Süddeutsche Zeitung

Trauerbegleitung in Unternehmen:Wenn der Schreibtisch leer bleibt

Nach einem Todesfall im Kollegenkreis oder im persönlichen Umfeld ist an Arbeitsalltag meist nicht zu denken. Dann hilft eine professionelle Trauerbegleitung.

Wie sich Trauer auf die Arbeit auswirkt, darüber wird nicht viel gesprochen. Doch können Menschen, die einen Todesfall erlebt haben, oft nicht wie gewohnt weiter arbeiten, Kollegen und Vorgesetzte sind von der Situation verunsichert. Die Handwerkskammer Koblenz bietet seit sieben Jahren Trauerbegleitung für Betroffene und Beratung für Betriebe an. Die Geschäftsführerin Barbara Koch erhält dazu inzwischen Anfragen von Unternehmen aus ganz Deutschland.

SZ: Frau Koch, wie äußert sich Trauer am Arbeitsplatz?

Barbara Koch: Das ist ganz unterschiedlich. Manche Menschen brauchen eine wochen- oder sogar monatelange Auszeit, andere wollen unbedingt ins Büro, um nicht allein zu Hause zu sein. Die Trauer kann sich in häufigen Krankschreibungen oder in schlechteren Leistungen zeigen, was dann zu weiteren Problemen führt. Ursprünglich hatten wir geplant, Trauernde und Unternehmen gemeinsam zu beraten. Aber da hatten wir den Wunsch der Betroffenen nach Anonymität unterschätzt. Nur die wenigsten wollen, dass ihr Betrieb von unserer Beratung erfährt.

Wie helfen Sie Menschen, die Ihre Hotline anrufen?

Wir haben ein ehrenamtliches Beratungsteam aus acht ausgebildeten Trauerbegleitern, unter ihnen Ärzte, Betriebsberater, Psychologen und Sozialarbeiter. Ein persönliches Gespräch mit einem dieser Experten ist in vielen Fällen schon ausreichend. Es hilft oft weiter, das Thema mit einem Fremden zu besprechen, wenn Verwandte und Freunde vielleicht nichts mehr darüber hören wollen. Wenn die Probleme tiefer gehen, können wir die Trauernden über unser kleines Netzwerk relativ schnell in eine Psychotherapie vermitteln.

Werden Ihre Experten auch gerufen, wenn es einen Todesfall in einem Betrieb gab?

Ja, das kommt vor. Besonders schlimm sind tödliche Arbeitsunfälle. Oder wenn ein Mitarbeiter Suizid begangen hat und die Kollegen sich fragen, ob sie eine Mitschuld tragen. Auch in diesen Fällen ist es gut, mit einem Außenstehenden über die Belastung zu sprechen. Ein Sonderfall ist, wenn in einem kleinen Unternehmen der Chef stirbt und die Existenz des Betriebs bedroht ist. Dann geht es zunächst weniger um emotionale Fragen als darum, wie es überhaupt weitergeht. Dabei helfen unsere Betriebsberater.

Sie haben Ihr Angebot vor allem für kleine Handwerksbetriebe entwickelt.

Ursprünglich schon. Aber dann haben wir festgestellt, dass der Bedarf in mittleren und großen Unternehmen viel höher ist, weil da mehr Unsicherheit herrscht, wie man mit der persönlichen Trauer von Mitarbeitern umgehen soll. In kleinen Betrieben geht es eher familiär zu, alle kennen einander, da funktioniert die Kommunikation auch nach Trauerfällen meistens recht gut. Inzwischen fragen große Unternehmen und Institutionen bei uns an, die ein eigenes Angebot zur Trauerbegleitung für ihre Mitarbeiter aufbauen möchten.

Was für Unternehmen sind das?

Das geht quer durch die Branchen. Relativ viele Anfragen bekommen wir von Betrieben, die regelmäßig mit dem Tod konfrontiert sind, wie etwa Krankenhäuser, Pflegeheime oder Verkehrsbetriebe. Aber auch für Banken ist das ein wichtiges Thema. Anscheinend gehen Gespräche mit den Erben von Kunden häufig schief, weil es an Sensibilität fehlt.

Bieten Sie den Unternehmen so etwas wie eine Checkliste an, die nach Trauerfällen zu beachten ist?

Alle hätten immer gern ein Rezeptbuch von uns! Aber das kann es nicht geben, auch wenn wir mit Soziologiestudenten der Universität Koblenz an kleinen "Werkzeugen" arbeiten - es kommt einfach zu sehr auf den individuellen Fall an. Was wichtig ist: der Trauer einen Raum zu geben, nicht einfach darüber hinwegzugehen. Das Schlimmste, was ein Unternehmen nach dem Tod eines Mitarbeiters machen kann, ist, sofort jemand anderen an den leeren Schreibtisch zu setzen.

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Quelle:
SZ vom 10.12.2016/sks
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