Studie zur Jugendkultur:"Die Verlierer sind selbst schuld"

Aus Angst vor dem Absturz rüsten die Jugendlichen auf und eignen sich schon in der Schule häufig maß- und wahllos ein Arsenal von Fähigkeiten an: Praktika, Fremdsprachen, Zusatzqualifikationen. Die Auswahl entspreche dabei nicht einem flammenden Interesse oder der Liebe zur Sache, sondern einer Rundumsorglos-Logik. "Ein klares Bild, was aus ihnen werden soll, haben die Jugendlichen meist nicht", so die Studie. 40 Prozent der Befragten waren Auszubildende, 30 Prozent Angestellte, 20 Prozent Arbeiter und zehn Prozent Studenten.

Germany Debates Expanding Parental Leave

Ein Idealbild, das sich viele Jugendliche wünschen: Ein präsenter Vater in einem heilen Elternhaus.

(Foto: Getty Images)

Arbeitslose Jugendliche oder Hartz-IV-Empfänger waren nicht dabei. Auch die wollten die Psychologen für die vom schwedischen Möbelhändler Ikea gesponserte Studie befragen, aber die lehnten ab oder ließen Termine platzen. "Auch das bestätigt irgendwie das Gefühl, das viele Jugendliche heute haben", so Grünewald: "Die Gesellschaft zerfällt in zwei Klassen: Winner und Looser, Superstars und Hartz IV, gut und böse."

Aus Angst, von den Verlierern mitgerissen zu werden, grenzten sich die Sieger ab. Die Verlierer werden als "du Looser" oder "du Opfer" beschimpft, geschmäht und verachtet, selbst von Jugendlichen, die sich für solidarisch und eher links halten. "Die Verlierer sind selbst schuld an ihrem Schicksal", so sehen das Gewinner und nähren damit ihre Illusion, dass sie, wenn sie nicht die gleichen Fehler machen, ihrem Leben selbst eine bessere Wendung geben können. "Das ist aber nicht so", sagt Grünewald. "Jeder kann heute abstürzen, mag er noch so gut ausgebildet und fleißig sein. Da muss nur die Firma pleitegehen."

Aus Angst vor dem Absturz flüchten sich die Jugendlichen in Schon- und Schutzräume. "Die Mütter werden häufig hymnisch verehrt, als Bastion verlässlicher und bedingungsloser Liebe, die nicht an Erfolgskriterien geknüpft ist und einen nach dem Absturz auffängt", sagt Grünewald. Auch die Medien wirken ihm zufolge als Schutzraum. "Kleine MP3-Player fungieren als mobile Ohrenschnuller, die einen umsäuseln."

"Die Sehnsucht nach Verlässlichkeit, stabilen Werten und Wahrheiten, Gewissheit ist groß", sagt Grünewald. Sie münde vielleicht in ein paar Jahren in einen politischen Fundamentalismus, dessen Färbung allerdings noch völlig unklar sei. Die Jugend werde in den nächsten Jahren entschiedener und klarer Position beziehen, wie sie sich ihr Leben vorstellt. Wie, das werden dann die Interviews im Jahr 2018 zeigen.

© SZ vom 11.09.2010/holz
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