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Tipps für das Chef-Gespräch:"Wir denken, jeder interessiert sich für unsere Probleme"

Was mache ich, wenn es keine optischen Ähnlichkeiten gibt?

Dann muss ich nach anderen Bezugspunkten suchen. Das können die banalsten Sachen sein - und sei es nur, dass mein Chef wie ich Brillenträger ist. Wenn ich mich auf dem Weg zur Arbeit mit ihm darüber austausche, wie nervig es ist, dass bei kaltem Wetter im Freien ständig die Brillengläser beschlagen, kann dieser Smalltalk wahre Wunder für meine Karriere bewirken. Wir haben Gemeinsamkeiten mit allen möglichen Menschen, selbst mit denen, die uns unsympathisch sind. Das Problem ist nur: Wir suchen eher nach Unterschieden als nach Ähnlichkeiten. Weil es in unserer Gesellschaft wichtig erscheint, sich abzugrenzen und seine Individualität herauszustellen.

Damit nehmen Sie schon das nächste Stichwort vorweg: Egozentrismus. Sie sagen, wir stehen uns im wahrsten Sinne des Wortes oft selbst im Weg, weil wir uns und nicht unser Gegenüber in den Mittelpunkt stellen.

Mancher räumt in der Gehaltsverhandlung mit dem Chef ganz offen ein, dass er junger Vater ist und mehr Geld gut gebrauchen könnte. Aber warum sollte das für den Vorgesetzten ein Grund sein, dem Mitarbeiter eine Gehaltserhöhung zu geben? Wir denken, jeder interessiert sich für uns und unsere Probleme - aber das ist ein Irrtum. Nehmen wir einen Verkäufer, der wird Ihnen im Verkaufsgespräch auch nicht sagen: "Kaufen Sie diesen Fernseher, denn davon haben wir noch das halbe Lager voll, die müssen weg - und außerdem bekomme ich für das Gerät die höchste Provision!" Sondern er wird Sie fragen: "Wie kann ich Ihnen helfen?" Diese Frage sollten sich auch Arbeitnehmer stellen, die ihrem Chef etwas verkaufen wollen.

In vielen Situationen im Arbeitsleben sind wir aber darauf konditioniert, uns ins rechte Licht zu rücken - zum Beispiel im Motivationsschreiben.

Den Begriff Motivationsschreiben halte ich für absolut irreführend. Denn er suggeriert Arbeitssuchenden, dass sie nur ihre Motivation überzeugend darlegen müssen - und sie haben den Job. Dabei ist die Motivation des Bewerbers für ein Unternehmen nur insofern relevant, als dass es daraus Vorteile ziehen kann. Arbeitgeber wollen wissen, dass der neue Mitarbeiter bereit ist, Einsatz zu bringen, und nicht vorhat, nach drei Monaten wieder abzuspringen. Aber was der Job für den Arbeitnehmer bedeutet - das ist dem Unternehmen völlig egal.

Sie sagen außerdem: Kritik - egal wie konstruktiv gemeint - fällt immer auf denjenigen zurück, der sie anbringt. Muss ich mich also mit Missständen einfach abfinden, wenn ich beruflich vorankommen will?

Man kann nicht richtig kritisieren. Jeder Mensch ist immer persönlich verletzt, wenn er kritisiert wird. Chefs behaupten gerne gegenüber Mitarbeitern: "Sie können mir immer alles sagen!" Aber wenn sie dann jemand beim Wort nimmt, sind sie doch beleidigt. Deshalb muss man sich aber nicht mit Missständen abfinden. Ich schlage vor, sich die selbsterfüllende Prophezeiung zunutze zu machen.

Wie funktioniert die?

Indem man jemanden für eine Eigenschaft lobt, die er erst noch entwickeln soll. Wenn es einem Mitarbeiter mit Kundenkontakt beispielsweise an Freundlichkeit mangelt, sagt man ihm: "Ich finde es toll, wie nett Sie mit den Kunden umgehen." Und prompt wird er sich umso mehr anstrengen, tatsächlich freundlich zu sein, um dem vorweggenommenen Lob gerecht zu werden. Damit erreicht man viel mehr als mit Kritik.

© Süddeutsche.de/cag

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