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Tätowierungen im Job:Tattoos inzwischen sogar im Bankwesen erlaubt

Sogar die ersten Bankberater mit Kundenkontakt dürfen in Deutschland ihre Tattoos jetzt zeigen. Im Juni erregte die Sparkasse Hochschwarzwald damit Aufsehen. Sie erlaubt "dezente Tattoos ohne politische und religiöse Statements", es müsse "auch für den Gegenüber noch ästhetisch wirken". Festgelegt ist das in einer neuen, 22-seitigen Stilfibel für die Mitarbeiter, die eine Gruppe junger Leute in Abstimmung mit dem Vorstand ausarbeitete. Dazu zählt auch die Abschaffung der Krawattenpflicht (Kasten).

"Warum sollen wir Tattoos verstecken, wenn sie überall gang und gäbe sind", sagt Jochen Brachs, der Chef der Sparkasse. "Wir wollen dem Kunden auf Augenhöhe begegnen und Distanz wegnehmen." Viele schätzten es, wenn es nicht mehr so förmlich zugehe. Andererseits könne jeder Mitarbeiter weiter Krawatte tragen, wenn er es für nötig halte. Man überlasse es innerhalb bestimmter Grenzen jedem Einzelnen. "Ich glaube, dass die Mitarbeiter gut einschätzen können, ob sie ein Tattoo zeigen, man muss nicht immer alles im Detail reglementieren", sagt der Bankchef.

Selbst die Rechtsprechung sieht das Thema Tattoos am Arbeitsplatz immer lockerer. "Richter orientieren sich bei ihren Urteilen auch an der Akzeptanz der Gesellschaft", sagt Philipp Steinbacher, Fachanwalt für Arbeitsrecht in München. Was vor 20 Jahren vielleicht noch als anstößig empfunden wurde, ist heute ganz normal. Deshalb hätten Arbeitgeber im Konfliktfall vor Gericht heute auch eher schlechtere Karten als vor 20 Jahren, wenn sie einen Mitarbeiter wegen eines Tattoos abmahnen oder gar kündigen wollen.

"Am Ende muss man immer den Einzelfall betrachten", sagt Steinbacher. Dabei geht es um eine Abwägung zwischen dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht, das im Grundgesetz festgeschrieben ist, und dem Weisungsrecht des Arbeitgebers laut Gewerbeordnung. Je wichtiger das äußere Erscheinungsbild der Mitarbeiter für den Unternehmer ist, umso mehr darf er in ihr Persönlichkeitsrecht eingreifen, also ihnen Vorschriften machen. Umgekehrt müsste er nachweisen, dass ihn das Outfit eines Mitarbeiters wirtschaftlich gefährdet oder ihm konkrete Einbußen beschert.

"Ein unverfänglicher, dezenter Schriftzug auf dem Unterarm ist heute sicher kein Kündigungsgrund mehr", sagt der Anwalt. "Bei einem Totenkopf kann dies im Einzelfall anders aussehen." Doch es seien auch Kompromisse möglich: So könne der Arbeitgeber dem Mitarbeiter vorschreiben, das Tattoo zu bedecken, oder ihm vorschlagen, vom Kundenbereich ins Back Office zu wechseln. "Mir sind keine konkreten Urteile bekannt, doch die Grenze zwischen dem, was bei Tattoos geht und was nicht, hat sich in den letzten Jahren sicherlich verschoben", sagt Steinbacher.

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