Süddeutsche Zeitung

Streit um Unterrichtsmethoden:Frau Sarrazin - autoritär oder gemobbt?

Lesezeit: 3 min

Thilo Sarrazins Frau Ursula unterrichtet seit 30 Jahren als Grundschullehrerin. Jetzt beschweren sich die Eltern über verbale Entgleisungen und weinende Kinder. Nichts als Mobbing, sagen die Sarrazins.

Maria Holzmüller

Die Sarrazins spalten die deutsche Gesellschaft. Nicht nur über Thilo Sarrazins provokante Integrationsthesen in seinem Buch Deutschland schafft sich ab gehen die Meinungen auseinander - jetzt sorgen auch die Unterrichtsmethoden seiner Frau Ursula für Aufsehen. Sie sei zu streng, zu autoritär, sagen die Eltern. Alles Quatsch, vielmehr sei sie das Opfer einer üblen Mobbing-Kampagne, sagen die Sarrazins.

Wie zufrieden oder unzufrieden die Eltern über die Leistung einer Grundschullehrerin an der Reinhod-Otto-Schule in Charlottenburg sind, berührt den Rest der Nation normalerweise kaum bis gar nicht. Weil die gescholtene Lehrkraft aber Sarrazin heißt und mit einem umstrittenen Buch-Autor verheiratet ist, interessiert sich plötzlich jeder für das, was im Klassenzimmer vor sich geht.

Und die Beteiligten geben gerne Auskunft. "Kinder weinen, die Schüler werden gedemütigt und angeschrien, wenn sie etwas nicht können. Frau Sarrazin unterrichtet nicht mit pädagogischer Professionalität", sagtr Günter Peiritsch, Vorsitzender des Landeselternausschusses zur Bild am Sonntag. Nach zahlreichen Beschwerdebriefen von Eltern an die Schulleitung strebe diese nun an, Ursula Sarrazin zu versetzen.

Genau an diesem Punkt hakt dann auch Thilo Sarrazin persönlich ein - das mediale Interesse soll bloß nicht abebben. "Das Schulaufsichtsamt und die Schulleitung versuchen seit 2008 vergeblich, meine Frau umsetzen zu lassen, Gründe wurden nie genannt. Hier kamen offenbar Neid und Vorbehalte gegen eine 'Frau Sarrazin' ins Spiel. Nachdem das nicht gelang, wurde sie mit dem Stundenplan extrem benachteiligt. Als auch das nichts half, wurde jetzt eine regelrechte Mobbing-Kampagne ins Werk gesetzt, um meine Frau dazu zu bringen, die Schule 'freiwillig' zu verlassen. In diesen Rahmen gehören auch die jetzt erhobenen völlig haltlosen Vorwürfe" so Sarrazin gegenüber der Bild-Zeitung.

Ursula Sarrazin, in "Sippenhaft' genommen, weil Thilo das deutsche Bildungssystem kritisierte? Eine unbescholtene Lehrerin, das Opfer einer Kampagne gegen ihren Mann? Elternvertreter Peiritsch bestreitet das: "Die Beschwerden haben nichts mit ihrem Mann zu tun, nur mit ihren Unterrichtsmethoden."

Leut Peiritsch zeichnen diese sich vor allem durch verbale Entgleisungen aus. "Eltern haben mir berichtet, dass Frau Sarrazin Schüler auch mit 'Du Opfer" oder 'Du Hauptschüler" angesprochen hat", sagt er. Kinder, die nichts verstünden, seien zudem als faul und unintelligent bezeichnet worden, wie die Berliner Morgenpost zitiert.

Mediale Offensive

Und Ursula Sarrazin selbst? Sie ist inzwischen ebenfalls in die mediale Offensive gegangen. Sie sei weder autoritär, noch schreie sie Kinder an oder sage zu ihnen "Opfer" oder "Hauptschüler", ließ sie vermelden. Und in der Bild-Zeitung spricht sie inzwischen "Klartext", wie es heißt.

"Ich bin seit über 30 Jahren Grundschullehrerin. Es ist mein Traumberuf, immer noch. Viele Kinder mögen mich, denke ich" erfährt der interessierte Leser dort. Aber auch, dass Frau Sarrazin mit der Einstellung der Eltern zum Lehrerberuf hadert: "Viele Eltern denken, wir wären so eine Art Serviceunternehmen: Sie geben die Kinder morgens ab und holen sie abends gewaschen, gekämmt, bestens erzogen und voller Wissen wieder ab." Schon ein Hinweis auf die mangelhaft erledigten Hausaufgaben werde da als Vorwurf empfunden.

Und ist sie jetzt wirklich so autoritär, wie alle sagen? "Man sagt, ich sei streng. Ich versuche einfach nur konsequent zu sein. Klare Regeln, klare Rituale. Sie erleichtern das Miteinander." Und: "Wenn ein Kind sich nicht an die Gesprächsregeln hält, dann muss es sie halt abschreiben: Wir hören einander zu. Wir warten, bis wir dran sind. Wenn es stört, kann man es nach hinten setzen oder auf den Flur schicken."

Aha. Wenn das mal keine Thesen sind, die Stoff für ein neues Buch liefern. Die mediale Werbetrommel läuft bereits, es müsste nur noch geschrieben werden. Sollte Ursula Sarrazin die Auseinandersetzung mit den Eltern verlieren, sollte dafür ja Zeit sein. Und Thilo Sarrazin kämpft eh schon gegen seinen Ausschluss aus der SPD, ein bisschen Mobbing durch "Sippenhaft" macht da keinen Unterschied mehr.

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