bedeckt München 30°

Studium der Orientalistik:Mittler zwischen zwei Kulturen

Fluechtlinge nehmen an einem Kurs an der Freien Universitaet in Berlin teil 30 05 2016 Berlin Deut

Muslimen hierzulande bei der Integration zu helfen, ist eine Berufsmöglichkeiten für Islamwissenschaftler. In die Forschung zu gehen, ist eine andere.

(Foto: Florian Gaertner/imago)

Wer ein Studium der Islamwissenschaften absolviert, hat gute Berufsperspektiven. Das Erlernen der arabischen Sprache ist jedoch eine Hürde, an der viele scheitern.

Von  Joachim Göres

Die soll sich mal verpissen!" Aggressiv hören sich die Worte eines Mannes an, die an eine junge Frau mit Kopftuch an einer Bushaltestelle gerichtet sind. Wie können die anderen Wartenden reagieren? Ignorieren? Oder als Schlichter eingreifen? Diese Fragen wenden sich an die Besucher der Ausstellung "Was los, Deutschland?", in der es um das Leben von Muslimen in Deutschland geht und die in diesem Jahr in mehreren deutschen Städten zu sehen sein wird. Die Situation an der Bushaltestelle ist eine von insgesamt elf Stationen, an denen Konflikte und Vorurteile thematisiert und Kenntnisse über eine Kultur vermittelt werden, die vielen fremd ist. Welche Chancen hat man mit einem Kopftuch oder ausländisch klingenden Namen beim Bewerbungsgespräch? Wie berichten Zeitungen über Muslime? Wie sieht es in einer Moschee aus?

Jannik Veenhuis, Autor der speziell für Jugendliche entwickelten Ausstellung, will mit diesen Fragen zur Diskussion anregen. Der 33-Jährige hat an der Universität Hamburg den Master in Islamwissenschaft und Geschichte gemacht und danach als Referent in Schulen, Universitäten und Volkshochschulen gearbeitet, zu Themen wie Islam, interkulturelle Weiterbildung, Stereotypen. "Seit der Ankunft vieler Geflüchteter in Deutschland werde ich häufig von Parteien, Stiftungen, Kirchen, der Polizei und anderen Stellen angefordert, um über Flucht und Migration zu referieren", sagt Veenhuis. Die Kompetenz dafür entwickelte er selbst - sein Studium bildete nur die Grundlage. "Das Studium allein führt nicht zu einem bestimmten Ziel. Man muss schauen, wo man die Schwerpunkte setzen will. Später zieht es viele in den Journalismus oder in die Forschung, andere arbeiten bei Stiftungen, der Polizei oder auch bei Geheimdiensten. Alle in unserem Jahrgang haben einen Job gefunden, viele bereits nach dem Bachelor", sagt Veenhuis.

Das Arabisch-Lernen fällt vielen schwer: Viele brechen deshalb ihr Studium ab

Im Studium setzte er sich mit den gesellschaftlichen und politischen Strukturen in arabischen Ländern auseinander, beschäftigte sich aber auch mit islamischer Kunst und der Koranforschung. Je ein Semester studierte er in Ägypten und Tunesien. Die meiste Zeit widmete er sich dem Sprachenstudium - anfangs standen wöchentlich zehn Stunden Arabisch auf dem Lehrplan, vom dritten Semester an kamen bei Veenhuis sechs Stunden Persisch pro Woche hinzu. Das Ziel ist, sich Originalquellen erschließen zu können. "Trotz der vielen Stunden Arabisch können sich nicht alle unterhalten, nicht zuletzt wegen der vielen unterschiedlichen Dialekte. In Marokko könnte ich vielleicht ein Taxi rufen, aber kein Gespräch über Politik führen", berichtet Veenhuis. Eine gewisse Sprachbegabung ist also von Vorteil - doch etwas anderes ist nach seiner Meinung mindestens ebenso wichtig: "Man sollte sich für historische, kulturelle und politische Zusammenhänge interessieren und bereit sein, die Welt aus einer anderen als der gewohnten Perspektive zu sehen."

Johann Büssow ist Professor am Lehrstuhl für Orientalistik der Ruhr-Universität Bochum. Jedes Jahr fangen bei ihm und seiner Kollegin Cornelia Schöck circa 50 Studierende mit dem sechssemestrigen Bachelor-Studiengang Orientalistik und Islamwissenschaft an. Weniger als die Hälfte schaffen es bis zum Abschluss. "Der Arabischkurs ist sehr fordernd, es gibt im ersten Jahr einen großen Schwund", sagt Büssow. Etwa die Hälfte der Absolventen entscheidet sich für das viersemestrige Master-Studium Orientalistik und Islamwissenschaft. Das Interesse an Politik und Kultur des Nahen Ostens, an Sicherheitsfragen, einer fremden Kultur und bei Studierenden mit Migrationserfahrung die Suche nach den eigenen Wurzeln - Büssow nennt typische Beweggründe für die Wahl des Studienfachs, das häufig mit dem Zweitfach Religionswissenschaft, Erziehungswissenschaft, Geschichte, Medienwissenschaft, Politik oder einer anderen Fremdsprache kombiniert werde.

Im laufenden Semesterprogramm finden sich neben den Sprachkursen, die derzeit als Videokonferenzen angeboten werden, Veranstaltungen wie "Irans Atomprogramm", "Politik und Recht im modernen Syrien", "Themen und Formen der arabischen Dichtung im 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart" und "Einführung in die islamische Theologie". Dabei wird in diesem Semester, das die Studenten wegen der Pandemie online absolvieren, mehr Wert als sonst auf schriftliche Seminararbeiten gelegt. "Es geht um das konzentrierte Schreiben mit begrenzter Literatur, die man zur Verfügung hat. Wir haben zum Teil sehr gute Arbeiten bekommen, einige Studierende blühen unter den neuen Bedingungen auf. Anderen fällt es dagegen schwer, so zu studieren. Bei den Teilnehmerzahlen merken wir, dass der Schwund größer ist als sonst", sagt Büssow, der von guten Berufsperspektiven spricht.

Adrian Bernhard gehört zu denjenigen, die mit dem digitalen Lernen gut zurechtkommen. "Ich genieße das Corona-Semester. Zwar fehlt der Austausch unter den Studierenden, aber so habe ich mehr Zeit, um mich auf die Texte zu konzentrieren. Durch das aktuell sehr textlastige Studium ist die Auseinandersetzung mit schriftlichen Quellen unglaublich intensiv", sagt Bernhard, der im Sommersemester an der Uni Bochum mit dem Masterstudium Orientalistik und Islamwissenschaft begonnen hat. Er schätzt an seinem Studium die Vielfalt - man kann philologische, philosophische, historische und soziologische Forschungsgegenstände untersuchen.

Bernhard ist zweisprachig mit Deutsch und Italienisch aufgewachsen, hält sich für sprachbegabt und betont, dass dennoch "viel, viel Fleiß" für das Lernen einer komplett anderen Sprache notwendig gewesen sei: "Man braucht beim Arabischen einen langen Atem, bis man Erfolge sieht. Es gibt Ähnlichkeiten zum Lateinlernen, das ist auch ein sehr analytisches Lernen." Einen Schub habe das Auslandssemester in Jordanien bewirkt, wo er bei jeder Gelegenheit Arabisch gesprochen habe. Nach dem Studium kann sich Bernhard eine Tätigkeit in der Forschung oder im diplomatischen Dienst vorstellen. Sein Tipp für alle, die mit diesem Studium liebäugeln: "Man sollte Interesse haben, in eine neue Gedankenwelt einzutauchen. Und man sollte Lust haben zu grübeln."

Ein Überblick zu islamwissenschaftlichen Studiengängen findet sich auf der Homepage der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (www.dmg-web.de/iswi) unter dem Stichwort Studium. Die nächste Station der Ausstellung "Was los, Deutschland?" ist Hamburg (25. August bis 10. September), gefolgt von Melle bei Osnabrück (29. September bis 13. Oktober), Aalen (16. Oktober bis 6. November), Kassel (16. bis 27. November) und Backnang (1. bis 10. Dezember). Weitere Termine unter www.waslosdeutschland.info

© SZ vom 17.07.2020
Zur SZ-Startseite