Grüne Start-ups:Stolpern gehört dazu

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Grüne Start-ups: Alina Bassi, Gründerin des Start-ups Kleiderly, verarbeitet alte Textilien zu Kleiderbügeln, Sonnenbrillen oder Möbeln.

Alina Bassi, Gründerin des Start-ups Kleiderly, verarbeitet alte Textilien zu Kleiderbügeln, Sonnenbrillen oder Möbeln.

(Foto: Jonas Holthaus)

Ein nachhaltiges Produkt entwickeln, vermarkten und vielleicht sogar ein Start-up gründen: Wie funktioniert das? Kreative stellen ihre Konzepte vor und geben Anregungen für den unternehmerischen Erfolg.

Von Christiane Bertelsmann

Berlin gilt gerade in Sachen Nachhaltigkeit und Start-ups als Vorreiter. Dem "Deutschen Startup Monitor 2021" zufolge gibt es, verglichen mit der Einwohnerzahl, nirgends in Deutschland so viele grüne Unternehmensgründungen wie in der Hauptstadt. Doch welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um im Bereich Nachhaltigkeit beruflich erfolgreich zu sein?

Die besten Ideen kommen Menschen bekanntlich beim Spazierengehen oder Duschen. Oder wenn man übers Duschen nachdenkt - so wie Jonna Breitenhuber. Für ihre Masterarbeit in Produktdesign an der Universität der Künste (UdK) in Berlin forschte sie zu Körperhygiene und darüber, ob flüssiges Duschgel wirklich zwingend in einer Plastikflasche aufbewahrt werden muss. "Wenn wir davon ausgehen, dass viele Menschen täglich duschen und dabei jedes Mal etwa 20 Milliliter Duschgel verbrauchen, kommen wir im Jahr auf zehn bis elf Flaschen Duschgel pro Person. Dazu kommen noch mal etwa zehn Flaschen Haarshampoo. Macht allein für alle in Deutschland lebenden Menschen 1,73 Milliarden leere Plastikflaschen", hat Jonna Breitenhuber berechnet. "Bei etwa 43 Gramm pro leerer Flasche sind das jährlich etwa 75 Kilotonnen Kunststoffmüll. Da muss es doch Alternativen geben."

Grüne Start-ups: Jonna Breitenhuber erfand Duschgelflaschen, die sich als Seife oder Putzmittel verwenden lassen, und entwickelt ihr Produkt nun mit einem Partnerunternehmen weiter.

Jonna Breitenhuber erfand Duschgelflaschen, die sich als Seife oder Putzmittel verwenden lassen, und entwickelt ihr Produkt nun mit einem Partnerunternehmen weiter.

(Foto: Soapbottle)

Und noch etwas beschäftigte sie. Die 29-jährige Produktdesignerin jobbte während der letzten Phase ihres Masterstudiums bei einer Berliner Kosmetikfirma, für die sie Verpackungen entwarf. "Mich hat frustriert, dass es kaum nachhaltige Verpackungsmöglichkeiten gibt - und ich als Designerin unterstütze das noch, indem ich zukünftigen Verpackungsmüll möglichst schön gestalte. Viel und aufwendige Verpackung führt nämlich oft dazu, dass Produkte teurer verkauft werden können", sagt sie. Also versuchte sie, eine Lösung für das Duschgelflaschen-Problem zu finden. Ihr Ziel dabei: eine Verpackung für flüssiges Duschgel designen, die sich, wenn der Inhalt leer ist, einfach wegwaschen lässt. Ohne Müll, ohne Rückstände.

Viele Experimente mit Flaschen aus Seife in der eigenen Wohnung

In der Küche ihrer kleinen Berliner Wohnung brachte sich Jonna Breitenhuber selbst bei, wie man Seife kocht, in welchem Mischverhältnis die Zutaten stehen müssen, damit das fertige Produkt möglichst hart und haltbar wird. Nach vielen Versuchen hatte sie eine Zusammensetzung gefunden, mit der das Konzept funktionieren könnte. Jonna Breitenhuber fertigte die ersten Duschgelflaschen-Prototypen aus fester Seife an - "Soapbottles" nennt sie ihre Erfindung. Wenn sie leer sind, kann man die Soapbottles als Handseife oder als Wasch- oder Putzmittel benutzen.

Bevor sie den Master machte, studierte die Nürnbergerin an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg Produktdesign. "Das hat sich gut mit dem Masterstudium an der UdK in Berlin ergänzt: Das Bachelor-Studium war eher technisch, der Master künstlerisch." Jetzt, bei der Produktentwicklung, kommt ihr beides zugute: "Ich finde es toll, nachhaltige Materialien mit zu entwickeln und ein Projekt von vorne bis zur Endproduktion durchzuarbeiten."

Studiengänge für Entrepreneure

Gute Ideen zu haben, ist das eine. Wer aber ein Unternehmen nicht nur gründen, sondern zum wirtschaftlichen Erfolg führen möchte - und das dauerhaft -, braucht mehr Wissen. Dabei ist es zweitrangig, ob man sich eher in der Start-up-Welt bewegen möchte oder ein etwa eigenes Restaurant oder einen Shop mit nachhaltigen Produkten aufziehen will. Ein Studium im Bereich Entrepreneurship kann hierbei das nötige Handwerkszeug vermitteln. Das (Fach-)Hochschul- & Weiterbildungsportal Deutschland bietet einen guten Überblick zu zahlreichen Bachelor- und Masterstudiengängen für Menschen, die ein Unternehmen gründen möchten oder bereits eine Firma gegründet haben.

Auch berufsbegleitende Studiengänge oder Fernstudiengänge an privaten Business Schools, an Fachhochschulen sowie an Universitäten finden Interessenten unter dem Link www.fachhochschule.de/wirtschaft/entrepreneurship. Ein Blick auf den sogenannten Gründungsradar (www.gruendungsradar.de) kann dabei helfen, die passende Hochschule auszuwählen. Der Gründungsradar besteht seit 2018 und wird vom Stifterverband durchgeführt. Er zeigt an, inwieweit Hochschulen ihre Studenten schon während der akademischen Ausbildung für Unternehmensgründungen fit machen. Maßstab hierbei ist, wie häufig es Absolventinnen und Absolventen von Hochschulen gelingt, tatsächlich ein Unternehmen zu gründen und mit diesem erfolgreich zu werden. Zudem bietet das Portal zahlreiche Fakten und Zahlen, etwa zur Drittmittelabhängigkeit der Hochschulen in Bezug auf die Gründerförderung. CHBE

Was sich zunächst nach einer guten Idee einer engagierten Studentin anhört, stieß bald auch bei großen Firmen auf Interesse. Als Jonna Breitenhuber nach Abschluss ihrer Masterarbeit ihre Soapbottles auf Möbelmessen und bei Wettbewerben präsentierte, hatte sie im Anschluss jede Menge neue Kontakte, sogar zu großen, weltweit agierenden Unternehmen. "Das kam völlig unerwartet. Eigentlich hätte ich mich nach dem Studium in einem Designstudio als Produktdesignerin bewerben wollen. Aber jetzt bin ich Vollzeit damit beschäftigt, Soapbottle weiterzubringen", sagt sie.

Im Studium geht es auch um die persönliche Motivation als Gründer

"Wenn man in seinem Talent bleibt, ist das alles nicht allzu anstrengend", meint Yasmin Olteanu. Sie ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre/Entrepreneurship an der Berliner Hochschule für Technik (BHT) und spezialisiert auf Sustainable Entrepreneurship, also auf Unternehmensgründungen, die nicht nur finanzielle, sondern auch ökologische und gesellschaftliche Unternehmensziele verfolgen. Außerdem verfasst sie als wissenschaftliche Autorin den jährlich erscheinenden vom Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit herausgegebenen "Green Startup Monitor". Ihre Studierenden versucht sie vor allem dazu zu bringen, an ihre intrinsische Motivation ranzugehen: "Ich frage: Wo würden Sie gerne etwas verändern? Wofür brennen Sie? An welche Zielgruppe haben Sie dabei gedacht? " Wenn die innere Motivation klar sei, könne man sich weiteres Wissen aneignen - oder, wenn man berufsbiografisch schon einen Schritt weiter ist, sich entsprechende Kompetenzen dazuholen.

So wie Sebastian Müller. Er hat vor fünf Jahren zusammen mit seiner Partnerin Hannah Cheney das Berliner Start-up Halm gegründet, das Trinkhalme aus recycelbarem Glas herstellt und diese an Gastronomieunternehmen und Privatleute verkauft. "Ich wusste vorher weder, wie man Glas herstellt, noch kannte ich mich im Wirtschaftszweig Gastronomie aus", sagt Müller. Deshalb suchte er sich Produktionspartner mit dem entsprechenden Wissen - und recherchierte selbst.

Grüne Start-ups: Hannah Cheney und Sebastian Müller haben ein Start-up gegründet, das recyclebare Trinkhalme aus Glas herstellt.

Hannah Cheney und Sebastian Müller haben ein Start-up gegründet, das recyclebare Trinkhalme aus Glas herstellt.

(Foto: Halm)

Im Jahr 2004 hatte Müller sein Wirtschaftsingenieurstudium zugunsten eines Jobs im Bereich E-Commerce noch vor dem Examen aufgegeben und zehn Jahre als Head of Operations in einem Berliner E-Commerce-Unternehmen gearbeitet. Doch dann zog er einen Schlussstrich. "Ein gut bezahlter Job in einer erfolgreichen Firma hat mir nicht mehr gereicht. Ich wollte Dinge verkaufen, die die Welt ein bisschen besser machen", sagt Müller. Die Idee kam ihm auf einer Thailandreise, das war 2015: "Beim Strand-Cleanup als Hochzeitsgast auf einer winzigen Insel fanden wir Massen an Plastiktrinkhalmen. Warum die nicht durch Trinkhalme aus Glas ersetzen? Und in Deutschland kennen wir uns ja traditionell mit der Glasherstellung aus." Gedacht, getan - zurück in Berlin suchte Sebastian Müller Kontakt zu Menschen, die sich mit Glasproduktion auskannten. Er fand sie bei einem Produzenten für Spezialgläser. "Uns war der Nachhaltigkeitsgedanke extrem wichtig. Die Halme sollten haltbar sein - und recyclebar", betont der 39-Jährige. Das Start-up läuft nach wie vor gut - obwohl sein Hauptabnehmer, die Gastronomie, im Verlauf der Pandemie ziemlich gelitten hat. "Wenn du in neue Bereiche vorstößt, darfst du keine Angst vorm Stolpern haben", sagt Müller, "und du brauchst einen langen Atem."

Yasmin Olteanu sieht das ähnlich und zählt auf, was Gründer benötigen - gerade, wenn sie in den Nachhaltigkeitssektor gehen wollen: Risikobereitschaft, einen starken Glauben an ihre eigene Selbstwirksamkeit, einen gesunden Umgang mit dem Scheitern: "Eigentlich besteht der Tag daraus, ständig ein neues Problem zu finden, das man irgendwie lösen muss. Das muss einem Spaß machen. Wenn man gerne nach Plänen arbeitet und sich leicht irritieren oder stressen lässt, ist man da nicht so richtig aufgehoben."

Beratung für Gründer

Ohne eine gut durchdachte, sichere Finanzierung bleibt auch das tollste Start-up auf der Strecke. Gründer sollten sich deshalb rechtzeitig um Finanzierungsmöglichkeiten kümmern. Neben den Angeboten von Kreditinstituten und privaten Förderern bietet auch der Bund Finanzierungshilfen und Beratungsangebote: So informieren Finanzierungsexperten des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWi), wie das Ministerium seit Kurzem heißt, über Fördermöglichkeiten für Existenzgründerinnen und Existenzgründer: Sie geben Tipps zu Förderprogrammen, bereiten auf Bankgespräche vor und vermitteln Hintergrundwissen zu Finanzierungsmöglichkeiten. Ratsuchende können per E-Mail Kontakt aufnehmen: foerderberatung@bmwi.bund.de.

Eine spezielle Datenbank des BMWi listet Förderprogramme des Bundes, der Länder und der Europäischen Union auf (www.foerderdatenbank.de). Umfassende Informationen finden insbesondere Gründerinnen und Gründer, die noch ganz am Anfang stehen, bei der Gründungsoffensive "GO!" des BMWi unter dem Link www.existenzgruender.de. Das Portal Existenzgruenderinnen.de wendet sich explizit an Frauen, die ein eigenes Unternehmen aufziehen wollen: Sie können sich mit anderen Gründerinnen aus ihrer Region vernetzen und sich einen Überblick zu spezifischen Förderinstrumenten für diese Zielgruppe verschaffen.

Auch die Bundesagentur für Arbeit berät angehende Unternehmerinnen und Unternehmer, unter anderem in Sachen Businessplan und Finanzierungsmöglichkeiten (www.arbeitsagentur.de). CHBE

Olteanu selbst kommt aus der Praxis: Vor ihrem Wechsel in die Wissenschaft hatte sie in Berlin das Start-up Solarkiosk mit aufgebaut: solarbetriebene Kioske für Dörfer im Subsahara-Gebiet in Afrika, die von der Stromversorgung abgeschnitten waren. Der Solarstrom der Kioske speist einen Kühlschrank, in dem nicht nur Lebensmittel und Getränke kühl gehalten werden können, sondern auch Medikamente, und dient zum Aufladen von Handys und Solarlampen. Zu viel produzierter Strom wird an Schneiderwerkstätten und Friseure weiterverkauft, die sich um die Kioske ansiedeln. Während der Pandemie wurde mancherorts aus zwei Solarkiosken eine Miniklinik mit medizinischer Grundversorgung. "Für mich hatte diese Zeit einen ganz großen Mehrwert. Das Praktische zu lernen, mit Herausforderungen umzugehen - etwa, was man macht, wenn in Tansania die Regenzeit ausbleibt, die Ernte vertrocknet und unsere Kunden ihre Leasingraten nicht mehr zahlen konnten." Da mussten schnell pragmatische Lösungen gefunden werden, die verhindern, dass die Verbraucher - unverschuldet - ihren Zugang zu Elektrizität verlieren. "Gleichzeitig mussten wir die finanzielle Stabilität unseres Unternehmens im Auge haben", sagt Olteanu.

Nach ihren Erfahrungen agieren nachhaltige Start-ups in nahezu allen Branchen. In den Bereichen Agrar- und Landwirtschaft, Energie und Elektrizität und in der Textilbranche liegt ihr Anteil bei 60 Prozent oder mehr. "Das heißt, grüne Start-ups treiben den nachhaltigen Strukturwandel in diesen Branchen besonders stark an", erklärt Yasmin Olteanu.

Auch das Start-up Kleiderly der Wahlberlinerin Alina Bassi kann man der Textilbranche zurechnen. Bassi, studierte Verfahrenstechnikerin, hat aus Altkleidern eine nachhaltige Kunststoffalternative entwickelt. Aus diesem Material entstehen Kleiderbügel, schicke Sonnenbrillen und seit Kurzem auch Möbel. "Ich wollte schon immer im Bereich Nachhaltigkeit arbeiten, hatte aber eher an etwas mit Windenergie oder Solarstrom gedacht", sagt Alina Bassi, "jetzt ist es Recycling von Kleidern geworden." Die Anfangszeit im Jahr 2019 sei sehr hart gewesen: "Ich war neu in Berlin, kannte niemanden aus der Start-up-Szene." Eine Anschubfinanzierung des Berliner Senats half ihr - und ihre Begeisterung. "Ich war absolut überzeugt von meiner Idee. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich aufgegeben."

Manchmal ist eine bereits etablierte Firma der geeignete Partner

Ein Start-up wird Soapbottle-Erfinderin Jonna Breitenhuber nicht gründen. "Ich habe es mir überlegt und mich vom Career-Service der Uni dazu beraten lassen. Mir wäre das Risiko zu hoch, ich wollte nicht das gesamte Paket alleine tragen." Inzwischen hat sie eine niederländische Kosmetikfirma als Partner gefunden, die ihr bei der Produktentwicklung hilft.

Ohne das Thema Nachhaltigkeit mitzudenken, geht es gesamtwirtschaftlich gesehen gar nicht mehr. "In die Zukunft geschaut, sehe ich noch drei ganz dicke Nüsse, die wir knacken müssen: Die sind im Bereich Mobilität und in der Bau- und Stadtentwicklung. Da sind wir noch alles andere als nachhaltig unterwegs", sagt Yasmin Olteanu, "gerade in diesen Bereichen bräuchten wir noch mehr Innovation."

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