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Teilzeit im Management:"Männer in Führungspositionen halten sich für unentbehrlich"

Als Chef in Teilzeit arbeiten - für viele Männer unvorstellbar. Felix Howald ist Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz. Er bekam den Posten, obwohl er eine 80-Prozent-Stelle einforderte. Ein Gespräch über dumme Kollegen-Sprüche, persönliche Eitelkeit und den Selbstbetrug mancher Väter.

Von Johanna Bruckner

Der Chef kommt als Erster und geht als Letzter. Daran ist immer noch viel Wahres. In einer Führungsposition sind 150 Prozent die Regel, nicht 80 Prozent. Die Deutschschweizer Initiative "Teilzeitmann" wirbt für mehr Männer in Teilzeit und mehr Teilzeit im Management. Felix Howald, Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ), ist ein überzeugter "Teilzeitmann". Er plädiert für weniger männliche Eitelkeit im Job - und mehr Mut, als gutes Beispiel voranzugehen.

SZ.de: Herr Howald, stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Eine Frau bittet ihren Mann, seine Arbeitszeit zu reduzieren. Er sagt: "Schatz, würde ich sofort machen! Aber in meiner Firma ist das absolut unüblich - da kann ich nicht der Erste sein, der mit so was zum Chef geht!" Was würden Sie dem Mann entgegnen?

Felix Howald: Irgendjemand muss der Erste sein! Wobei ich absolut verstehe, wenn jemand Ängste hat. Es gibt nicht nur Chefs, sondern auch Kollegen, die einen belächeln. Und natürlich gibt es noch genügend Betriebe, in denen die Unternehmenskultur Elternzeit oder Teilzeit für Männer undenkbar erscheinen lässt, gerade in Führungspositionen. Ich erlebe immer wieder Chefs, die zu mir sagen: "Also ich hätte Sie unter den Voraussetzungen niemals eingestellt!"

Sie haben Teilzeit bei der Bewerbung auf Ihren Posten zur Bedingung gemacht.

Die Position war als 100-Prozent-Stelle ausgeschrieben, Teilzeit war keine Option. In einem der ersten Gespräche habe ich gesagt, dass das für mich ein wichtiger Punkt ist. Die Verantwortlichen waren überrascht, haben mir dann aber ziemlich schnell zu verstehen gegeben: Warum eigentlich nicht? Wenn man wirklich Teilzeit arbeiten will, sollte man sich vorwagen. Vielleicht exponiert man sich und es kommt der eine oder andere dumme Spruch - aber damit gehen Frauen seit Jahrzehnten um. Und abfällige Bemerkungen haben häufig auch mit Neid zu tun: Die Sprücheklopfer trauen sich selbst nicht.

Fehlt es an männlichen Teilzeit-Vorbildern?

Ja. In den Köpfen hält sich die Vorstellung: "Ich will Karriere machen, also muss ich Vollgas geben." Die Väter-Generationen, die heute erwachsene Kinder haben, blicken nicht selten mit Bedauern zurück. Weil mit dem Alter die Erkenntnis kommt, was man im Privaten verpasst hat. Ich finde es wichtig, dass Menschen früher merken, dass sie die eigene Bedeutung nicht nur über den Job definieren sollten. Jeder ist ersetzbar - nur nicht zu Hause.

Wie sollten Männer das Thema bei ihren Vorgesetzten ansprechen?

Ich würde den Stier bei den Hörnern packen und den entscheidenden Satz geradeheraus sagen: "Ich möchte Teilzeit arbeiten." Eine gute Vorbereitung auf das Gespräch ist aber trotzdem sinnvoll.

Inwiefern?

Ich sollte mir vorher überlegt haben, auf wie viel Prozent ich reduzieren möchte. Und es ist nie schlecht, sich Gedanken zu machen, wie man Vorbehalte von Vorgesetzten ausräumen kann. Machen Sie deutlich, dass Sie nicht weniger arbeiten möchten, weil Sie unmotiviert sind. Meiner Erfahrung nach sind Teilzeitkräfte im Gegenteil oft motivierter als Vollzeitmitarbeiter. Weil sie in der Zeit, in der sie nicht im Job sind, etwas anderes erleben, frischen Input bekommen und sich regenerieren können. Zeigen Sie außerdem, dass Sie flexibel bleiben.

Aber ist das realistisch - dem Arbeitgeber in Aussicht zu stellen, dass man im Notfall immer einsatzfähig wäre? Wenn beide Eltern berufstätig sind, ist die Kinderbetreuung häufig auf Kante genäht.

Ich persönlich profitiere natürlich davon, dass meine Frau nicht arbeitet und mir jederzeit den Rücken freihält. Insofern kann ich verstehen, wenn jemand sagt: "Der hat gut reden von Flexibilität!" Andererseits sind durch Gleitzeit, Home-Office und moderne Kommunikationsmittel heute Arbeitszeitmodelle möglich, die es vor zehn Jahren nicht gab. Ich denke, dass Aussagen wie "Da kann ich doch nicht der Erste sein!" oft vorgeschoben sind.

Die Männer wollen eigentlich nicht?

Manchen Männern ist es einfach zu mühsam, Teilzeit einzufordern - und dann auch mehr in der Familie präsent zu sein.

"Es gibt keine Ausreden mehr"

Sie können sich nicht mehr mit ihrer Arbeit herausreden.

Wenn Sie hundert Prozent arbeiten, stellt im Zweifelsfall niemand Ansprüche an Sie. Aber wenn Sie offiziell zwanzig Prozent weniger arbeiten, um für Ihre Familie da zu sein, dann wird Ihre Familie diese Zeit auch einfordern.

Sie sagen selbst: Vom Inhaber eine Vollzeitstelle würde wohl eine 50-Stunden-Woche erwartet. Also arbeiten Sie bei 80 Prozent mindestens 40 Stunden in der Woche.

Man muss sich immer bewusst sein: Führen in Teilzeit ist etwas anderes als eine reguläre 80-Prozent-Stelle. Ich mache im Normalfall schon jede Woche zwei Nachmittage oder einen ganzen Tag frei. Aber bei mir kann ein regulärer Arbeitstag auch mal bis acht oder zehn Uhr abends gehen.

Was braucht es, damit ein Teilzeit-Chef erfolgreich sein kann?

Man muss sich ein Umfeld aufbauen, auf das man sich verlassen kann. Ich delegiere viel. Meinen Mitarbeitern macht es Spaß, Verantwortung zu übernehmen und mitentscheiden zu können. Sie haben dadurch die Chance, persönlich zu wachsen - und auch die Organisation profitiert. Mitarbeiter werden an Managementaufgaben herangeführt. Wenn ich von heute auf morgen nicht mehr da wäre, wüssten meine Mitarbeiter ziemlich genau, was zu tun ist. Teilzeit-Chef zu sein, bedeutet auch, dass man seine eigene Eitelkeit zurückstellt.

Wie meinen Sie das?

Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen. Viele Arbeitnehmer - und gerade Männer in Führungspositionen - halten sich für unentbehrlich. Sie bilden sich ein, alles selbst machen und überall dabei sein zu müssen. Ich bin überzeugt: Acht von zehn Mal kann das Meeting ebenso gut ein fähiger Mitarbeiter halten.

Mit welchen Problemen haben Sie als Teilzeit-Chef zu kämpfen?

Die größte Herausforderung ist, mich nicht selbst zu betrügen. Ich bin sehr pflichtbewusst und leistungsorientiert. Und auch ich kann mich nicht komplett von jobbedingter Eitelkeit freimachen. Oft genug ertappe ich mich bei Gedanken wie "Das wolltest du noch machen" oder "Darum musst du dich noch kümmern". Es ist ja immer leicht gesagt: "Die Familie kommt zuerst." Aber wenn man dann vor der konkreten Entscheidung steht, bleibt man doch noch zwei Stunden im Büro, um etwas zu erledigen, anstatt nach Hause zu gehen.

Können Sie es verstehen, wenn Frauen über Ihre Vorstellung von Teilzeit lächeln?

Ja, das verstehe ich. Ich gebe zu, dass ich in einer privilegierten Situation bin. Aber ich glaube auch, dass viele Männer in meiner Position sagen würden: "Es ist für mich absolut unmöglich, nur 80 Prozent zu arbeiten." Denen möchte ich zeigen, dass es möglich ist - wenn die Einstellung stimmt.

© SZ.de/jobr/pak/leja

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