Süddeutsche Zeitung

Sprachkenntnisse im Job:Ohne Englisch geht nichts

  • Mehr als die Hälfte der berufstätigen Deutschen ist im Job auf Fremdsprachen, insbesondere Englisch, angewiesen.
  • Während der Anteil der Akademiker, die Fremdsprachen brauchen, schon lange auf hohem Niveau liegt und nur noch langsam steigt, hat sich die Entwicklung auf der mittleren Qualifikationsebene beschleunigt.
  • Wenn Menschen weltweit Deutsch lernen, dann meist, weil sie hierzulande studieren oder arbeiten wollen.

Von Miriam Hoffmeyer

Ein einziger bestandener Sprachtest, und schon fließen jeden Monat gut hundert Euro mehr aufs Konto: Selten zeigt sich der Nutzen von Fremdsprachenkenntnissen so deutlich wie auf den Gehaltszetteln der Uno-Ortskräfte in Deutschland. Wer neben Englisch auch Französisch oder eine andere Uno-Amtssprache auf sehr hohem Niveau beherrscht, hat Anspruch auf einen festen Gehaltszuschlag; nur Mitarbeiter im höheren Dienst sind von der Regelung ausgenommen.

Andere Arbeitnehmer profitieren eher indirekt vom jahrelangen Vokabel- und Grammatikpauken in der Schule. Englisch hat sich zu einer Schlüsselqualifikation entwickelt, auf die mehr als die Hälfte der Deutschen im Job angewiesen ist. In der letzten Erwerbstätigenbefragung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) gaben 40 Prozent der Beschäftigten an, dass sie Grundkenntnisse einer Fremdsprache für ihren Beruf brauchen, weitere 18 Prozent benötigen sogar fremdsprachliche Fachkenntnisse. In neun von zehn Fällen war diese Sprache Englisch. "Das Lesen fremdsprachlicher Texte oder die Kommunikation mit ausländischen Partnern und Kunden ist inzwischen in vielen Berufen ein fester Bestandteil des Arbeitsalltags", sagt die Autorin der Studie, Anja Hall.

17 Prozent der Hochqualifizierten kommen ohne Englisch aus

Wie zu erwarten liegen die Anteile bei Akademikern besonders hoch: Nur 17 Prozent der hochqualifizierten Beschäftigten kommen ganz ohne Fremdsprachenkenntnisse aus. Allerdings gibt es je nach Berufsfeld erhebliche Unterschiede. Vor allem Naturwissenschaftler, Informatiker und Manager, aber auch viele Ingenieure müssen Englisch können. Dagegen kommen die meisten Mediziner, Verwaltungsfachleute, Lehrer oder Sozialarbeiter nur mit Deutsch gut über die Runden.

Während der Anteil der Akademiker, die Fremdsprachen brauchen, schon lange auf hohem Niveau liegt und nur noch langsam steigt, hat sich die Entwicklung auf der mittleren Qualifikationsebene beschleunigt: Inzwischen benötigt auch jeder zweite Beschäftigte mit Berufsausbildung fremdsprachliche Grund- oder Fachkenntnisse, und zwar sowohl in kaufmännischen wie auch in gewerblich-technischen Berufen. Im Jahr 2006 lag dieser Anteil noch bei 40 Prozent.

Ein Blick in aktuelle Stellenangebote zeigt: Der Motorsägenhersteller Stihl verlangt nicht nur von seiner künftigen Vorstandsassistentin "sehr gute Englischkenntnisse in Wort und Schrift", auch für den gelernten Tischler, der Stihl-Messestände aufbauen soll, ist Englisch "zwingend erforderlich". Ob der Maschinenbauer Trumpf einen Elektriker für die Inbetriebnahme von Lasergeräten sucht, die Commerzbank einen Buchhalter oder die Volkswagen AG einen "Mitarbeiter Travelmanagement" - stets sind neben der entsprechenden Ausbildung auch "gute bis sehr gute" oder sogar "verhandlungssichere" Englischkenntnisse gefragt. Nur in einfachen Tätigkeiten braucht die große Mehrheit der Beschäftigten auch heute noch keine Fremdsprache.

Die gestiegenen Anforderungen führen allerdings nicht zu mehr Gehalt - gerade weil Fremdsprachenkompetenz immer stärker als selbstverständlich gilt. "Bei Fach- und Führungskräften werden gute Englischkenntnisse heute vorausgesetzt und darum auch nicht extra bezahlt", sagt Falk Runge, Vizepräsident des Beratungsunternehmens Kienbaum, das regelmäßig Gehaltsstudien veröffentlicht.

Wer eine weitere Fremdsprache beherrsche, könne damit unter Umständen in Gehaltsverhandlungen punkten: "Aber nur, wenn damit ein konkreter Nutzen für das Unternehmen verbunden ist, zum Beispiel wenn jemand bei der deutschen Tochtergesellschaft eines französischen Unternehmens arbeitet." Feste Zuschläge wie bei der Uno gibt es in der Privatwirtschaft nicht. Auf der mittleren Qualifikationsebene könne man mit guten Englischkenntnissen immerhin noch positiv auffallen, meint Runge. "Das wirkt sich aber eher nicht auf das Gehalt aus."

Angesichts dieser Entwicklung wird mangelnde Fremdsprachenbegabung immer mehr zum Karrierehindernis. Das Niveau der Englischkenntnisse sei heute "ein wichtiges Entscheidungskriterium, ob jemand den Job kriegt oder nicht", sagt der Kienbaum-Berater. In den meisten Unternehmen wird die Fremdsprachenkompetenz schon im Auswahlverfahren geprüft. Ältere Führungskräfte, die nur schlecht Englisch können, sind in Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten. "Entlassungen oder harte Degradierungen sehe ich zwar so gut wie nie", sagt Runge. "Aber häufig stagniert dann die Karriere, während sich die Leute links und rechts weiterentwickeln."

Immerhin reicht Englisch in aller Regel aus: Nur wenige Deutsche brauchen Französisch, Spanisch oder Chinesisch in ihrem Job. Ebenso unwichtig ist die Rolle, die Deutsch als Fremdsprache in anderen Ländern spielt. Von etwa 570 Führungskräften internationaler Konzerne, die das britische Magazin Economist und ein Sprachreisen-Anbieter vor drei Jahren befragten, glaubte zwar die Mehrheit, dass bessere Fremdsprachenkenntnisse ihrer Beschäftigten zu mehr Umsatz, Gewinn und Produktivität führen würden. Zugleich bezeichnete aber nur ein Prozent Deutsch als "wichtige Sprache".

Ziel, in Deutschland zu studieren oder zu arbeiten

Trotzdem lernen laut einer aktuellen Datenerhebung des Auswärtigen Amtes weltweit 15,4 Millionen Menschen Deutsch. Fast zwei Drittel von ihnen sind Europäer. Spitzenreiter ist Polen mit knapp 2,3 Millionen Deutschlernern - was auch daran liegt, dass polnische Schüler zwei Fremdsprachen lernen müssen.

Besonders stark steigt das Interesse an der deutschen Sprache in Brasilien, Indien und China. So lernen heute fast 120 000 Chinesen Deutsch - mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren. Die deutsche Literatur und Kultur ist dafür allerdings nicht das Hauptmotiv. Laut Erhebung haben die Deutschschüler im Ausland vor allem ihre berufliche Karriere im Auge - sei es im jeweiligen Heimatland oder weil sie das Ziel haben, in Deutschland zu studieren oder zu arbeiten.

Zwischen 2000 und 2010 war die Zahl der Deutschlernenden noch weltweit gesunken. "Es ist gelungen, den Rückgang zu stoppen", freut sich Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts. Neben einer stärkeren Förderung von Deutschunterricht an Schulen im Ausland sei diese Entwicklung vor allem der guten Wirtschaftslage zu verdanken: "Der Wirtschafts- und Studienstandort Deutschland ist attraktiv wie selten zuvor."

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SZ vom 06.06.2015/mkoh
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