Süddeutsche Zeitung

Tipps für augenschonendes Arbeiten:"Mindestens 50 Zentimeter Abstand zum Bildschirm"

Lesezeit: 3 min

Büroarbeiter haben ein erhöhtes Risiko für Kurzsichtigkeit. Neurobiologe Frank Schaeffel erklärt, woran das liegt - und warum Arbeitnehmer im Job öfter mal den Blick in die Ferne schweifen lassen sollten.

Von Johanna Bruckner

Wie verbreitet ist Kurzsichtigkeit in Deutschland? Und welche Faktoren begünstigen das Auftreten der Sehschwäche? Das wurde jetzt für Deutschland erstmals in einer großangelegten Studie von Forschern der Mainzer Augenklinik untersucht. Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Probanden mit Hochschulabschluss waren kurzsichtig, in der Gruppe ohne höhere formale Bildung war es nur jeder Vierte. Frank Schaeffel, Professor für Neurobiologie am Universitätsklinikum Tübingen und Experte für Myopie, erklärt die Zusammenhänge und gibt Tipps, um Kurzsichtigkeit vorzubeugen.

SZ.de: Herr Schaeffel, Bildung macht kurzsichtig - so könnte man das Ergebnis der Gutenberg-Gesundheitsstudie zusammenfassen.

Frank Schaeffel: Ja. Das fängt mit der sogenannten "Schulmyopie" an. Mit sechs Jahren ist fast niemand kurzsichtig - außer der Sehfehler ist komplett genetisch vorbestimmt -, in diesem Alter haben wir das absolute Minimum an Kurzsichtigkeit. In den ersten Schuljahren geht es dann los; die meisten Menschen fangen zwischen acht und 15 Jahren an, ihre Kurzsichtigkeit zu entwickeln. Doch woran liegt das? Die Forschung geht inzwischen von zwei Hauptfaktoren aus, die den Sehfehler vorantreiben: viel Naharbeit und geringe Helligkeit.

Naharbeit?

In der Schule, im Studium, aber auch später im Job hängen wir den Großteil unserer Zeit über Büchern oder Lesen auf einem Bildschirm. Meist mit einem Abstand von etwa 30 Zentimetern. Dazu kommen ungünstige Lichtverhältnisse: Die typische Bürobeleuchtung beträgt gerade einmal 500 Lux - das ist ein Vielfaches weniger als draußen, selbst an einem bedeckten Tag. Auf Dauer verzeiht das unser Auge nicht, denn es ist evolutionsbiologisch auf ein Leben im Freien angelegt.

Wie verändert sich das Auge?

Das Auge stimmt sich permanent auf seine Umgebung ab, es benutzt die Schärfe des Bildes auf der Netzhaut, um sein Wachstum zu steuern. Wenn man viel Naharbeit macht, besteht das Risiko, dass die Schärfenebene irgendwann hinter der Netzhaut liegt. Das treibt das Längenwachstum des Augapfels voran; Kurzsichtige haben meist einen zu langen Augapfel. Beim Thema Licht kommt außerdem das sogenannte "Glückshormon" Dopamin ins Spiel: Bei geringer Helligkeit wird in der Netzhaut zu wenig Dopamin erzeugt, das im Auge als Wachstumshemmer wirkt. Die Augen von kurzsichtigen Menschen haben sich, wenn man so will, perfekt auf die äußeren Umstände eingerichtet: Objekte in der Nähe werden ohne Akkomodation, also Anpassung, scharf gesehen - aber die Fernsicht ist verschwommen.

In Industrienationen ist bereits jeder dritte Mensch kurzsichtig, in manchen asiatischen Großstädten sind es sogar mehr als 90 Prozent; Tendenz steigend. Ist Kurzsichtigkeit eine neue Volkskrankheit?

Was man sagen kann: Kurzsichtigkeit geht ganz eindeutig einher mit Industrialisierung und Urbanisierung. In den USA beispielsweise hat sich die Myopie-Häufigkeit in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren verdoppelt, von 25 Prozent im Jahr 1972 auf 41 Prozent im Jahr 2004.

Eine Ausnahme ist Australien.

Ja. In Australien leiden unterdurchschnittlich wenige Menschen an Kurzsichtigkeit, genauso wie übrigens in Dänemark. Vermutet wird, dass das unter anderem mit weniger strengen Schulsystemen zu tun hat. Man sagt: Je schärfer die Ausbildung, desto höher die Myopie-Häufigkeit - und umgekehrt. An australischen Schulen beispielsweise gibt es am Nachmittag häufig Sportangebote, oder man kann Theater spielen. So was ist für die Augen besser, als den ganzen Tag im Klassenzimmer zu verbringen. Darüber hinaus hat Australien natürlich auch enorm viel Sonne.

Wer einen Bürojob hat, kommt nicht um Bildschirme herum. Was kann man tun, um möglichst augenfreundlich zu arbeiten?

Entscheidend ist der Abstand zum Bildschirm. In Studien mit Schülern hat sich gezeigt: Je geringer der Sehabstand beim Lesen, desto größer das Risiko für Kurzsichtigkeit. Ergo: Der Bildschirm gehört ans Ende des Schreibtischs und ein großer Bildschirm ist besser als ein kleiner. Der Abstand sollte mindestens 50 Zentimeter betragen, besser ist ein Meter.

Und dazu die Helligkeit des Bildschirms auf das Maximum einstellen und für Festbeleuchtung sorgen?

Das kann man machen. Es gilt: Je höher die Helligkeit, desto langsamer wächst das Auge. Aktuell wird viel dazu geforscht, wie viel Lux es braucht, um das Wachstum zu stoppen. Allerdings sollte man sich nicht zu viel versprechen, denn an die Helligkeit in der Natur wird man kaum herankommen. An einem Sonnentag haben wir um die 100 000 Lux. Ich würde deshalb eher empfehlen, so oft wie möglich nach draußen zu gehen. Laufen Sie in der Mittagspause um den Block und verbringen Sie Ihren Feierabend so oft wie möglich im Freien.

Gutes Stichwort. Smartphone, Tablet, Fernseher - auch nach der Arbeit sind Bildschirme allgegenwärtig. Gibt es Technik-Trends, die besonders augenschonend sind, HD-TV zum Beispiel?

Viele Laien denken, das Flimmern des Bildschirms sei schädlich für die Augen. Aber wie schon gesagt: Der Abstand ist heikel - und der ist beim Fernsehen in der Regel größer als beim Arbeiten vor dem PC. Umso mehr bei den neuen TV-Geräten mit ihren enormen Bildschirmdiagonalen. Wer ein kleines Kino im Wohnzimmer hat, bewegt auch die Augen mehr. Das beugt Sehfehlern ebenfalls vor.

Was ist der beste Rat, den Sie geben können: Öfter mal die Augen zu, damit sie sich erholen können?

Geschlossene Augen helfen eher dem Gehirn als dem Auge bei der Regeneration. Besser für die Augen ist es, den Blick immer wieder in die Ferne schweifen zu lassen. Experimente haben gezeigt, dass das ein Wachstumshemmer ist.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2133728
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/jobr
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.