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Streit über den Wert des Abiturs:Mit der Schablone über Bildungsabschlüsse

Bildungspolitiker wollen sämtliche Abschlüsse in Europa in ein einheitliches Raster pressen. Doch wahre Bildung entzieht sich dem ökonomischen Kalkül. Sie lässt sich nicht in Euro ausdrücken.

Tanjev Schultz

Es gibt viele Ansätze, den Wert von Bildung zu berechnen. Ökonomen versuchen zum Beispiel, die Rendite eines Studiums oder den volkswirtschaftlichen Schaden des Sitzenbleibens und Schulschwänzens zu beziffern.

Hochschulinformationsmesse 'Studieren in Mitteldeutschland'

"Ich will studieren weil ...": Auf einer Wand bei einer Hochschulinformationsmesse können junge Menschen ihre Studienmotivation notieren. Ein besseres Ranking im Deutschen Qualifikationsrahmen dürfte bislang noch nicht unter den Gründen sei - doch das könnte sich ändern.

(Foto: dapd)

Würden die deutschen Schüler ihre Leistungen um ein paar Pisa-Punkte steigern, könnten sie später viele Milliarden Euro zusätzliches Wachstum auslösen. So verspricht es zumindest die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die die Pisa-Schulstudien koordiniert.

Wahre Bildung entzieht sich jedoch dem ökonomischen Kalkül. Bildung ist keine Ware, für die man einen Preis und den Profit angeben könnte. Sie ist bereichernder, als sich in Cent und Euro ausdrücken lässt. Und das Schönste ist: Bildung ist beständig. Niemand kann sie einem Menschen mehr nehmen.

Das ist ein Trost in unsicheren Zeiten. Wissen kann verfallen, bestimmte Fertigkeiten können nicht mehr nachgefragt werden. Doch Bildung im Sinne von Reife und Reflexion vergeht nicht so schnell. Ihr Kurs ist fest. Bildung ist sicherer als Gold und Immobilien.

Dennoch oder gerade deshalb ist ein unübersichtlicher Bildungsmarkt entstanden, auf dem die unterschiedlichsten Abschlüsse und Zertifikate erworben werden, die Wissen und Bildung dokumentieren sollen. Welchen Weg soll ein junger Mensch einschlagen, welche Ausbildung, welches Studium beginnen? Was werden die Zeugnisse einmal wert sein, wenn man sie einem Arbeitgeber schickt?

Bildungsbarrieren im grenzfreien Europa

So beständig der Wert allgemeiner Bildung ist, so unbeständig sind viele Berufe. Und mit der Internationalisierung sind sowohl die Chancen als auch die Risiken noch gestiegen. Oft werden die Qualifikationen, die jemand im Ausland erworben hat, hierzulande nicht anerkannt - und umgekehrt.

Auf der Ebene der Universitäten sollte die sogenannte Bologna-Reform einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum schaffen. Die neuen Abschlüsse Bachelor und Master haben aber keineswegs dazu geführt, dass Studienleistungen überall gleich viel zählen.

Probleme gibt es manchmal sogar schon bei einem Wechsel im Inland. Für Lehramtsstudenten beispielsweise hat jedes Bundesland eigene Regeln. Wer während oder nach seinem Studium umzieht, muss deshalb vor allem eine Qualifikation mitbringen: Geduld und starke Nerven.

Da haben es Bäcker, Mechatroniker oder Bankkaufleute leichter. Für sie gibt es bundesweit geltende Ausbildungsordnungen. Kompliziert kann es allerdings werden, wenn sie ins Ausland gehen. Das deutsche System mit Berufsschulen und einer langen Lehrzeit im Betrieb gibt es in anderen Staaten nicht. Bürger, die sich im grenzfreien Europa bewegen, stoßen schnell auf Bildungsbarrieren, die ihre Mobilität behindern.

Europaweites Raster - eine bildungspolitische Großtat

Um diese Barrieren abzubauen und Abschlüsse besser vergleichen zu können, müsste man die verschiedenen Lehrinhalte und Prüfungen angleichen. Das klappt bisher aber noch nicht einmal innerhalb Deutschlands bei den Schulen. Das Abitur in Flensburg folgt anderen Regeln als das Abitur in Passau. Auf europäischer Ebene wird man es erst recht nicht schaffen, sich auf gemeinsame Standards zu einigen (und wäre das überhaupt wünschenswert?).

Dennoch tun Bildungspolitiker so, als könnten sie sämtliche Abschlüsse in ein einheitliches Raster bringen, und zwar europaweit. Gemeinsam mit Uni-Vertretern und den Sozialpartnern versuchen sie derzeit, die Vielfalt der Bildungswege in eine Karte einzutragen. Das Projekt läuft unter dem Namen "Deutscher Qualifikationsrahmen" (DQR), der wiederum in einen "Europäischen Qualifikationsrahmen" (EQR) einfließen soll.

Sämtliche Bildungsabschlüsse sollen auf insgesamt acht Stufen einsortiert werden. Die Aufgabe klingt kompliziert - und das ist sie auch. Eine große Schablone wird über Europas Bildungssysteme gelegt. Ob sie wirklich passt und den Bürgern am Ende überhaupt etwas bringt, daran kann man nach den Erfahrungen mit den Hochschulreformen durchaus zweifeln.

Die Konsequenzen der bildungsbürokratischen Großtat sind noch gar nicht absehbar. Ziel des Qualifikationsrahmens soll es eigentlich sein, Arbeitnehmern und Arbeitgebern das Leben leichter zu machen und europaweit Transparenz und Vergleichbarkeit herzustellen.

Doch zugleich wird dabei über den Wert bestimmter Qualifikationen entschieden, Rang und Status werden festgeschrieben: Wer zum Beispiel einen Doktortitel hat, so viel steht bereits fest, landet pauschal auf der achten, also der höchsten Stufe.

Streit um Wert von Abschlüssen

Sogar akademische Dünnbrettbohrer, die mit Ach und Krach ihre Promotion zu einem abseitigen Thema geschafft haben, stehen laut Qualifikationsrahmen stets besser da als ein pfiffiger und belesener Handwerksmeister, der mit betriebswirtschaftlichem Geschick einen Betrieb führt. Der Rahmen passt sich nicht an individuelle Talente und Leistungen an. Er will sich an echten "Kompetenzen" orientieren, vertraut aber doch den formalen Abschlüssen.

Und so ist nun ein heftiger Streit über den Wert des Abiturs und der beruflichen Bildung entbrannt. Kultusminister und Gymnasiallehrer wollen das Abitur auf Stufe fünf und damit höher ansiedeln als die meisten Berufsabschlüsse. Vertreter von Unternehmen und Gewerkschaften laufen dagegen Sturm - sie halten es für absurd, dass ein Gymnasiast, der nach dem Abitur beispielsweise eine Lehre in einer Bank oder bei einem Software-Entwickler macht, am Ende auf der Qualifikationsleiter sogar abgestiegen ist.

Die Gymnasiallobby stellt sich jedoch stur. Sie will den Status der Hochschulreife gegen Emporkömmlinge verteidigen. Hat denn etwa ein Hauptschüler, der eine Bäckerlehre macht, eine gleichwertige Qualifikation wie ein in Literatur und Mathematik beschlagener und hart geprüfter Abiturient?

Welche Bildung wieviel wert ist

Das sind so die Kämpfe, die derzeit ausgetragen werden. Vordergründig geht es nur um einen Konflikt zwischen Fachleuten und zwischen verschiedenen Lobbygruppen. Der Qualifikationsrahmen ist ja zunächst ohnehin eine Kopfgeburt. Womöglich hat er aber irgendwann reale Folgen für die Bürger - für ihr Einkommen, für die Aussicht, Stipendien zu erhalten, oder die Möglichkeit, bei einem Betrieb im Ausland zu arbeiten.

Und hinter dem Streit stecken sehr grundsätzliche Fragen: Welchen Stellenwert in der Gesellschaft haben die akademische und die berufliche Bildung? Wie ist das Verhältnis zwischen theoretischen und praktischen Fähigkeiten? Wie durchlässig sind die Schulen und Universitäten?

Das sogenannte duale System - die Berufsausbildung und die Berufsschulen - hat zur wirtschaftlichen Stärke Deutschlands maßgeblich beigetragen, weil es qualifizierte und selbstbewusste Handwerker und Fachkräfte hervorgebracht hat.

Mittlerweile gerät dieses System von zwei Seiten in Bedrängnis: Immer mehr junge Menschen besuchen die Gymnasien und gehen direkt an eine Hochschule - fast jeder Zweite in einem Jahrgang beginnt ein Studium. Und auf der anderen Seite stehen die Abgehängten, die als "ausbildungsunreif" gelten und nirgends unterkommen.

Es gibt eine erschreckend hohe Zahl junger Erwachsener, die weder studieren noch mit Erfolg eine Berufsausbildung absolvieren. Mehr als 17 Prozent der 20- bis 29-Jährigen hat keinen Abschluss. Die Schere zwischen Hoch- und Geringqualifizierten geht weiter auseinander. In der Wissensgesellschaft steigt die Zahl der Abiturienten und Studenten, einfache Tätigkeiten verlieren weiter an Wert. Ohne die richtigen Zeugnisse ist sozialer Aufstieg kaum noch möglich.

Bildung lässt sich nicht wiegen und messen

Formale Qualifikationen sind wichtiger denn je - und werden dadurch gleich wieder entwertet. Denn es entsteht eine Spirale des Zertifikate-Sammelns: Schüler, Studenten und Berufstätige müssen sich abheben von den anderen und ihre besonderen Qualifikationen herausstellen. Sie stehen ständig unter dem Druck, weitere Nachweise ihrer Fähigkeiten zu liefern.

Studenten, Auszubildende und junge Berufstätige werden zu Lebenslauf-Optimierern, zu Getriebenen einer Leistungsschau, die nur noch scheinbar etwas mit Bildung zu tun hat - und viel mit Distinktion, Wettbewerb und Karriere. Deshalb ist absehbar, wohin es führt, wenn immer mehr junge Menschen Abitur machen und ein Studium beginnen: Es kommt immer stärker darauf an, von welcher Schule und von welcher Universität ihr Zeugnis kommt und wo sie Praktika gemacht haben.

Wahre Bildung freilich ist nicht angewiesen auf Rang und Namen. Sie macht den Menschen frei. Sie macht ihn zur Person. Sie lässt sich nicht pressen in Zeugnisse und Qualifikationsraster. Sie lässt sich nicht einfach wiegen, messen und handeln. Der Wert von Bildung ist unermesslich.

© SZ vom 22.11.2011/gal
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