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Transparency International:Die Schere im Kopf

BUK

Ulrike Fröhling.

(Foto: Kirsten Haarmann/KH-Fotografie)

Preisnachlässe für bestimmte Berufsgruppen sind umstritten. Die Organisation Transparency International lehnt solche Rabatte grundsätzlich ab.

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe kann sich beim Einkaufen auszahlen: Journalisten, Dozenten, Anwälte, Ärzte, Steuerberater oder Diplomaten erhalten von einigen Unternehmen ansehnliche Rabatte. Die Nichtregierungsorganisation Transparency International (TI) lehnt solche Vergünstigungen grundsätzlich ab - besonders die für Journalisten. Den Unternehmen gehe es immer um Einflussnahme, meint Ulrike Fröhling, Leiterin der Arbeitsgruppe "Transparenz in den Medien" von TI Deutschland.

SZ: Nach einer heftigen öffentlichen Debatte haben viele Firmen, darunter Fluggesellschaften und die Deutsche Bahn, ihre Presserabatte schon vor Jahren abgeschafft. Gibt es überhaupt noch Sonderkonditionen für Journalisten?

Ulrike Fröhling: Die Liste der Presserabatte ist deutlich kürzer als früher. Trotzdem sehen wir sie als Problem. In Zeiten von Lügenpresse-Vorwürfen und Glaubwürdigkeitsproblemen ist es wichtiger denn je, dass sich Journalisten immer wieder selbst überprüfen, ob sie gegen Einflussnahme jeder Art gefeit sind. Und dazu gehören nicht nur Geschenke, Einladungen oder einfach zu große Nähe zu Informanten, sondern eben auch Presserabatte.

Was ist schlimm daran, wenn ein Theaterkritiker, der niemals über Autos oder die Autoindustrie berichtet, beim Kauf seines Privatwagens einen Presserabatt in Anspruch nimmt?

Wir haben in einer Studie 2016 etwa 370 Journalisten nach ihrer Wahrnehmung zum Thema Korruption in der Medienbranche gefragt. Die Mehrheit sah in genau diesem Fall tatsächlich kein Problem: Nichts spreche gegen die Annahme von Rabatten, wenn sie in keinem direkten Verhältnis zur Berichterstattung stünden. Gleichzeitig stimmten aber drei Viertel der Befragten der grundsätzlichen Aussage zu, dass die Annahme persönlicher Vorteile die journalistische Unabhängigkeit gefährde.

Ein Widerspruch?

Natürlich. Wer Geschenke oder geldwerte Vorteile bekommt, entwickelt automatisch eine positive Haltung zum Schenker. Wenn das nicht so wäre, würden die Unternehmen gar keine besonderen Rabatte gewähren. Die meisten Journalisten werten es erst als Korruptionsversuch, wenn explizit eine Gegenleistung in Form von Berichterstattung von ihnen gefordert wird. Aber es gibt eben auch die viel zitierte Schere im Kopf - der Beschenkte gewährt die Gegenleistung unaufgefordert und sogar weitgehend unbewusst.

Das Bewusstsein für dieses Problem ist in der Medienbranche gestiegen. Compliance-Manager wurden eingesetzt, Höchstgrenzen für den Wert angenommener Geschenke festgesetzt, Verhaltenskodizes entwickelt...

Das ist richtig, allerdings wurden die Veränderungen in Verlagen und Rundfunkanstalten von oben verordnet. Inwieweit sie alle Mitarbeiter verinnerlicht haben, ist noch nicht untersucht. Außerdem gibt es einen entgegengesetzten Trend: Die Krise der Medien hat dazu geführt, dass die Gehälter der Festangestellten kaum steigen und viele Aufgaben an schlechter bezahlte freie Mitarbeiter übertragen wurden. Und natürlich gilt: je prekärer die wirtschaftliche Situation, desto größer sind die Einfallstore für Korruption.

Rabatte gibt es auch für andere Berufsgruppen, oft werden sie von Verbänden ausgehandelt. Ist es unbedenklich, wenn Dozenten beim Computerkauf sparen oder Ärzte und Anwälte weniger für Hotelübernachtungen und Leihwagen bezahlen müssen?

Wir sind gegen Rabatte jeglicher Art für bestimmte Berufsgruppen. Es dürfte immer der Versuch der Unternehmen dahinterstehen, sich gezielt Einfluss auf potenzielle Multiplikatoren zu erkaufen. Um den Umsatz zu steigern, genügen schließlich ganz normale Rabatte, die alle Kunden bekommen.