob (zur Stärkung des Selbstbewusstseins) drauf. Wie man ihm begegnet: Mit Geduld. Und der Hoffnung aller genervten Eltern: Das verwächst sich.

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Der Aufstützer

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(Foto: Jeanette Dietl - Fotolia)

Woran man ihn erkennt: Unter seinem gestreiften Hemd zeichnen sich überdurchschnittlich trainierte Arme ab. Die auszumachen, ist nicht weiter schwer, denn er gibt gerne den Blick frei auf seine besten Stücke - immer dann, wenn er sich mit hochgekrempelten Ärmeln und geballten Fäusten auf den Schreibtischen seiner Kollegen aufstützt. Was er dort zu suchen hat? Meistens gar nichts, aber das Hanteltraining viermal die Woche muss sich ja irgendwie auszahlen. Mehr als ein "Läuft's?" wird der Aufstützer deshalb auch nicht auf der Agenda haben. Warum er nervt: Weil er immer dann auftaucht, wenn es gerade nicht läuft oder man überläuft vor Arbeit. Außerdem gerät der eigene Schreibtisch mit jedem Besuch des Aufstützers ein bisschen mehr in Schräglage. Wie man ihm begegnet: Mit einem schlichten "Läuft", wobei der Blick bewundernd über das Venengeflecht auf seinen Unterarmen gleitet. Danach wird der Aufstützer befriedigt zum nächsten Schreibtisch weiterziehen.

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Die Zuckerbäckerin

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(Foto: Cherrymoon2 / photocase.com)

Woran man sie erkennt: Der Durchschnittskollege rührt einmal im Jahr zu seinem Geburtstag eine Backmischung zusammen und bringt das Ergebnis dann wahlweise als sein eigenes (wenn es gelingt) oder gekauftes (wenn es misslingt) unters latent unterzuckerte Bürovolk. Nicht so die Zuckerbäckerin: Sie hat jeden Tag Tupperware (das Original!) mit verlockendem Inhalt dabei. Unter die Plastikhaube käme ihr dabei nie ein Fertigprodukt. Stattdessen gibt es an guten Tagen Käsekuchen nach Familienrezept und an schlechten Kokos-Basilikum-Muffins mit Frischkäsekern ("Von diesem Fernsehkoch, du weißt schon, der mit den schönen Augen"). Warum sie nervt: Weil sie jeden Geburtstag zwangsläufig zur demütigenden Erfahrung macht ("Mach' dir nichts draus, das ist mir auch schon oft passiert - noch jemand ein Stück Frankfurter Kranz?"). Und jeden Abspeckversuch torpediert. Wie man ihr begegnet: Freundlich, auch an Kokos-Basilikum-Muffin-Tagen. Denn oft genug rettet sie einen mit ihrem Backwerk aus dem Nachmittagsloch. Und wenn man sie vor dem nächsten Geburtstag um Hilfe bittet, hat man eine Freundin fürs Leben gewonnen.

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Der Verführer

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(Foto: iStock)

Woran man ihn erkennt: In der Kantine sitzt ihm die hübsche Azubine aus der Grafik gegenüber. Und wenn er an die Bürotür klopft, hat er die neueste Praktikantin im Schlepptau. Angeblich, um ihr Kollegen vorzustellen und den Kaffeeautomaten zu zeigen. In Wirklichkeit aber geht es darum, potentielle Konkurrenten auszuschalten: "Das ist der Kollege Buchmann - und das da auf dem Foto ist übrigens seine Freundin. Süßes Paar, oder?" Dementsprechend klein ist der männliche Freundeskreis des Verführers. Die Meinungen im Kolleginnenkreis über ihn gehen auseinander: Er wird geliebt (von der Azubine aus der Grafik und der aktuellen Praktikantin), gehasst (von deren jeweiligen Vorgängerinnen) oder belächelt (von allen, die seine Masche als solche erkannt haben). Warum er nervt: Weil er regelmäßig für Drama und Tränen sorgt und maßgeblich verantwortlich ist für den horrenden Klopapierverbrauch im Büro. Wie man ihm begegnet: Über seine Zielobjekte: Beim nächsten Freitagsbier einfach mal die aktuellen mit den Ex-Gespielinnen ins Gespräch bringen ...

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Die Klette

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(Foto: contrastwerkstatt - Fotolia)

Woran man sie erkennt: Sie nähert sich einem stets mit der Frage: "Darf ich mich anschließen?" Egal, ob es um eine Verabredung zum Früh-Yoga, ein Mittagessen in der Kantine oder das Feierabendbier geht. Was die Klette antreibt? Das ist unterschiedlich: Es gibt die Faulen/Verplanten, die die Organisation ihres Soziallebens lieber anderen überlassen; die Neugierigen, für die ein Gerücht so belebend ist wie die erste Tasse Kaffee am Morgen; die von der Furcht, etwas zu verpassen, Getriebenen und nicht zuletzt die Einsamen. Warum sie nervt: Die Klette hat das Talent, sich immer dann anzuschließen, wenn es gar nicht passt: Sei es, weil  man beim Yoga mit der Lieblingskollegin das Vorabend-Date analysieren, in der Kantine in Ruhe Zeitung lesen oder beim Feierabendbier mit dem Leidensgenossen den Anpfiff vom Chef vergessen will. Wie man ihr begegnet: Das hängt vom Motiv der Klette ab. Kletten aus den Kategorien eins bis drei vertragen auch mal ein "Heute ist es schlecht, aber sonst immer gerne". Vermutet man Einsamkeit hinter der Frage, sollte man die Kollegin/den Kollegen auch dann mitnehmen, wenn es gerade nicht passt - für ein Liebes-Update ist ja auch in der Kaffepause noch Zeit.

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Die Bürobewohnerin

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Woran man sie erkennt: Ihr Arbeitsbereich gleicht einer Wohlfühloase. Mit viel Liebe arrangiert sie Orchideen auf dem Aktenschränkchen zu ihrer Rechten. Die Farbe der Blüten variiert von schlichtem Weiß bis kräftigem Lila. Um die Pflanzen herum drapiert sie farblich harmonierende Gaze und fügt leise summend bunte Steinchen hinzu. Die Bürobewohnerin hat gleich mehrere Lieblingstassen, die man um des lieben Friedens willen lieber nicht benutzen sollte. Besonders "die mit Rosenmuster und Goldrand" überlässt man besser der Liebhaberin. Dank kleiner quadratischer Servietten in den jeweiligen Saisonfarben, die die Bürobewohnerin unter ihre Tasse des Tages legt, findet man bei ihr nie hässliche Kafferänder auf dem Schreibtisch. Weil die Bürobewohnerin sich inmitten der Dekoration wie zu Hause fühlt, vergisst sie gelegentlich den Dresscode und entledigt sich ihrer Schuhe. Ist aber nicht weiter schlimm, Pantoffeln stehen bereit (im Rollcontainer hinten links). Nur wenn der Chef reinkommt, streckt sie verlegen ihre Füße unter den Tisch. Warum sie nervt: Besonders im Frühling und Herbst, wenn "die neuen Trendfarben" feststehen und umdekoriert wird, ist in der Nähe der Bürobewohnerin kein konzentriertes Arbeiten möglich. Erst wenn sie mit ihrem Werk absolut zufrieden ist, kehrt wieder Ruhe im Büro ein. Wie man ihr begegnet: Gelegentliches Lob der prachtvollen Orchideen macht die Bürobewohnerin glücklich. Fällt Ihnen dann noch das harmonische Farbkonzept der aktuellsten Umgestaltung auf, haben Sie das Herz der Bürobewohnerin erobert.

Typologie der Kollegen

Der Schatten

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(Foto: iStockphoto)

Woran man ihn erkennt: An seinem Namen. Er wird von einigen wenigen respektvoll-bewundernd genannt: "Schon gehört? Der Meyer aus dem Rechnungswesen ist für den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften im Gespräch." Die meisten wagen ihn jedoch nur mit furchtsam gesenkter Stimme auszusprechen: "Schon gehört? Der Kollege Brunner ist weinend von einem Termin mit Meyer aus dem Rechnungswesen wiedergekommen." Persönlich getroffen hat den Schatten noch niemand auf der Etage, die Google-Suche nach ihm läuft ins Leere und er ist nicht bei Facebook. Warum er nervt: Weil er ist wie Lord Voldemort (aus den Harry-Potter-Romanen): das gesichtslose Böse, das selbst in Abwesenheit Angst und Schrecken verbreitet. Wie man ihm begegnet: Indem man ihm begegnet! Im besten Fall ist es ist der Typ mit Bauchansatz und Mönchstonsur, der seine Altersvorsorge beim Wetten auf seinen Lieblingsverein verspielt hat. Im schlimmsten Fall wird er seinem Ruf gerecht - aber der Teufel, den man kennt, ist immer noch besser als das gesichtslose Böse.

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