Süddeutsche Zeitung

Orientierungsangebote für Abiturienten:Bitte den Campus erkunden!

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Digitale Angebote können helfen, den passenden Studiengang aufzuspüren. Studienberater Stefan Petri erklärt, warum es dafür aber auch Präsenz braucht.

Interview von Jeannette Goddar

Unter Tausenden Bachelorstudiengängen den richtigen herauszufiltern, ist ohnehin nicht leicht. Umso schwieriger, eine Entscheidung mitten in der Pandemie zu treffen, in der persönliche Beratung kaum möglich ist. Stefan Petri leitet die Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung an der Freien Universität (FU) Berlin. Er erklärt, wie man sich auch online orientieren kann und welche Erfahrungen seine Hochschule in jüngster Zeit mit digitalen Informationsveranstaltungen gesammelt hat.

SZ: Herr Petri, seit bald zwei Jahren ist Studienorientierung nur digital möglich. Wozu raten Sie jemandem, der auf der Suche nach dem passenden Fach an einem passenden Ort ist?

Stefan Petri: Zunächst das Gleiche wie früher. Erst einmal in einem Überblicksportal, etwa unter www.hochschulkompass.de zu schauen, was es wo gibt. Dann ist immer gut, bei jeder Hochschule, die einen interessiert, direkt zu recherchieren: Wie ist das Zulassungsverfahren, wie ist das Studium aufgebaut, passt das zu mir? Die Informationen, die online stehen, wurden in den vergangenen Jahren stark ausgebaut, bis hin zu Beispielaufgaben und Absolventen-Porträts. Dennoch lautet mein dritter Rat: Wenn es irgendwie geht, schauen Sie sich das Institut, den Campus, die Stadt vor Ort an!

Auch wenn dort pandemiebedingt gar nichts los ist?

Die Hochschulen sind ja nicht komplett geschlossen. Auch der ein oder andere Studierende, die oder den man ansprechen kann, ist meist da. Und ein Studium findet ja nicht nur in den Räumen eines Instituts statt. Sondern in einer Umgebung, in der Studierende mehrere Jahre verbringen. Da ist wichtig, wie es sich vor Ort anfühlt.

Sie gehen davon aus: Das Präsenzstudium kehrt zurück?

Ja. Es wird mehr hybrides Lernen und neue Formate geben; vielleicht mehr Vorlesungen online, über die dann an der Uni diskutiert wird. Doch es wird wieder normal sein, in Präsenz zu studieren. Wer im Sommer oder Herbst anfängt, sollte sich höchstens noch auf eine gewisse Zeit im Distanzlernen einstellen. Ich sage jedem, der sich für die FU interessiert: Ihr studiert dann in Berlin, ihr müsst nach Berlin.

Wie bewährt sich die Online-Studienorientierung, die von Hochschulmessen bis zu Schüler-Infotagen ins Internet gewandert ist?

Gut, und immer besser. Zu Beginn der Pandemie waren bei unserem Studien-Info-Tag noch 1500 junge Menschen online, im Jahr 2021 schon mehr als 2000. Bei diesen Informationstagen, die bei uns "inFUtage" heißen, klicken die Schülerinnen und Schüler gezielt ein Fach ihrer Wahl an. Es gibt Präsentationen, und zur Teilnahme offene Schnupperkurse. Und Gelegenheit, konkrete Nachfragen zu stellen.

Klappt das per Videokonferenz?

Ja, nach zwei Jahren Distanzlernen beteiligen sich Schülerinnen und Schüler online oft selbstverständlicher als Erwachsene. Das ist auch deswegen gut, weil sie dort mit Menschen sprechen können, und sollten, die das jeweilige Fach schon studieren.

Warum ist das wichtig?

Viele lebensnahe Fragen sind bei denen, deren Schulzeit ebenfalls nicht lange zurückliegt, besser aufgehoben: Ich hatte keinen Mathe-Leistungskurs, komme ich im Statistik-Kurs mit? Wie habt ihr euch auf das Lernen von Japanisch vorbereitet? Die FU bietet sogar ganzjährig eine Info-Reihe von Studierenden an. Unter dem Titel "Uni im Gespräch" stellen sie jeden Mittwochabend per Videokonferenz einen anderen Studiengang vor.

Vereinzelt kann man sich schon mit einem Avatar durch Hochschulen klicken. Sieht so die Zukunft aus?

Ja, das ist super, mit einer VR-Brille können Sie von zu Hause aus am Ort Ihrer Wahl spazieren gehen. Entstanden ist das übrigens nicht in der Pandemie. Sondern um Hochsicherheitslabore zu zeigen, die nicht jeder betreten darf. An der FU denken wir über so etwas ebenfalls nach, andere Hochschulen tun das sicher auch. Werden erst einmal nicht mehr so viele Kapazitäten durch die pandemiebedingt radikale Umstellung benötigt, wird sich noch vieles tun. Ein Angebot, das es bereits häufiger gibt, sind Podcasts. Mit ihnen können Sie sich unterwegs, sozusagen beim Joggen, über Studiengänge informieren.

Die Unabhängigkeit von Zeit und Raum ist ein Online-Vorteil, der auf der Hand liegt. Gibt es weitere?

Ja, die Barrierefreiheit ist ein weiterer Vorzug. Videos können leicht mit Untertiteln versehen werden, zum Beispiel in Deutsch und in Englisch. Davon haben all jene etwas, die sich mit dem Hören oder der deutschen Sprache schwertun. Ich bin mir sicher: In der Zukunft wird es deswegen beides geben, analoge wie digitale Studieninfoangebote.

Auf welche Probleme müssen sich Studierende einstellen, die unfreiwillig in das Distanzlernen gehen?

Jede und jeder reagiert anders. Doch ohne Termine ihre Zeit zu strukturieren und einen Tagesablauf zu finden, ist zum Beispiel für viele eine Herausforderung. Eine andere ist: Wer nun glaubt, das gewählte Fach, oder auch ein Studium sei nichts für ihn, sollte herausfinden, ob das eigentliche Problem nicht das Lernen auf Distanz ist. Manchmal raten wir dazu, noch ein bisschen durchzuhalten, um zu schauen, ob es am Fach oder der Form des Unterrichts liegt. Generell gilt: Die Studierendenberatung ist immer ansprechbar. Zu Fragen des Zeit- und Selbstmanagements bieten wir auch spezielle Workshops an.

Was bringen Sie Studierenden darin bei?

Wir üben zum Beispiel, wie man Tages- und Wochenabläufe erstellt, oder sich kleine Arbeitspakete bastelt. Und immer wieder kommt zur Sprache, wie es vielleicht doch möglich ist, mit Kommilitonen in Kontakt zu bleiben oder sie überhaupt erst kennenzulernen.

Haben Sie da Tipps?

Ein Dauerthema bleibt der Appell: Macht in den Veranstaltungen die Kameras an! Nicht nur der Dozent fühlt sich dann nicht so allein. Auch für Studierende ist es ein Riesenunterschied, ob sie sich sehen. Allerdings braucht es dafür Live-Veranstaltungen - die zugleich mehr Struktur bieten, wenn jedem klar ist, Dienstag, zehn Uhr, sind wir alle gemeinsam online. Doch zur Wahrheit gehört auch: Der Wunsch nach sozialen Kontakten bleibt immens. Wenn es einmal Veranstaltungen an der Uni gibt, hören wir immer wieder: Die Studierenden wollen gar nicht wieder weg.

Dennoch gibt es bald Bachelor-Absolventen, die ein geselliges Campusleben gar nicht kennen. Wird das die Erwartung an ein Studium auf Dauer verändern?

Das ist tatsächlich noch ein bisschen offen. Doch vonseiten der Uni gibt es ein klares Ja zu Präsenz, Begegnung, persönlichem Austausch. Denn die Kontakte, die hier geknüpft werden, sind nicht nur im laufenden Studium hilfreich. Oft entstehen lebenslange Freundschaften; und es werden Netzwerke geknüpft, die einen später in und durch den Beruf tragen.

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