Süddeutsche Zeitung

Sport mit Kollegen:Kicken fürs Betriebsklima

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Keine ruhige Kugel schieben: Beim Betriebssport überwinden Kollegen hierarchische Grenzen und tun was für ihre Gesundheit - doch immer weniger Mitarbeiter können mitmachen.

Joachim Göres

Betriebsfußball - da denkt man an Männer mit dickem Bauch und schütterem Haar, die eine ruhige Kugel schieben. Wer Zuschauer der letzten Deutschen Betriebsmeisterschaften im Kleinfeld-Fußball war, wurde eines Besseren belehrt. Die 16 Mannschaften, die im niedersächsischen Großmoor gegeneinander antraten, boten temporeiche Aktionen und kämpferischen Einsatz. "Ich bin mit 29 einer der Ältesten in unserer Mannschaft", sagt Valeri Wiebe. "Fast alle spielen noch im Verein und sind topfit." Wiebe ist Abwehrspieler im Team der Betriebssportgemeinschaft der Firma Gauselmann, einem Spielautomatenhersteller in Ostwestfalen.

Integration ausländischer Beschäftigter

Sport erhält die Gesundheit und hilft bei der Integration der ausländischen Beschäftigten - das sind nur einige der Gründe, warum die Firma Gauselmann mit einem hohen fünfstelligen Betrag jedes Jahr den Betriebssport unterstützt. "In unseren Werken in Espelkamp und Lübbecke arbeiten 5000 Menschen", sagt Wiebe, der sein Geld als Ausbilder von Systemelektronikern verdient. "Bei Problemen mit einer anderen Abteilung hilft es natürlich, wenn man jemanden persönlich vom Sport her kennt."

23 Sportarten bietet Gauselmann an. Der Betriebssport findet in der Freizeit statt. Trotzdem nehmen etwa 1000 Beschäftigte daran teil. Wo sonst kann man für 20 Euro im Jahr segeln oder Drachenboot fahren? Ein Nebeneffekt ist die große Identifikation mit der Firma. "Steht auf, wenn ihr Gauselmänner seid!", so feuern die Zuschauer ihre kickenden Kollegen gerne an.

Im Team des Autohauses Luft aus Eschborn bei Frankfurt spielen sowohl Mitarbeiter aus den Werkstätten als auch aus dem Verkauf mit. "Beim Sport sind wir alle per du. Der Fußball überwindet Hierarchiegrenzen, auch wenn die Auszubildenden mich im Betrieb wieder siezen müssen", sagt Prokurist Jörg Brand. Gerade junge Mitarbeiter wüchsen durch den Sport in den Betrieb hinein. In der kalten Jahreszeit werde es allerdings zunehmend schwieriger, gemeinsam Sport zu treiben - die Trainingszeiten in den Hallen reichten für den Betriebssport nicht aus, Vereine würden bei der Vergabe bevorzugt.

Übernachtung, Trikots, Verpflegung

"Jeden Bewerber, den ich einstelle, frage ich auch, ob er Fußball spielt", sagt Klaus Klimmeck, Chef der CCA Klimmeck GmbH im niedersächsischen Bad Zwischenahn. Der Betrieb mit 15 Mitarbeitern stellt Zusatzstoffe für die Lebensmittelindustrie her. "Für den Sport gebe ich mindestens 5000 Euro im Jahr aus, für Fahrtkosten, Übernachtung, Trikots, Verpflegung", sagt der 68-jährige Klimmeck, der selber noch gegen den Ball tritt. "Wenn wir gut abschneiden, ist das Werbung fürs Unternehmen."

Das große Ziel, deutscher Meister zu werden, haben sie dieses Jahr in Großmoor jedoch nicht erreicht, im Halbfinale war Schluss. "Dann sinkt die Stimmung natürlich, aber letztlich profitiert der Betrieb vom gemeinsamen Sport. Man lernt sich besser kennen und arbeitet motivierter."

Auch Sportler müssen qualifiziert sein

Die Zeiten, in denen gute Sportler ohne entsprechende Qualifikation einen Job bekamen, sind allerdings schon lange vorbei. Und auch großzügige Chefs sind eher die Ausnahme: Von den bundesweit 5200 Betriebssportgemeinschaften werden nur 200 von ihrer Firma nennenswert unterstützt. In der Regel zahlen Mitarbeiter die Gebühren für den Spielbetrieb aus eigener Tasche und müssen sich selber um Trainingsplätze kümmern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Männer und Frauen beim Betriebssport unterscheidet.

Fußball ist am populärsten, gefolgt von Bowling, Kegeln und Tischtennis. Insgesamt bieten die Betriebssportgemeinschaften 70 Sportarten an, unter anderem Motorradfahren, Golf und Schach. Die Zahl der Mitglieder im Deutschen Betriebssportverband ist seit 1999 um 50.000 auf heute 30.0000 gesunken, Tendenz abnehmend.

Immer weniger Zeit

Die Wirtschaftskrise habe wenig mit dem Rückgang der Zahl der Aktiven zu tun, aber es werde immer schwieriger, junge Mitarbeiter zu erreichen, die sich dauerhaft binden wollen, meint Gabriele Wrede, Vizepräsidentin des Deutschen Betriebssportverbands (DBSV). Zudem seien immer mehr Beschäftigte wegen flexibler Arbeitszeiten vom wöchentlichen Sporttermin am Abend ausgeschlossen. "Das ist nicht nur ein Problem in Krankenhäusern oder im Handel mit seinen immer längeren Öffnungszeiten, sondern geht durch alle Branchen", sagt Wrede.

"Je größer der Betrieb, desto mehr wird für die Gesundheitsförderung der Mitarbeiter getan. Das beginnt mit einer Gesundheits- und Risikoanalyse der Arbeitsplätze und führt zu Angeboten, die einseitigen Bewegungsabläufen entgegenwirken sollen", sagt der Sportwissenschaftler Ferdinand Gröben vom Karlsruher Institut für Technologie. Rückenschule, Yoga, Krafttraining oder die Förderung der Ausdauer durch Kurse in Nordic Walking oder Fahrradfahren gehören zum Programm, das Unternehmen oft in Zusammenarbeit mit Krankenkassen den Mitarbeitern kostenlos anbieten, teils auch in der Arbeitszeit. Manche Großunternehmen bieten zudem günstige Kurse in firmeneigenen Fitnessstudios an.

Keine langfristige Bindung

Gröben spricht von etwa 700.000 Beschäftigten, die an betrieblichen Gesundheitssportkursen teilnehmen. Meist sind sie auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt, was denen entgegenkommt, die sich im Gegensatz zu den Betriebssportgemeinschaften nicht langfristig binden wollen. "Das Interesse der Beschäftigten am Gesundheitssport ist groß, wobei es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Frauen achten mehr auf ihren Körper und nehmen solche Angebote gerne war. Männer sind eher interessiert, wenn der Wettkampfcharakter nicht zu kurz kommt."

Für die Zukunft rechnet Gröben mit einem Ausbau solcher Angebote, denn Betriebe können seit letztem Jahr einen Teil ihrer Kosten für die Gesundheitsförderung steuerlich absetzen.

Umstrittener Effekt

Welchen Effekt sportliche Aktivitäten letztlich haben, ist umstritten. "Bei unseren Mitarbeiterbefragungen wird immer wieder deutlich, dass Angebote wie Betriebssport oder Wellness-Kurse in der Firma nur eine untergeordnete Rolle spielen, wenn es um das Arbeitsklima geht", sagt René Jessulat, Psychologe bei der Beratungsfirma IPU Dr. Nagel & Partner in Dresden. "Am wichtigsten ist das Verhältnis zu den Kollegen, mit denen man bei der Arbeit zu tun hat."

Dieses werde wiederum stark vom Verhalten der Vorgesetzten beeinflusst - davon, ob sie versuchten, Beschäftigte gegeneinander auszuspielen oder die Zusammenarbeit in der Abteilung zu fördern und wie offen sie mit Konflikten umgingen. Jessulat: "Probleme muss man ansprechen, ohne andere dabei zu verletzen."

Sportliches Verhalten zahlt sich also erst aus, wenn es sich tagsüber in der Zusammenarbeit bemerkbar macht, und nicht nur nach Feierabend in der Turnhalle.

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SZ vom 09.01.2010/holz
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