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Studium in Deutschland:Studenten zieht es in den Osten

Während die Hörsäle westdeutscher Unis aus allen Nähten platzen, nimmt die Zahl der Studienanfänger in den neuen Bundesländern immer weiter ab. Unter dem eigenwilligen Titel "Abenteuer Fernost" haben ostdeutsche Universitäten daher einen Werbefeldzug gestartet und erste Erfolge erzielt. Marketing alleine dürfte es allerdings nicht gewesen sein, das den Zuwachs beschert - sondern auch blanke Not.

Johann Osel

Der Auftrag war klar definiert: westdeutsche Abiturienten zum Studieren in die neuen Länder locken. Unter dem Titel "Abenteuer Fernost" buhlt eine Kampagne 44 ostdeutscher Hochschulen - von Leipzig und Potsdam bis hin zu unbekannteren Standorten wie Eberswalde oder Schmalkalden - seit 2009 um West-Nachwuchs. Info-Trupps touren durch Hessen oder Nordrhein-Westfalen; kostenlose Umzug-Shuttles bringen Ausgewählte mit Sack und Pack von Delmenhorst nach Weimar; in Leipzig doziert eine Sächsisch-Lehrerin vor Pfälzern und Schwaben über die Feinheiten ihres Dialekts.

Studentenzahlen in NRW erreichen Rekordhoehe

Ein überfüllter Hörsaal der RWTH in Aachen: Die Studentenzahlen in NRW erreichen dieses Semester Rekordhöhe. An den ostdeutschen Unis wäre man froh über solch einen Andrang.

(Foto: dapd)

Die Kampagne setzt auch auf soziale Netzwerke im Internet. Da sind Rikschas und chinesische Fächer zu sehen - das "Studium in Fernost" wird beworben wie eine Expedition durch die asiatische Steppe. Dämlich sei das alles, poltern manche Uni-Chefs hinter vorgehaltener Hand, das Geld der vom Bund mit zehn Millionen Euro geförderten Kampagne solle man besser anders investieren. Doch offenbar wirkt der Werbefeldzug für den Osten. Zum nun beginnenden Semester schnellen die Immatrikulationen von Studenten mit West-Abitur nach oben.

Marketing alleine dürfte es allerdings nicht gewesen sein, das den Zuwachs beschert - sondern auch blanke Not. Wegen der doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen sowie durch die Aussetzung der Wehrpflicht müssen die Hochschulen mit einem wahren Ansturm klarkommen. Jüngste Schätzungen gehen von bundesweit einer halben Million Erstsemester aus. Exakte Zahlen werden auch zum Semesterstart am Montag noch nicht vorliegen, da nicht jeder Bewerber das Studium antritt.

Vorlesungen im Kino

Vor allem großen Massen-Unis in westdeutschen Großstädten haben aber kreative Lösungen gefunden, um den Andrang abzufedern - Vorlesungen im Kino oder das erneute Engagement bereits pensionierter Professoren; zudem führten viele Zulassungshürden ein. Im Osten gibt es dagegen demographisch bedingt immer weniger Studienanfänger. Der Hochschulpakt 2020 sieht daher vor, dass die Finanzierung der Studienplätze im Osten trotz sinkender Nachfrage auf dem Niveau von 2005 bleibt. Man hofft auf Zuzug.

Dieser tritt allmählich ein, Beispiel Rostock: Dort schwankt die Stimmung gerade zwischen Anspannung und Freude. Einerseits hat sich zur feierlichen Immatrikulation der Erstsemester an diesem Samstag Bundespräsident Christian Wulff als Festredner angekündigt; andererseits kann die Uni 3700 Erstsemester verbuchen - die Hälfte der Bewerber und ein Viertel aller Studenten kommen nun aus dem Westen.

Die Zahl eigener Abiturienten in Mecklenburg-Vorpommern schrumpft stetig. "Diesen Verlust mit Erstsemestern aus den westlichen Bundesländern auszugleichen, ist unser vordringliches Ziel in den kommenden Jahren", sagt Rektor Wolfgang Schareck. "Das gelingt uns immer besser." Auch in Jena rechnet man mit mehr Studenten aus dem Westen. Jedoch wird wegen des "drastischen Wegbrechens der eigenen Abiturienten" die Zahl aller Eingeschriebenen bestenfalls stagnieren, heißt es.

Ost-Unis sind "Magneten"

Verwirrung löste ein Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus, wonach in fast allen neuen Ländern ein Anstieg des West-Zuzugs um mehr als 100 Prozent zu verzeichnen sei, in Sachsen gar um 150 Prozent. Dies konnte etwa eine Sprecherin des sächsischen Wissenschaftsministerium auf SZ-Anfrage nicht bestätigen: Erhebungen mit dieser "gigantischen Zahl" gebe es nicht.

Einen Trend teilt das Ministerium in Sachsen-Anhalt mit. 40 Prozent der Anfänger kämen in diesem Herbst aus dem Westen, im Vorjahr waren es nur 31 Prozent. Minister Christoph Matschie (SPD) nennt seine Hochschulen stolz "Magneten" und beschwört die guten Studienbedingungen. Tatsächlich gelten Ost-Unis oft als bestens ausgestattet, Studenten treffen zudem auf günstige Lebenshaltungskosten. Und: keine Studiengebühren.

© SZ vom 15.10.2011/bero
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