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Stress am Arbeitsplatz:Immer mehr Deutsche dopen sich

Medikamente am Arbeitsplatz

Dank Pillen den Arbeitstag bewältigen: Knapp drei Millionen Deutsche haben schon Hirndoping am Arbeitsplatz betrieben.

(Foto: dpa)
  • Der Gesundheitsreport 2015 der Krankenkasse DAK kommt zu dem Ergebnis: Bislang haben knapp drei Millionen Beschäftigte in Deutschland bereits Hirndoping am Arbeitsplatz betrieben.
  • Die Anzahl der Hirndoper ist gestiegen: von 4,7 Prozent im Jahr 2008 auf 6,7 Prozent im Jahr 2014.
  • Experten sprechen von pharmakologischem Neuro-Enhancement durch leistungsteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente.

Von Dorothea Grass

Immer mehr Menschen dopen sich im Job

Sie nennen sich Methylphenidat, Modafinil, Betablocker, Antidementiva und Antidepressiva - und versprechen manch unglücklichem Berufstätigen die Lösung seiner Probleme. Endlich mal gelassen und dabei hellwach die Präsentation überstehen, mit ruhiger Hand das Instrument spielen oder gut gelaunt die dicke Kollegenluft atmen. Alles plötzlich kein Problem mehr, dank der Wunderpillen.

Pharmakologisches Neuro-Enhancement (pNE) nennen die Experten das Phänomen, wenn sich Menschen ohne medizinische Indikation verschreibungspflichtige Arznei selbst verabreichen. In Deutschland haben etwa 6,7 Prozent aller Berufstätigen schon einmal zu Neuro-Enhancern gegriffen. Zu diesem Ergebnis kommt der Gesundheitsreport 2015 der gesetzlichen Krankenkasse DAK.

Ein kleines, aber gefährliches Phänomen

Im Jahr 2009 hatte die DAK zum ersten Mal eine Studie zu dem Thema veröffentlicht. Das Ergebnis der repräsentativen Umfrage lag damals um zwei Prozentpunkte niedriger: Etwa 4,7 Prozent hatten 2008 schon einmal Hirndoping betrieben. Das Thema, das bis dahin noch relativ unbekannt war, wurde in der Folgezeit medial breiter diskutiert.

Sechs Jahre später bezeichnet der Vorstandsvorsitzende der DAK, Herbert Rebscher, die Ergebnisse der aktuellen Studie öffentlichkeitswirksam als "Alarmsignal". Allerdings bleibt Neuro-Enhancement selbst bei einem deutlichen Nutzungsanstieg unter der untersuchten 20- bis 50-jährigen arbeitenden Bevölkerung in Deutschland zahlenmäßig eine Randerscheinung.

Verharmlost werden sollte das Thema dennoch nicht. Denn es bedeutet: Es gibt in Deutschland insgesamt knapp drei Millionen Menschen, die sich schon einmal mit Medikamenten versorgt haben, um sich ihren Arbeitsanforderungen gewachsen zu fühlen. Regelmäßig dopen sich laut der Studie knapp eine Million Berufstätige (1,9 Prozent), um ihre kognitive Leistung zu steigern, ihr psychisches Wohlbefinden zu verbessern oder Ängste und Nervosität abzubauen. Die Dunkelziffer liegt höher: Die Studie geht von bis zu zwölf Prozent Hirndopern unter der arbeitstätigen Bevölkerung aus.

Es geht dabei nicht um Traubenzucker, Kaffee, Guarana oder Baldrian. Alle Mittel, die unter dem Oberbegriff pNE zusammengefasst sind, sind verschreibungspflichtig und nicht in Drogeriemärkten erhältlich. Sie können erhebliche Nebenwirkungen haben: Herzrhythmusstörungen, Schlaflosigkeit, Verdauungsstörungen, Stimmungsschwankungen oder Persönlichkeitsveränderungen.

Frauen wollen besser drauf sein, Männer leistungsstärker

Welche Gründe lassen knapp drei Millionen Beschäftigte in Deutschland zu Medikamenten greifen, die eigentlich nicht für sie bestimmt sind? Die meisten Betroffenen (4,7 Prozent aller Beschäftigten) wollten laut Studie Nervosität und Ängste verringern, 3,3 Prozent haben die Neuro-Enhancer zur Leistungssteigerung verwendet.

Wie schon in den Ergebnissen der Erhebungen von 2008 greifen Frauen eher zu Präparaten, die ihr psychisches Wohlbefinden steigern. Medikamente zur Leistungs- und Konzentrationssteigerung werden vor allem von Männern konsumiert.

Es sind nicht die gehetzten Top-Manager, die Doping betreiben

Ein Vorurteil widerlegt die Studie: die Mär vom pillenschluckenden Top-Manager. Hirndoping zieht sich den Ergebnissen der Studie zufolge durch alle Berufsfelder, Hierarchieebenen und Qualifikationen. Eine wichtige Rolle spielen dagegen das Tätigkeitsniveau der Arbeit und die Beschäftigungssicherheit. Die Studie bilanziert: "Je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher die Arbeit selbst, umso höher ist das Risiko für Hirndoping."

Als Hauptmotive für den Konsum von Neuro-Enhancern (41 Prozent) nennt die Studie konkrete Anlässe wie "Prüfungen, Präsentationen, wichtige Verhandlungen und schwierige Gespräche". 35,2 Prozent der Nutzer sagten: "Mit Hilfe von solchen Medikamenten geht mir die Arbeit leichter von der Hand."

Die meisten bekommen die Präparate vom Arzt verschrieben

Wie kommen die Betroffenen an die Medikamente? Über die Hälfte von ihnen (53,8 Prozent) gab in der Umfrage an, ein ärztliches Rezept für die Präparate erhalten zu haben. Ein erstaunlicher Wert, der einen stutzigen Blick auf die Ärzteschaft erlaubt. Die Forscher selbst nehmen an, dass die Hirndoper gegenüber ihrem Arzt entweder die medizinische Notwendigkeit vortäuschten oder die Ärzte die Medikamente zu einem gewissen Teil verschreiben, ohne dass die medizinische Indikation gegeben ist. 22,4 Prozent der Nutzer bekamen die Medikamente in ihrer Apotheke laut Angaben ohne Rezept. Am dritthäufigsten (14,1 Prozent) besorgen sich die Konsumenten ihre Präparate über Kollegen, Freunde, Bekannte oder Familienmitglieder.

Warum die große Mehrheit der deutschen Berufstätigen kein Hirndoping betreibt, hat die Studie auch untersucht. Demnach kommt für 70,1 Prozent der Gebrauch von Neuro-Enhancern grundsätzlich nicht infrage, wenn ein Arzt nicht ausdrücklich dazu rät. Der zweithäufigste Grund seien Risiken und Nebenwirkungen der Medikamente, die seit Bekanntwerden des Themas geläufiger wurden.

Wirkstoffe und Wirkungen von pharmakologischen Neuro-Enhancern

- Methylphenidat gehört zu den sogenannten Psychostimulanzien. Bekannt ist der Wirkstoff vor allem durch den Handelsnamen Ritalin, inzwischen gibt es auch Präparate mit dem Namen Medikinet oder Concerta, die den Wirkstoff enthalten. Methylphenidat erhöht die Konzentrationsfähigkeit und Wachheit und verkürzt die Reaktionszeiten. Das Medikament bekommen vor allem Kinder und Erwachsene mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung verschrieben.

- Modafinil ist ebenfalls eine Psychostimulanz. In Deutschland und Frankreich ist es unter dem Namen Provigil und Vigil erhältlich. Der Wirkstoff steigert ebenfalls Wachheit und sorgt für schnellere Reaktionszeiten. Seit 2011 wird der Stoff in Deutschland nur noch Narkolepsie-Patienten verschrieben.

- Betablocker blockieren die Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Noradreanalin am Rezeptor. Das Medikament (zum Beispiel die Präparate Metoprolol oder Propranolol) bekommen vor allem Bluthochdruck-Patienten oder Herzkranke von ihren Ärzten verschrieben. Bei gesunden Menschen reduziert es Stress- und Angstsymptome wie Herzklopfen, Zittern oder Aufregung.

- Antidepressiva wirken durch verschiedene Substanzen, am häufigsten werden Präparate aus der Gruppe der sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) verwendet. Die Medikamente heißen zum Beispiel Fluoxetin, Sertralin, Citalopram oder Escitalopram. Menschen mit psychischen Störungen oder Depressionen bekommen die Medikamente vor allem zur Stimmungsaufhellung und Aktivierung verschrieben.

- Antidementiva werden auch Nootropika genannt und sollen helfen, die Gedächtnisleistung zu verbessern. Sie beinhalten unterschiedliche Wirkstoffe: Acetylcholinesterasehemmer wie Donepezil, Rivastigmin, Galantamin sowie die Präparate Memantin oder Piracetam.

Über die Studie

Im Gesundheitsreport 2015 stellt die gesetzliche Krankenkasse DAK die Ergebnisse einer 2014 erhobenen Studie vor. Darin wertete sie die Arzneimittelverordnungsdaten ihrer Versicherten aus und befragte 5000 Erwerbstätige.

© Süddeutsche.de/mkoh/rus
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