SZ: Gründerserie Im Land der Zauderer

Firmengründungen sind Zeichen für die Vitalität einer Gesellschaft. Doch in Deutschland tun sich Existenzgründer schwer. Gründernationen wie die USA sind da großzügiger. Sie feiern Erfolg - und urteilen milde über Misserfolge.

Ein Kommentar von Marc Beise

Im Wohnzimmer herrscht gespannte Freude. Endlich mal wieder sitzt der Junge am Familientisch, auf Stippvisite bei den Eltern. Das Studium ist gut gelaufen, Informatik und Betriebswirtschaft hat der Junior drauf, ein glatter Berufseinstieg bei einem Dax-Konzern wäre drin. Wo fängst du eigentlich an?, fragt die Mutter. Ich gründe eine Firma, sagt der Sohn. Um Himmels willen, Kind, was haben wir falsch gemacht?, ruft die Mutter, und der Vater guckt sorgenvoll.

Das Klima für Firmengründer in Deutschland ist rau.

(Foto: AP)

In der Bank lehnt sich der Kundenberater zurück und schlägt die Mappe mit der Präsentation des hoffnungsvollen Existenzgründers vor sich zu. Ganz nett, sagt er, aber natürlich ein Risiko. Klar, dass Sie Geld brauchen! Aber wie sieht es mit Sicherheiten aus? Wie viel Geld bringen Sie mit? Bürgt die Familie für Sie?

In der Schule lernen Kinder, wie Wirtschaft funktioniert. Man kann das gut von unten erklären, am Beispiel der Bäckerei oder des IT-Dienstleisters. Mancher Lehrer aber fängt lieber oben an, mit den großen Herausforderungen der Zeit: Arbeitslosigkeit, Strukturwandel, Globalisierung, Einkommensungleichheiten. Ist unser Wirtschaftssystem eigentlich gerecht? Gute Frage - aber wie wäre es mal mit einem Crashkurs Existenzgründung? Oder eine kleine Lebenshilfe: Wie funktioniert ein Girokonto, was muss wie versichert werden, das kleine Steuer-Einmaleins, die praktischen Dinge des Lebens eben.

Vielleicht ist es auch ein bisschen viel verlangt von angestellten Lehrern, dass sie Kinder von angestellten Eltern Selbständigkeit lehren sollen. Dabei wäre genau das wichtig. Firmengründungen sind nicht nur Privatsache. Sie sind auch Zeichen für die Vitalität einer Volkswirtschaft. Eine Gesellschaft kann nicht Wohlstand erhalten, wenn sie nur das Überkommene verwaltet. Wo steht in dieser Hinsicht Deutschland im Jahr 2011? Was geschieht in anderen Ländern? Eine Serie im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung wird das Thema in den kommenden Wochen vermessen.

Die Gelegenheit ist günstig. Der Aufschwung ist da und die Euro-Krise momentan eingedämmt. Eine gute Zeit für Existenzgründer, sollte man meinen. Und tatsächlich wagen wieder mehr Deutsche die Selbständigkeit. Im Jahr 2010 wurden mehr Firmen gegründet als geschlossen, 425.000 zu 385.000, meldet das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. Damit liegt der positive Gründungssaldo bei rund 40.000. Im Jahr 2009 war er nur halb so hoch, 2008 sogar negativ. Weil Gründungen ihren Vorlauf brauchen, haben also schon im Krisenjahr 2009 viele Menschen Zuversicht gefasst. So weit die gute Nachricht.

Die schlechte lautet: Im längerfristigen Trend sind die Deutschen immer noch zu zögerlich, erst recht im internationalen Vergleich. Die Zahl der Gründungen in Deutschland liegt unter dem Niveau von vor 15 Jahren. Nach dem Global Entrepreneurship Monitor (GEM) werden, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt, in den Vereinigten Staaten fast dreimal so viele Unternehmen geschaffen wie in Deutschland; im übrigen Europa ist die Lage nicht besser.

Das hat handfeste Gründe, beispielsweise die Finanzierung. Bei der Vergabe von Wagniskapital ("Venture Capital") ist Deutschland "bestenfalls Entwicklungsland", urteilt der Existenzgründer-Spezialist Peter Jungen. Nach seiner Rechnung liegt Deutschland nicht nur weit hinter den USA, sondern auch hinter Ländern wie Großbritannien, Schweiz, den skandinavischen Staaten, Irland, den Niederlanden, sogar hinter Spanien und Frankreich.

In den USA werden jährlich 30 Milliarden Dollar Wagniskapital investiert, das sind 100 Dollar pro Einwohner. In der Europäischen Union sind es zehn Dollar, in Deutschland gerade mal fünf.

Woran das liegt? Unter anderem am schlechten Gründerklima in Deutschland, sagt Jungen. Zehntausende Gesetze, Verordnungen, Direktiven sind im Umlauf, viele betreffen und belasten auch Gründer, die dafür weder Zeit noch Geld haben. Bürokratieabbau steht in jedem Wahlprogramm, tatsächlich aber wird alles immer komplizierter.

Vor Veränderungen bei Recht und Wirtschaft aber steht ein Bewusstseinswandel in der Gesellschaft. Die Bereitschaft zur Eigenverantwortung, der Mut, etwas zu wagen und dabei vielleicht zu scheitern, hat noch keine Konjunktur in Deutschland. Die Deutschen mit ihrer Beamtentradition, mit ihren Brüchen in der Geschichte, sie zögern und zaudern. Und wünschen sich insgeheim, dass die Menschen doch am besten alle einen ähnlichen Lebensstandard hätten, wie der Hannoveraner Wirtschaftsgeografie-Professor Rolf Sternberg beobachtet hat.

Nicht von ungefähr ist der Neid eine ziemlich deutsche Untugend. Die Familienunternehmerin im Pelz, der Milliardär auf der Yacht, der protzende Neureiche, der herzlose Discount-Händler, das sind Geschichten, wie sie die Öffentlichkeit besonders mag. So wie die will man auf keinen Fall werden. Gründernationen wie die USA sind da großzügiger. Sie ertragen Ungleichheit, sie feiern Erfolg und urteilen milde über Misserfolge.

Wer scheitert, bekommt eine neue Chance. Vom Nachbarn, von der Bank, von den Medien, von der Gesellschaft: Das wäre doch mal ein Anfang.