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Streit über den Wert des Abiturs:Europaweites Raster - eine bildungspolitische Großtat

Um diese Barrieren abzubauen und Abschlüsse besser vergleichen zu können, müsste man die verschiedenen Lehrinhalte und Prüfungen angleichen. Das klappt bisher aber noch nicht einmal innerhalb Deutschlands bei den Schulen. Das Abitur in Flensburg folgt anderen Regeln als das Abitur in Passau. Auf europäischer Ebene wird man es erst recht nicht schaffen, sich auf gemeinsame Standards zu einigen (und wäre das überhaupt wünschenswert?).

Dennoch tun Bildungspolitiker so, als könnten sie sämtliche Abschlüsse in ein einheitliches Raster bringen, und zwar europaweit. Gemeinsam mit Uni-Vertretern und den Sozialpartnern versuchen sie derzeit, die Vielfalt der Bildungswege in eine Karte einzutragen. Das Projekt läuft unter dem Namen "Deutscher Qualifikationsrahmen" (DQR), der wiederum in einen "Europäischen Qualifikationsrahmen" (EQR) einfließen soll.

Sämtliche Bildungsabschlüsse sollen auf insgesamt acht Stufen einsortiert werden. Die Aufgabe klingt kompliziert - und das ist sie auch. Eine große Schablone wird über Europas Bildungssysteme gelegt. Ob sie wirklich passt und den Bürgern am Ende überhaupt etwas bringt, daran kann man nach den Erfahrungen mit den Hochschulreformen durchaus zweifeln.

Die Konsequenzen der bildungsbürokratischen Großtat sind noch gar nicht absehbar. Ziel des Qualifikationsrahmens soll es eigentlich sein, Arbeitnehmern und Arbeitgebern das Leben leichter zu machen und europaweit Transparenz und Vergleichbarkeit herzustellen.

Doch zugleich wird dabei über den Wert bestimmter Qualifikationen entschieden, Rang und Status werden festgeschrieben: Wer zum Beispiel einen Doktortitel hat, so viel steht bereits fest, landet pauschal auf der achten, also der höchsten Stufe.

Streit um Wert von Abschlüssen

Sogar akademische Dünnbrettbohrer, die mit Ach und Krach ihre Promotion zu einem abseitigen Thema geschafft haben, stehen laut Qualifikationsrahmen stets besser da als ein pfiffiger und belesener Handwerksmeister, der mit betriebswirtschaftlichem Geschick einen Betrieb führt. Der Rahmen passt sich nicht an individuelle Talente und Leistungen an. Er will sich an echten "Kompetenzen" orientieren, vertraut aber doch den formalen Abschlüssen.

Und so ist nun ein heftiger Streit über den Wert des Abiturs und der beruflichen Bildung entbrannt. Kultusminister und Gymnasiallehrer wollen das Abitur auf Stufe fünf und damit höher ansiedeln als die meisten Berufsabschlüsse. Vertreter von Unternehmen und Gewerkschaften laufen dagegen Sturm - sie halten es für absurd, dass ein Gymnasiast, der nach dem Abitur beispielsweise eine Lehre in einer Bank oder bei einem Software-Entwickler macht, am Ende auf der Qualifikationsleiter sogar abgestiegen ist.

Die Gymnasiallobby stellt sich jedoch stur. Sie will den Status der Hochschulreife gegen Emporkömmlinge verteidigen. Hat denn etwa ein Hauptschüler, der eine Bäckerlehre macht, eine gleichwertige Qualifikation wie ein in Literatur und Mathematik beschlagener und hart geprüfter Abiturient?

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