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SZ-Serie "Anders lernen":Sparmodell Kindergarten

Englisch schon für Dreijährige? An die frühkindliche Erziehung werden hohe Erwartungen gestellt, doch es fehlt an Geld.

Gesucht wird sehr junge, optimal ausgebildete Fachkraft mit langjähriger Berufserfahrung, die lebenslange Unterbezahlung gutgelaunt in Kauf nimmt; perfekte Wirtschaftsenglischkenntnisse Voraussetzung, Chinesisch- und Chemiekenntnisse erwünscht - so könnte man das Berufsprofil der Kindergärtnerin in Zeiten der Post-Pisa-Hysterie zusammenfassen.

Kinder spielen im Kindergarten

Zwei Sprachen, Mathe, Naturwissenschaften - was müssen Kinder können? Experten sind sich uneins.

(Foto: Archivfoto: dpa/dpaweb)

Spätestens seit die OECD 2004 ihre "Baby-Pisa"-Studie veröffentlichte, hat eine Diskussion um Kindergartenreformen, Krippenausbau und die Ausbildung der Erzieherinnen eingesetzt. Die Bildungsgutachter monierten seinerzeit, in keinem europäischen Land sei die Ausbildung der Erzieherinnen (ja, es gibt auch Erzieher, aber die machen gerade mal fünf Prozent aus, weshalb dieser Text weiblich bleibt) so schlecht wie in Deutschland und Österreich; nicht einmal drei Prozent der Kita-Mitarbeiter hätten einen Hochschulabschluss. Man konnte seinerzeit aber auch nur an 15 Universitäten und Fachhochschulen ein Studium zur Erzieherin machen.

In ihrem Abschlussbericht kommentierte die OECD fast schon beeindruckt, es gebe in ganz Deutschland weniger Professorenstellen für Elementarpädagogik als für japanische Sprache. Zumindest in dieser Hinsicht war die Studie heilsam: Die Fachakademien werden mittlerweile modularisiert, allerorten werden Aufbaustudiengänge konzipiert, an der Münchner Katholischen Stiftungsfachhochschule und an der Fachhochschule München entstehen zum Wintersemester Bachelor-Studiengänge, in denen sich Erzieherinnen für ihre Aufgabe in den Kindergärten weiterbilden können.

Was aber soll ein Kindergarten heute leisten? Spätestens seit Pisa gehört der Begriff der frühkindlichen Bildung zur Standardrezeptur. Die Hirnforschung mahnt, die Synapsen würden sich irgendwann nicht mehr bilden, und die Zeitfenster, durch die es zu krabbeln gelte, schlössen sich früher als man denkt. Wolfgang Tietze, Berliner Professor für Frühpädagogik sagt, die Qualität des Kindergartens mache "bis zu einem Jahr Entwicklungsunterschied bei Kindern im Vorschulalter aus". Was aber heißt frühkindliche Bildung? Ist es sinnvoll, wenn die Bertelsmannstiftung "Zweisprachigkeit, mathematische und naturwissenschaftliche Grunderfahrungen, Umgang mit Medien" für unter Dreijährige empfiehlt?

Nun muss man die aufgeregte Diskussion mit Vorsicht genießen: Schließlich pausten sich in der Pädagogikdiskussion immer schon die vorherrschenden Ideologien der jeweiligen Zeit auf die Kinder durch. So wie im 19. Jahrhundert die Reformpädagogik Ausfluss der Kulturkritik war und im Zuge der Achtundsechziger antiautoritäre Kinderläden aufmachten, wird heute allerorten auf Effizienz geschaut. Und so gilt, was noch vor ein paar Jahren als freies, wildes Spiel propagiert wurde, plötzlich als rundum unstrukturiert und ineffizient, so als seien Kindergärten Zeitvernichtungsmaschinen.