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Türkische Kinder in der Schule:Starker Ehrgeiz, schwache Leistung

Türkische Einwanderer setzen laut einer Studie große Hoffnungen ins deutsche Schulsystem, überschätzen aber oft die Fähigkeiten ihrer Kinder.

Tanjev Schultz

Türkische Einwanderer sind sehr ehrgeizig und haben für ihre Kinder hohe Bildungsziele. Viele sind jedoch wenig informiert über das deutsche Bildungssystem und neigen dazu, die Schulleistungen ihrer Kinder zu überschätzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine noch unveröffentlichte Studie von Wissenschaftlern der Universität Bamberg. Viele Migranten hätten nur wenig Einblick in den Schulalltag; das Fördern der Kinder würden sie den Lehrern überlassen.

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Deutsche und türkische Zeichnungen in einer Klasse: Erwartungen von Migranten an die Bildungskarriere ihrer Kinder sind oft höher als die Erfolge.

(Foto: ddp)

Unter türkischen Einwanderern, die oft nur wenige Jahre eine Schule besucht haben, ist der Wunsch verbreitet, dass ihre Kinder studieren und einen angesehenen Beruf ergreifen, zum Beispiel Anwalt oder Arzt. Die Studie zeigt, dass sie schneller als andere Eltern davon überzeugt sind, dass ihr Kind das Abitur schaffen werde. Sie attestieren ihren Söhnen und Töchtern auch mehr Freude an der Schule als andere Eltern.

Die Untersuchung der Soziologen Ilona Relikowski, Erbil Yilmaz und Hans-Peter Blossfeld beruht auf einer Befragung von mehreren hundert Migranten und mehr als tausend einheimischen Müttern und Vätern in Hessen und Bayern. Zusätzlich wurden ausführliche Interviews mit türkischen Eltern geführt. Darin zeigte sich, wie ausgeprägt der Wunsch nach einem sozialen Aufstieg für die Kinder ist. So sagte ein Vater in den Interviews: "Wir sollten mit dieser Tradition endlich brechen: Großvater ist ein Arbeiter. Der Sohn ist ein Arbeiter. Der Enkel ist ein Arbeiter. Das reicht." Eine vorige Woche publizierte Umfrage der Bertelsmann-Stiftung hat ebenfalls gezeigt, dass Migranten karriereorientierter und interessierter am beruflichen Fortkommen sind als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Weitere Studien belegen, dass Türken sehr hohe Erwartungen an die Schulleistungen haben und ihre Kinder zum Lernen vergleichsweise stark motiviert sind. Dennoch verlassen die Kinder türkischer Einwanderer die Schule überdurchschnittlich oft ohne Abschluss oder nur mit einem Hauptschulabschluss. Bei den jüngsten Pisa-Tests hatten Kinder türkischer Einwanderer etwa beim Lesen im Durchschnitt einen Rückstand von mehr als zwei Schuljahren.

Türkische Eltern könnten wegen fehlender eigener Erfahrungen die Leistungen ihrer Kinder möglicherweise "nur sehr bedingt einschätzen", heißt es in der Bamberger Studie. Das "starke Streben nach einem Abitur" könne außerdem damit zusammenhängen, dass in der Türkei berufliche Ausbildungen nicht einen so hohen Stellenwert hätten wie in Deutschland und höhere Berufspositionen allein über ein Studium möglich seien.

"Wenn du ertrinkst, ertrinke in großen Gewässern"

Die Autoren verweisen darauf, dass in der Türkei die Eltern "im Bildungsprozess eine eher passive Rolle" einnehmen würden und es Hinweise gebe, dass sie diese Haltung auch auf das deutsche Schulsystem übertragen. Die Studie erscheint in Kürze in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, einer führenden Fachzeitschrift.

An vielen Schulen klagen die Lehrer darüber, dass türkische Eltern nicht zu Informationsabenden kämen. Manche Pädagogen gehen deshalb dazu über, die Eltern direkt anzusprechen und sie beispielsweise zu Hause zu besuchen. Außerdem wollen die Kultusminister der Länder verstärkt Migranten für die Lehrer-Laufbahn gewinnen und auf diese Weise mehr positive Vorbilder in die Klassenzimmer bringen. Türkische Einwanderer sollen besser über das deutsche Schulsystem aufgeklärt werden. Pädagogen, Imame und Vertreter türkischer Organisationen könnten dabei eine wichtige Rolle spielen.

Der Ehrgeiz der Eltern und ihr Wille, den Kindern einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen, bieten gute Voraussetzungen, um türkische Schüler zu besseren Leistungen zu führen. Zugleich müssten die Familien vor herben Enttäuschungen bewahrt werden und lernen, realistische Ziele für ihre Kinder zu setzen und deren Fähigkeiten nicht zu überschätzen. Oft trauen türkische Eltern ihren Kindern viel mehr zu, als diese - ohne zusätzliche Hilfe - leisten können. Ein Vater, der für die Studie befragt wurde, zitierte das Sprichwort: "Wenn du ertrinkst, dann ertrinke in großen Gewässern."

© SZ vom 29.12.2010/jab

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