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Technologischer Wandel:Roboter brauchen Menschen

Professor Enzo Weber.

(Foto: Jutta Palm-Nowak)

Die Digitalisierung vernichtet Jobs, schafft aber ebenso viele neue, sagt Arbeitsmarktforscher Enzo Weber.

Interview von Anne-Ev Ustorf

Enzo Weber leitet den Forschungsbereich "Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen" am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Er ist überzeugt: Die Digitalisierung bietet genauso viele Chancen wie Risiken.

SZ: Professor Weber, welche Arbeitnehmer wird die Digitalisierung am meisten betreffen?

Enzo Weber: Bisher wirkte sich technologischer Wandel immer eher bei den niedrigqualifizierten Jobs aus. Heute sind die Niedrigqualifizierten auf dem Arbeitsmarkt aber gar nicht mehr so zahlreich vertreten: Menschen ohne berufliche Ausbildung waren vor dem technologischen Wandel seit den Siebzigerjahren noch die größte Gruppe auf dem Arbeitsmarkt, dann haben Automatisierung und Computerisierung dazu geführt, dass viele dieser Jobs weggefallen sind. Viel wesentlicher wird es heute also die Gruppe der Mittelqualifizierten treffen: Menschen, die gute Arbeit leisten und richtig Routine in ihren Jobs haben. Aber weil ihre Jobs so viel Routine umfassen, können sie eben auch durch Computer ersetzt werden.

Werden in Deutschland in Zukunft viele Jobs wegfallen?

Das Beschäftigungsniveau wird von der Digitalisierung nicht wesentlich verändert. Es fallen zwar viele Jobs weg, aber es entstehen auch neue Jobs oder bestehende Berufe entwickeln sich weiter. Wir gehen insgesamt von einem Verlust von 1,5 Millionen Stellen durch die Wirtschaft 4.0 aus, aber auch von ebenso großen Zugewinnen.

Sind die Ängste vor der Digitalisierung also völlig unbegründet?

Sorgen macht uns nicht das Beschäftigungsniveau, sondern die Frage, ob wir diejenigen Arbeitnehmer, die womöglich ihre Jobs verlieren werden, ausreichend weiterentwickeln können. In den vergangenen Jahrzehnten ist uns das oft nicht gelungen, bei vielen Menschen hat sich die Arbeitslosigkeit verfestigt. Wir müssen also sicherstellen, dass die Leute mitgehen können.

Welche neuen Jobs werden entstehen?

Gerade im Bereich Gesundheit, Soziales, Kinderbetreuung und Bildung wird viel passieren. Und natürlich im IT-Bereich. Es kann auch sein, dass im Bereich der persönlichen Dienstleistungen neue Tätigkeiten entstehen. Das gilt auch für den Niedriglohnbereich. Technologie kann viele Arbeiten erleichtern, Datenbrillen zum Beispiel können Menschen komplexere Arbeiten ermöglichen, auch wenn sie keine umfangreiche Ausbildung haben. Und die Flotten autonom fahrender Car-Sharing-Autos müssen auch gereinigt werden: Putzroboter können die Reinigung von Fußbodenflächen übernehmen, aber nicht von Autoinnenräumen.

Braucht es bessere Bildungsmöglichkeiten, um Menschen fit für den digitalisierten Arbeitsmarkt zu machen?

Unbedingt. Es gibt noch keine umfassende Weiterbildungspolitik für die Beschäftigten, auf die der technologische Wandel zukommt. Das ist aber ganz entscheidend, damit sie der Herausforderung nicht ganz alleine gegenüberstehen. Die Beschäftigten brauchen Beratung. Da muss die Politik was tun.

© SZ vom 16.12.2017
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