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Studium in Großbritannien:Reif für die Insel

Illustration: Stefan Dimitrov

Deutsche Studenten zieht es nach wie vor an Englands Hochschulen, daran hat sich bislang trotz hoher Studiengebühren und des bevorstehenden Brexit nichts geändert. Viele loben die gute Betreuung und den hohen IT-Standard.

Von Joachim Göres

Mit derzeit mehr als 18 000 Studierenden aus Deutschland steht Großbritannien derzeit ganz oben auf der Liste der beliebtesten Hochschulen im Ausland. Wird das nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union immer noch so sein?

Kürzlich stellten sich 30 Unis aus England und Wales in Düsseldorf, Hannover, Hamburg und Berlin vor, um für ein Studium in ihren Hörsälen zu werben. "Diese britischen Hochschulmessen haben nichts mit dem Brexit zu tun. Seit 18 Jahren organisieren wir diese Veranstaltung", betont Martin Spieß, Projektmanager beim Organisator der Hochschulmessen, dem British Council in Berlin. Gleichwohl ist der Brexit bei den Messegesprächen ein Thema, ebenso wie die Studiengebühren. Laut Spieß dürfen diese bis mindestens 2019 für EU-Bürger nicht höher sein als für Einheimische, und auch beim Zugang zu Studienkrediten sind sie bis dahin mit britischen Studierenden gleichgestellt.

9000 Pfund - circa 10 200 Euro - verlangt die University of South Wales pro Studienjahr. 2600 ihrer insgesamt 30 000 Studenten kommen aus dem Ausland. "Wir hoffen, dass die Zahl der Ausländer bei uns künftig nicht abnimmt", sagt Studienberaterin Joanne Hopkins. Sie wirbt mit einem praxisnahen Studium, kleinen Lerngruppen, Offenheit gegenüber unterschiedlichen Kulturen sowie geringeren Lebenshaltungskosten als in Großstädten wie London und Manchester.

Guter Service, hoher IT-Standard und viele Praxisprojekte: Rückkehrer loben englische Unis

Jens Finke hat an der Uni South Wales drei Jahre bis zum BWL-Bachelorabschluss studiert und vergleicht das Studium mit seinen Erfahrungen an der Uni später in Bielefeld und Erlangen. "So einen Service wie in Wales habe ich nie wieder erlebt. Innerhalb von 48 Stunden hatte man einen Termin beim Professor, benötigte Bücher waren innerhalb von 24 Stunden in der Bibliothek, der IT-Standard war sehr hoch. Es wird viel Eigendisziplin verlangt und dafür viel Freiheit gewährt", sagt Finke. "Es wird alles nicht so verbissen gesehen wie in Deutschland", fügt er hinzu. Finke hat ein Studiendarlehen genutzt - es muss derzeit an der Uni South Wales erst zurückgezahlt werden, wenn man mehr als 21 000 Pfund im Jahr verdient.

Weniger Klausuren, mehr Wahlfreiheit und mehr praktische Projekte - Leonie Laas zählt auf, was ihr während eines Semesters im Fach Wirtschaftspsychologie an einer Uni im Großraum London besser gefallen hat als an der Hochschule Harz in Wernigerode, wo sie demnächst ihren Bachelor machen will. Danach will sie zurück auf die Insel für das Masterstudium. "Der Master dauert dort nur ein Jahr. Außerdem hat man mit Auslandserfahrung bessere Chancen auf eine gute Stelle", ist die 20-Jährige überzeugt. Zu ihrem Wechselwunsch tragen auch besondere Schwerpunkte in ihrem Fach an britischen Unis bei, die es in dieser Form in Deutschland nicht gebe. Als Ausländerin abgelehnt zu werden, das fürchtet sie nicht: "Den Brexit finden alle in meinem Alter traurig. Ich fühlte mich in England total willkommen." Der endgültige Austritt aus der EU dürfte ihr Handeln allerdings beeinflussen: "Ich werde Anfang 2019 nach England gehen, denn danach wird es teurer und komplizierter mit dem Studium. Sonst hätte ich wohl erst später gewechselt."

Laut Spieß sind es nicht nur Kinder wohlhabender Eltern, die sich für ein Studium in Großbritannien interessieren: "Schottland ist sehr beliebt, denn dort zahlt man für das Bachelorstudium nichts. 9000 Pfund pro Studienjahr ist der Höchstbetrag an einer britischen Uni. Es gibt aber auch Universitäten, die 3000 Pfund verlangen." Zudem gebe es zahlreiche deutsche Hochschulen, die mit bestimmten britischen Hochschulen kooperierten und einen Austausch anböten, ohne dass dafür Studiengebühren gezahlt werden müssten.

Neben der Abiturnote und dem Bestehen eines Sprachtests sind nach Angaben von Spieß die inhaltlichen Gründe einer Studienbewerbung entscheidend. "Das Motivationsschreiben spielt für britische Unis eine große Rolle." Die meisten Bewerber wollten an eine Uni in London. Der Rat von Spieß: "London ist nicht für jeden geeignet. Manche fühlen sich an einer Campus-Uni wohler, wo es übersichtlicher ist. Seine Wahl sollte man von den Studieninhalten abhängig machen." British Council, die internationale Organisation für Kulturbeziehungen von Großbritannien, betont, dass der Brexit auf die Anerkennung der Studienabschlüsse keine Auswirkungen haben werde - Großbritannien stehe weiter zum Bologna-Prozess, der in den Teilnehmerländern die gegenseitige Anerkennung von wissenschaftlichen Abschlüssen beinhalte.

Grundsätzlich spricht der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD) vom steigenden Interesse deutscher Studenten an einem oder mehreren Semestern im Ausland - die Anzahl der Bewerber beim DAAD ist im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr um 18 Prozent gestiegen. Auslandsaufenthalte sind vor allem bei angehenden Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern beliebt. 2016 studierten laut DAAD 27 665 von ihnen im Ausland, gefolgt von Sprach- und Kulturwissenschaftlern (17 265), Ingenieurwissenschaftlern (9873), Mathematikern und Naturwissenschaftlern (9436), Kunst-, Musik- und Sportwissenschaftlern (4295) sowie Humanmedizinern (3095). Insgesamt unterstützte der DAAD 75 475 Studenten, Doktoranden und Wissenschaftler aus Deutschland im Jahr 2016 bei ihrem Aufenthalt an einer ausländischen Uni. Die meisten entschieden sich für spanische Universitäten (7662), gefolgt von Hochschulen in Großbritannien (7199), Frankreich (7153) und den USA (4245).

Nähere Informationen zu den britischen Hochschulmessen: https://www.britishcouncil.de/studium-uk/britische-hochschulmessen

© SZ vom 11.05.2018

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